(Ohne) Wurzeln im Land der Zäune: Über den Film ‚Die geteilte Klasse‘

Altes Klassenfoto aus dem Film "Die geteilte Klasse", www.die-geteilte-klasse.de

Altes Klassenfoto aus dem Film "Die geteilte Klasse". Quelle: Filmvertrieb

(Berlin, JW) Wurzeln, Heimat, Identität und Orientierung: ‚Die geteilte Klasse‘ ist ein Film von Andrzej Klamt, der sich diesen Themen subtil und dokumentarisch annehmen möchte. Klamt beobachtet einige Schüler seiner ehemaligen Schulklasse in Oberschlesien, von denen einige ‚in den Westen‘ gingen und andere in Polen blieben. Wir haben uns den Film gestern in Berlin angesehen und das anschließende Gespräch zwischen Klamt und dem Publikum verfolgt. Grundsätzliches zum Film beschrieben wir in einer Ankündigung, in der sich auch eine Terminübersicht zu den Vorführungen findet.

(Ohne) Wurzeln im Land der Zäune

Man muss den Film wohl schon drei Mal gesehen haben, um das festzustellen, was der Moderator des Gesprächs mit dem Regisseur im gemütlich-winzigen Filmtheater ‚Tilsiter Lichtspiele  bemerkte: Immer, wenn nach Deutschland ausgewanderte Protagonisten ins Bild kommen, sind auch Zäune im Bild. Nimmt man noch dazu, dass ein Interviewpartner Klamts ‚den Deutschen‘ vorwirft, keine Gesellschaft zu haben sondern ‚jeder für sich‘ zu sein, passt das zusammen. Und das ist durchaus eine Sichtweise, die es zu diskutieren gilt: Besonders die nach Deutschland gegangenen ehemaligen Mitschüler betonen die Tatsache, dass jeder sein Schicksal selbst in der Hand habe. Scheinbar jedenfalls, so wirkt es. Darauf fiel auch eine Zuschauerin herein, die ihre Frage in der Diskussion in Richtung möglicher Konflikte zwischen ‚in den goldenen Westen‘ migrierten und ‚im armen Osten‘ verbliebenen ehemaligen Klassenkameraden stellte.

Klamt konnte darstellen, dass das Klischee vom erfolgreichen Westler versus dem glücklich-armen Ostler nicht passt, schon nicht einmal in Bezug auf die von ihm dokumentierte Klasse. So gibt es die reicheren und erfolgreicheren Ex-Schulkollegen in Polen, die Spannweite zwischen arm und reich und zufrieden und unzufrieden ist auch etwa gleich weit – ob in Polen oder in Deutschland. So bekommt eine zentrale Aussage des Regisseurs eine tiefere Bedeutung: „Wieviele sind gegangen, wollten neu anfangen, sind immer wieder bei sich selbst angekommen, egal wo sie waren egal wo sie sind?“ Nicht die Entscheidung über den Lebensmittelpunkt, die Heimat oder die Wurzeln regeln persönliches Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg und all die anderen Dinge. Was es aber ist, was darüber entscheidet, lässt auch dieser Film offen. Ganz bewusst. Aber er regt zum Nachdenken an, und, soviel sei verraten: Einige Protagonisten im Film haben dazu auch ziemlich gute Ideen.

Zu viel gewollt – oder zu wenig?

Nun zu Inhalt und Ziel des Werkes. Der Film beschäftigt sich mit sehr persönlichen Interviews der ehemaligen Schulbekanntschaften. Manche Interviews sind so persönlich, dass man überrascht ist, dass die Interviewgeber der Veröffentlichung zugestimmt haben. Das ist bemerkenswert, zumal Andrzej Klamt noch darauf hinwies, dass er noch deutlich emotionalere Interviews zur Verfügung hatte, und sich – wie er sagt – zum ‚Schutz der Protagonisten‘ gegen die Verwendung dieser entschied.

Der Film beschäftigt sich nicht mit historischen Hintergründen, kulturellen Beschreibungen oder Zahlen und Fakten, jedenfalls nicht direkt. Genau das wurde allerdings in der Diskussion aus dem Zuschauerraum gefordert. Ihr sei zu kurz gekommen, welche kulturellen Differenzen die Menschen bei der Migration erlebt hätten, bemerkte eine Zuschauerin kritisch. Dass man dazu im falschen Film war, schien uns eindeutig: Die Dokumentation will ja gerade nicht die Unterschiede zwischen Kulturen, Mentalitäten und Zaunbau-Häufigkeiten bewusst beschreiben und detailliert darlegen. Dass sie das indirekt natürlich tut, wenn beispielsweise Protagonisten über die schwere Anfangszeit nach dem Umzug nach Westdeutschland berichten, wenn mehr Zäune in Deutschland zu sehen sind oder die Gebäude in Bytom, dem Schauplatz des Films in Polen, verfallen dastehen, bleibt natürlich nicht aus. Aber es steht eben nicht im Vordergrund und würde, so unsere Wertung, den Film überladen.

Wir finden, dass Klamt sich schon an die Grenzen der Ausreizung des Themas gewagt hat. Die Idee des Films, eine Generationensicht darzustellen, also zunächst aus Kindersicht auf die deutsch-polnische Welt zu schauen und anschließend aus Erwachsenensicht das gleiche zu tun, ist sehr fokussiert. Dass der Interviewleiter seinen Gesprächspartnern dabei doch immer wieder Ausflüge in allgemeine Lebensfeststellungen erlaubt, überschreitet diese Fokussierung ein ums andere Mal. Spannend zwar, doch ein wenig über den Filmschwerpunkt hinaus. Das ist nicht negativ zu verstehen, da wir die Gedankenanstöße aus den Dialogen durchaus passend fanden – doch es ist als eindeutiges Signal zu verstehen, dass Klamt gut daran tat, eben nicht noch historische Details und kulturelle Unterschiede zu beschreiben, wie es manche Zuschauer wünschten.

Konkret wurde es hinterher

Andrzej Klamt, Film "Die geteilte Klasse", www.die-geteilte-klasse.de

Andrzej Klamt, Regisseur

Dass Klamt selbst eine schwere Zeit nach dem Umzug seiner Eltern nach Deutschland – mit ihm natürlich – hatte, wurde im Gespräch deutlich. Dabei wurden auch die erfragten geschichtlichen Aspekte genannt: Auch wir wussten nicht, dass in fast ganz Polen Deutsch als Sprache an den Schulen gelehrt wurde, nur in Oberschlesien nicht. So mussten die ausgewanderten Kinder mangels Deutschkenntnissen oft zunächst mal in Internate um einen Crashkurs in Deutsch zu belegen. Keine Frage, dass der Wechsel des Umfeldes plus die Abnabelung von den Eltern negative Gefühle hervorbrachten. Auch der Zusammenhang zwischen dem Milliardenkredit der Bundesrepublik Deutschland an Polen mit der Umsiedlungsmöglichkeit der deutschstämmigen Menschen in Polen als Gegenleistung wurde in diesem Rahmen thematisiert. Und ebenso fand die melancholische Filmstimmung eine Erklärung, die der Regisseur auf persönlicher Ebene lieferte.

Thema angesprochen

Was wir, neben den sehr authentischen und nahe gehenden Interviews als große Leistung des Films sehen: Er thematisiert erstmals das nach wie vor hochsensible Gebiet der Beziehungen zwischen den deutschstämmigen Auswanderern, den Deutschen und den Menschen die ‚dablieben‘. Das nach wie vor irgendwie schwierige, komplexe und am liebsten politisch ausweichend behandelte Thema Schlesien in Verbindung mit der Last der Vertriebenendiskussion zuzüglich der latent vorhandenen polnischen Empfindlichkeit wurde damit platziert. Der Regisseur findet, dass genügend Zeit vergangen sei und nun das Wissen der zweiten Generation nach den Geschehnissen – welches er porträtiert – endlich die dritte oder vierte Generation zu einer sachlicheren Betrachtung und einem normalen Miteinander bringen könne. Und dafür ist der auch technisch gut gemachte Film, der unter anderem auf Klamts eigene Super 8-Aufnahmen aus den 80-er und 90-er-Jahren zurückgreift, ein idealer Ausgangspunkt: Er nutzt den Blick derer, die aus ‚zwei Quellen schöpfen‘ (so Klamt) zu einer Auseinandersetzung. Unser Tipp: Anschauen!

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