Ohne Arbeit, ohne Perspektive?


Zwei Zlotyscheine im Wert von 50 und 10 Zloty. Foto: Polen.pl (JW)

Junge Menschen finden häufig nur Arbeit für ein paar Zlotys. Foto: Polen.pl (JW)

(Bremen, JE) Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes fällt zusammen mit steigender Jugendarbeitslosigkeit in Polen: Wenn am ersten Mai 2011 der deutsche Arbeitsmarkt endgültig für polnische Arbeitnehmer geöffnet wird, könnten deutlich mehr Polen als bisher zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Die deutsch-polnische Industrie- und Handelskammer rechnet mit etwa 400.000 zusätzlichen Arbeitsmigranten. Wie viele Polen genau im Endeffekt hierzulande eine Beschäftigung aufnehmen werden, ist jedoch schwer vorherzusagen.

Von einer Einwanderungswelle bedrohlichen Ausmaßes, wie sie einige Skeptiker heraufbeschwören, ist schon vor dem Hintergrund der Massenemigration des letzten Jahrzehnts in Polen kaum auszugehen. Glaubt man Thorsten Schulten, Arbeitsmarktexperte des Forschungsinstituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, wird der ‚Migrationsschub‘ – von einzelnen ‚kritischen‘ Branchen abgesehen – nicht zu Lohndumping und steigender Arbeitslosigkeit in Deutschland führen.

Arbeitslos und hochqualifiziert

Dafür, dass die Polen zukünftig ihr Glück vermehrt westlich der Oder versuchen werden, spricht neben den weiterhin deutlich niedrigeren Löhnen vor allem die steigende Arbeitslosigkeit unter den – häufig gut ausgebildeten und flexiblen – jungen Menschen (Polen.pl berichtete). Laut Gazeta Wyborcza waren im Januar 466 Tausend (23 Prozent!) Polen im Alter von bis zu 25 Jahren ohne Job – etwa ein Drittel davon trotz Hochschulabschluss. Immer mehr jungen Erwachsenen wurde zuletzt ein Studium ermöglicht, doch der heimische Arbeitsmarkt nimmt sie nicht mehr auf. Die Zeiten, in denen ein Hochschulabschluss einen sicheren Arbeitsplatz bedeutete, sind schon seit den 1990er Jahren vorbei, merkt die Rzeczpospolita an. Bei der Begeisterung über den Anstieg der Studentenzahlen habe man es verpasst, sich über die Qualität der Ausbildung Gedanken zu machen.

Arbeit, egal welche

In ihrer Not müssen sich viele junge Leute unter Wert verkaufen und schlecht bezahlte Aushilfsjobs annehmen. Oder sie wandern aus. Firmen suchen – wenn überhaupt – nach Bewerbern mit Berufserfahrung und so kommt es, dass tausende qualifizierter und motivierter Polen sich im Ausland als Reinigungs- oder Pflegekräfte, als Handwerker oder Fabrikarbeiter über Wasser halten. Arbeiten, die in Polen mit einigen Złotys bezahlt werden, in Deutschland immerhin mit ein paar Euro. Eine ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit finden sie dort in der Regel auch nicht, doch ihre Ansprüche sind schon aufgrund der Erfahrungen im Heimatland gering. Wer ein Jahr lang erfolglos Lebensläufe verschickt hat, der nimmt schließlich jede Arbeit an, kommentiert Marek Szopski, Soziologe der Warschauer Universität in der Gazeta Wyborcza. Das könnte bedeuten: Wer in Deutschland eine Chance kriegt, der ergreift sie.

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  1. Brian
  2. Jens

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