Piroggen mit Leidenschaft in Berlin

Pierogarnia in Berlin-Wedding. Quelle: http://www.pierogarnia.de/

Pierogarnia in Berlin-Wedding

(Berlin, JW) Wir stießen eher zufällig auf eine Pierogarnia in Berlin: Und zwar, als wir von einer dort stattfindenden Veranstaltung zum ‚Großen Orchester der Weihnachtshilfe‘ (WOSP) lasen. Neugierig geworden fragten wir nach einem Interview – und konnten eine engagierte Betreiberin erleben, die noch über weit mehr als hervorragende Piroggen (Polnisch: Pierogi) berichten konnte. Das Interview mit Lidia, die die Pierogarnia gegründet hat und mit Leidenschaft zum Leben erweckt, lesen Sie folgend, und natürlich verraten wir auch die Adresse und die Öffnungszeiten am Artikelende. Geführt wurde das Gespräch von Marta und Jens von Polen.pl.

Hallo Lidia, es war ja nicht so ganz einfach, einen Termin zu finden. Du hast viel um die Ohren – liegt das an der Nachfrage nach den Pierogi? 

Lidia: (lacht) Auch, tatsächlich. Wir sind schon sehr positiv überrascht, wie gut die Pierogi ankommen. Aber wir machen natürlich noch mehr als Pierogi. Zum Beispiel Veranstaltungen. Konzerte etwa, Lesungen und solche Dinge.

Richtig, Eure Teilnahme am ‚Großen Orchester der Weihnachtshilfe‘ (WOSP) war ja auch der Grund, wie wir überhaupt auf Eure Pierogarnia aufmerksam wurden. Wir dachten, dass 2012 wohl gar nichts zum WOSP in Berlin stattfindet, aber dann – kurz bevor es losging – fanden wir Euren Eintrag auf den WOSP-Seiten und die Info auf Eurer Internetseite. Wie kam das, so kurzfristig?

Lidia: Wir haben Anfang November eine Aktion mit dem Namen ‚Kinder für Kinder‘ geplant, und Anfang Januar sollte dann eine Vernissage des jungen zwölfjährigen Künstlers Vincent Gurgul stattfinden. Am 7. Januar sollten drei seiner Werke versteigert und der Erlös tags darauf beim ‚großen Finale‘ des WOSP gespendet werden. Leider erfuhren wir im Dezember, dass in Berlin kein WOSP-Finale stattfinden würde. Natürlich wollten wir den Künstler nicht enttäuschen und haben daher nach Abstimmung mit der Stiftung ausnahmsweise noch etwas nach dem Anmeldetermin die Genehmigung für eine geschlossene WOSP-Veranstaltung bekommen. ‚Geschlossen‘ meint, dass dabei nicht auf der Straße gesammelt wird. Naja, und die Auktion – wir haben die Kunstwerke versteigert, die uns von Vincent Gurgul gespendet wurden – ist auch gut gelaufen und hat allen Spaß gemacht; 600 Euro sind zusammengekommen. Wir machen öfters solche Veranstaltungen, weil wir möchten, dass unsere Pierogarnia ein Ort der Begegnung ist. Nicht nur für Polen, im Gegenteil: Am liebsten international!

Und wie lange macht Ihr das schon? Und wer seid überhaupt ‚Ihr‘?

Lidia: Die Pierogarnia haben wir vor rund anderthalb Jahren gegründet, genau am 7.7.2010. Damals in einer etwas heruntergekommenen altdeutschen Kneipe, die wir ein wenig in Eigenarbeit renoviert haben. Dort sind wir auch heute noch und fühlen uns hier im Wedding (Anmerkung der Redaktion: Ein Berliner Stadtteil) sehr wohl. Auch, weil wir hier schon sehr lange wohnen. Hier im Wedding wird ja ohnehin viel für die Stadtteilentwicklung getan, wo wir auch gern mitmachen – was ja auch ein bisschen kostenlose Werbung für unseren Bezirk ermöglicht. Mein Mann hat damals sein Angestelltendasein aufgegeben und dann haben wir – auch unterstützt von unseren Kindern und deren Freunden – die Pierogarnia eröffnet.

Mit polnischem Essen in Berlin ist das ja so eine Sache: Die ‚offiziell‘ polnischen Restaurants schließen oft schon nach kurzer Zeit. Viele Restaurants sind zwar in polnischer Hand, zeigen das nach außen aber kaum und haben oft polnische Gerichte auch eher nebenbei. Wie läuft das mit den Pierogi bei Euch?

Pierogarnia in Berlin-Wedding. Quelle: http://www.pierogarnia.de/

Gemütliches Sitzen in der Pierogarnia

Lidia: Sehr gut. Wir haben viele Stammkunden, und das sind oft keine Polen aus der ‚Polonia‘. Leute aus aller Herren Länder aus der Umgebung kommen gern, aber manche fahren auch richtig weit (lächelt) – wir hatten sogar schon Gäste, die etra aus Hamburg angereist sind. Manche Restaurants, die polnische Küche in Berlin anboten und zugemacht haben, waren auch wirklich nicht gut. Bei anderen gab es andere Gründe für die Schließung. Wir haben uns auf die traditionelle polnische Küche konzentriert, anders als Dorota und Grzegorz von Filafood, die diese eher moderner interpretieren. Wir kennen die beiden auch gut und finden auch ihren Küche toll. Wir haben einen etwas anderen Schwerpunkt.

Hand aufs Herz: Macht Ihr die Pierogi selbst, oder nutzt Ihr auch manchmal die gar nicht mal so schlechten fertigen Pierogie aus der Supermarkt-Kühltheke?

Lidia: (erschrocken) Um Himmels Willen, natürlich machen wir die Pierogi selbst! Etwas anderes kommt bei uns nicht in den Topf. Nur so wissen wir, was drin ist, zum Beispiel muss es echter Twarog aus Polen sein. Und bei den Pierogi probieren wir auch immer mal neue Saisonsorten aus. Ganz am Anfang, bei der Eröffnung, hatten wir überlegt, später die Pierogi anderswo einzukaufen, wo sie auch gut gemacht werden. Aber wir haben einfach keinen ausreichend guten Lieferanten in der Nähe finden können, oder es war zu teuer. Denn wir möchten nicht zu teuer anbieten: Erstmal geht das in Berlin nicht, schon gar nicht im Wedding. Zum anderen sollen unsere Preise erschwinglich sein. Der Nachteil des Selbstmachens: Manchmal sind bei uns bestimmte Sorten ausverkauft, wenn ich mich bei der Planung der Verkäufe vertan habe. Aber das ist dann eben so.

A propos erschwinglich: Wer kommt zu Euch zum Essen?

Lidia: (überlegt) Ach, das ist sehr unterschiedlich. Sicher, viele haben schon irgendwie eine Nähe zu Polen. Ich wundere mich im positiven Sinne immer darüber, wieviele Schüler und Studenten in Polen studieren oder studiert haben und sich freuen, dann auch in Berlin gute Pierogi zu bekommen. Auch viele, die polnisch-deutsche Ehen haben, kommen zu uns. Insgesamt kann man sagen, dass  die Hälfte unserer Gäste eine Nähe zu Polen haben, die andere Hälfte kommt einfach, weil es ihnen bei uns gefällt und schmeckt. Wir sehen uns als offenes Haus – so war das bei uns zu Hause auch schon immer. Wir leben seit 30 Jahren in Berlin, kennen viele Leute und freuen uns über Kontakte. Bei uns soll es immer ein bisschen familiär zugehen. So organisieren wir oft Live-Konzerte, oft auch von polnischen Gruppen, die sowieso in Berlin sind. Und da feiern wir dann richtig nett gemeinsam mit unseren Gästen; wir hatten schon alle Musikrichtungen hier, sogar Heavy Metal (lacht). Ich liebe solche Abende!

Ach ja: Irgendwie haben für mich Pierogi auch eine internationale Rolle. Die große Nähe zu Maultaschen oder Ravioli sorgt dafür, dass sie fast allen Menschen schmecken.

Das muss ich fragen, sorry: Welche Pierogi-Sorte läuft am besten?

Pierogarnia in Berlin-Wedding. Quelle: http://www.pierogarnia.de/

Kleine - aber feine - Speisekarte

Lidia: (lacht) Auf unserer Internetseite haben wir so eine Umfrage, wo wir die Frage nach den Lieblings-Pierogi stellen. Da stehen die klassischen ‚ruskie‘ ganz oben. Aber in der Praxis ist es sehr unterschiedlich. Viele sehen unsere Pierogie auch mal als Alternative zu Döner und Pizza, und da ist auch Vielfalt gefragt. Die, die zum ersten Mal bei uns sind, bestellen meist einen gemischten Teller. Deutsche favorisieren moderne Varianten wie die mit Spinat und Feta. Hier gibt es auch viele Vegetarier, die die Linsen-Pierogi zu schätzen gelernt haben. Die finde ich übrigens auch super, das ist ein altes Familienrezept, das ich erst vor kurzem wiederentdeckt habe. Klar, Kraut- und Pilzpierogie und solche mit Fleisch sind Geschmackssache. Unsere Saisonsorten laufen auch immer sehr gut. Im Herbst hatten wir zum Beispiel Pierogi mit Kürbis, oder wir hatten auch schon Buchweizenfüllungen. Wir haben die Logistik zur Herstellung der Teigtaschen optimiert, so dass wir nun viel mehr schaffen als früher.

Gibt’s bei Euch noch was anderes außer Pierogie?

Ja. Suppen und Rohkostsalate (Surowki) haben wir. Kuchen gibt es bei uns nur eine Sorte: Kuchen im Glas – der ist aber superlecker, den backt meine Freundin. Außerdem haben wir natürlich Tee, verschiedene Café-Sorten, kalte Getränke und verschiedene Sorten polnischen Bieres.

Eure Speisekarte bietet auch eine kleine Übersetzungshilfe Deutsch-Polnisch. Wird die genutzt?

Lidia: (lächelt) Und wie: Viele versuchen es, und bei vielen klappt es richtig gut.

Eine letzte Frage: In einer schönen Abhandlung über die Rolle der Pierogi in der internationalen Welt und in Berlin im Besonderen schreibt Ihr auf Eurer Internetseite, dass ‚Millionen Menschen, denen Teigtaschen in der einen oder anderen  Abwandlung weltweit munden (…) nicht irren (eingefügt) können‘. Ist das eine Mission? 

Lidia: Eine Mission? (lacht) Naja, so würde ich es nicht nennen. Ich möchte nur gern von den Grenzen in unseren Köpfen weg, freue mich auf Begegnung und natürlich auch solche kulinarischer Art. Und da sind Teigtaschen wie sie in der ganzen Welt vorkommen, eben ein tolles Beispiel. Finde ich.

Liebe Lidia, vielen Dank für das nette Gespräch. Wir kommen bestimmt öfter, um uns bei Euch wohlzufühlen und gut zu essen. Außerdem wünschen wir Euch weiterhin viel Erfolg und weiterhin so gute Laune bei all dem, was Ihr tut. Es war nicht nur interessant, sondern auch wirklich toll, mit Dir über Eure – ich hoffe, das kann ich so sagen – Pierogi-Leidenschaft zu sprechen.  

Pierogarnia in Berlin-Wedding: www.pierogarnia.de

Veranstaltungshinweise und Speisekarte sind online nachzulesen.

Turiner Straße 21, 13347 Berlin, U-Bhf Leopoldplatz
Geöffnet: Dienstags bis samstags von 13 bis mindestens 21 Uhr, Montag und Sonntag geschlossen

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