Von Opfern und Tätern auf dem polnischen Arbeitsmarkt

Bau der U-bahn Station Daszynskiego in Warschau. Photo: Polen.pl (BD)

Besonders häufig kommt Schwarzarbeit in der Baubranche vor. Foto: Polen.pl (BD)

(Hamburg, JE) Die Serie schlechter Nachrichten aus der polnischen Wirtschaft und vom polnischen Arbeitsmarkt dauert an. Zuletzt berichteten wir über Pleitewellen in der Bau- und Tourismusbranche. Heute möchten wir uns unter anderem einer Umfrage des polnischen Arbeitgeberverbandes PKPP Lewiatan widmen. Dieser möchte herausgefunden haben, dass etwa ein Drittel aller polnischen Firmen heute Arbeiter „schwarz“ beschäftigt – in der Baubranche sollen dies sogar bis zu 60 Prozent der Unternehmen tun. Der Prozentsatz an Firmen, die auf diese Weise Steuern und Abgaben umgehen wollen, sei innerhalb eines Jahres um fünf Prozent gestiegen.

Diskutiert wurde die Lewiatan-Studie gestern in der Tageszeitung Rzeczpospolita. Auch die staatliche Arbeitsinspektion (PIP) hätte ihr zufolge einen Anstieg von Schwarzarbeit registriert. Polnische Arbeitsämter würden sich zudem über Kunden beklagen, die eigentlich gar keine Arbeit suchen – Sie arbeiten ohne Vertrag und melden sich arbeitslos, um die Leistungen des staatlichen Gesundheitssystems in Anspruch nehmen zu können, zitiert die Rzeczpospolita einen regionalen Arbeitsamtschef.

Verantwortlich für den denkwürdigen Trend zur Schwarzarbeit machen die Kommentatoren der Zeitung einerseits die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und anderseits höhere Rentenbeiträge beziehungsweise den leicht gestiegenen Mindestlohn. Der Tenor des Artikels ist klar: Die Unternehmen werden als ‚Opfer‘ von steigenden staatlichen Abgaben in die „graue Zone“ gedrängt. Im Umkehrschluss: weniger Abgaben, weniger Schwarzarbeit. Nicht thematisiert werden dabei Vorteile für den Arbeitgeber durch eingesparte Lohnnebenkosten – Unternehmen als ‚Profiteure von Schwarzarbeit‘ – beziehungsweise die meist negativen Auswirkungen auf die Beschäftigten. So sind Schwarzarbeiter naturgemäß vom staatlichen Sozialsystem ausgeschlossen.

Das Problem der nicht dokumentierten Arbeit lässt sich jedoch nicht in einfachen Opfer-Täter-Schemen erfassen. Weder sind die betroffenen Unternehmen lediglich Opfer staatlicher Abgabenpolitik, noch sind alle schwarz Beschäftigten Opfer ausbeuterischer Unternehmer. Dementsprechend vorsichtig sollte man mit Schuldzuweisungen sein. Und doch sollte man die Verhältnismäßigkeit wahren. Polens Problem besteht nicht in Bauarbeitern, die sich zum Schein arbeitslos melden, um eine Krankenversicherung zu bekommen, sondern in Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt, die ihnen die Chance verwehren, sich mit einer regulären Beschäftigung über Wasser zu halten.

 

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