Nur Kartoffeln und Abzocker? Über die Wahrnehmung der polnischen Politik in Deutschland

Portal der Universität Warschau. Foto: Polen.pl (JW)

Die Universität Warschau war Schauplatz der Konferenz zum Interesse der Deutschen an Polen

(Berlin, JW) Über die Frage, warum Polens Politik für Deutsche interessant ist referierte Lukas Becht auf einer Konferenz in Warschau Anfang April 2011. Diese Frage ist deswegen interessant, weil die polnische Politik für die meisten Deutschen erst einmal nicht interessant ist. Sie wird es nur, wenn es lustig, skandalös oder unreif wird. Das wäre in etwa so, als würde man von Deutschland im Ausland außer Doktortitel-Affären, Skandalen um sexuelle Außergewöhnlichkeiten von Politikern oder schillernde Parteivorsitzende mit Prozentzahlen unter den Schuhen nichts wahrnehmen. Als wären ernsthafte Parlaments- und Parteieninhalte schlichtweg nicht vorhanden. So ungefähr ergeht es Polen in der politischen Wahrnehmung Deutschlands, und damit sind – so zumindest eine Feststellung Bechts – nicht nur bunte Boulevardmagazine sondern auch wohlmeinende Wissenschaftler gemeint.

Langweilig und kleinteilig: Politik in Polen für deutsche Medien

Sicher, dem Pflichtauftrag kommen die Medien nach. So bemerkt auch Becht: Das Pflichtprogramm offizieller Staatsbesuche wird natürlich berichtet. Wenn Außenminister Westerwelle zuerst Polen besucht, dann ist das schon einen mehrsekündigen Beitrag wert. Geht es aber etwa um den polnischen Vorschlag, eine EU-Steuer einzuführen oder – noch besser – eine politische Diskussion um ein Holzkreuz in Warschau, dann macht man auch schon einmal einen längeren Beinahe-Unterhaltungsbeitrag daraus. Nein, Journalistenschelte wird dies nicht. Auch wenn eines unser Ansinnen bei Polen.pl ist, die Informationslage zu seriösen Themen zu verbessern: Pauschale Medienkritik gehört sich nicht nur nicht, sondern ist auch unfair. Auch andere Disziplinen hadern mit dem tiefgehenderen Umgang mit der politischen Entwicklung in Polen.

Polen zählt offenbar nur im Vergleich

Auch eigentlich am Schließen von Wissenslücken interessierte und an weniger tief analysierten Themen besonders interessierte Kreise scheuen den Kontakt zur polnischen Politik: Unter anderem die Politikwissenschaftler werden von Becht zu Recht gefragt, warum sie fast alle Arbeiten und Untersuchungen zur Politiklandschaft Polens vergleichend anlegen. So kann man über den Vergleich der Parteienlandschaft Polens und Tschechiens oder über den Vergleich der Parlamente von Polen und anderen osteuropäischen Ländern lesen. Werke, die sich ausschließlich Polens politischem System annehmen, fehlen. Die Frage lautet zu Recht: Gibt es dort nichts zu wissen? Nichts zu untersuchen?

Wenn untersucht wird, dann immer nur zu zwei Themen. Die haben nur, so hat der Referent auf der Konferenz interessanterweise festgestellt, ihr Haltbarkeitsdatum eigentlich schon lange überschritten. ‚Systemtransformation in Polen‘, also die Frage des Wechsels vom Kommunismus zum Kapitalismus, lautete die Überschrift vieler Referate, wissenschaftlicher Arbeiten und auch Schüleraustauschprogramme ab 1989. Heute immer noch? Ja. Dabei sollte man doch meinen, dass Polen die Transformation mittlerweile mehr als hinter sich gebracht hat. Ein Blick in die Wirtschaftsspalten der Tageszeitungen dürfte für diese Feststellung ausreichen. Polens Beitritt zur Europäischen Union (EU) ist das zweite Thema, dem sich Verfasser aktueller Beiträge nach wie vor schwerpunktmäßig widmen. Auch das ist ein Ergebnis einer Literaturanalyse. Die Frage Bechts ist auch hier berechtigt: Der EU-Beitritt hat sicherlich noch interessante Facetten, zum Beispiel hinsichtlich des Währungsbeitritts. Doch was ist mit innenpolitischen Themen wie etwa der für Außenstehende beinahe undurchschaubaren Parteienentwicklung in Polen in den vergangenen Jahren? Was ist mit der polnischen Außenpolitik? Warum tauchen große politische Vordenker Polens wie etwa Bartoszewski in deutschsprachigen wissenschaftlichen Publikationen ebenso wenig auf wie in den deutschsprachigen Medien?

Themen liegen brach

Was Becht in seinem Vortrag mit der Überschrift ‚Für die deutsche Politikwissenschaft interessante Phänomene in Polen‘ etwas sperrig anging, hat vielleicht Potenzial. Seine Idee; Offene und ungenutzte Zugänge zur politischen Politik zunächst in die politikwissenschaftliche Diskussion bringen, um einerseits inhaltliche Erkenntnisse über die polnische Politik zu gewinnen. Aber auch, um neue Erkenntniszugänge für weniger polenspezifische Problemlagen zu gewinnen. Das korrespondiert mit einem anderen Vortrag auf der Konferenz, der von Piotr Teisseyre präsentiert wurde: Wertvolle und ungewöhnliche Anregungen, Anstöße und Ansätze aus dem scheinbar grauen Polen könnten auch in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn man sie denn sieht. Die Idee Bechts, über einen Anstoß der Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Sozial- und Politikwissenschaftlern erste Saat für solche Erkenntnis zu säen, mag langwierig erscheinen. Aber möglich.

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  1. Gast
  2. Juergen

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