Polen in 14 Lektionen

"Unsere Klasse", Tadeusz Słobodzianek. Bild: Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" (Krzysztof Bielinski)

"Unsere Klasse", Tadeusz Słobodzianek. Bild: Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" (Krzysztof Bielinski)

(Köln, MST) „Dramatiker gesucht!“ titelt zurzeit noch das Theaterfestival „Neue Stücke aus Europa 2012“, bevor sich vom 14. bis zum 24. Juni der Vorhang hebt. In Wiesbaden und Mainz erhalten Dramatiker aus ganz Europa die Chance, ihre Stücke einem europäischen Publikum zu präsentieren. Natürlich ist auch Polen vertreten, in diesem Jahr mit dem umstrittenen Stück „Nasza klasa“  (Unsere Klasse) von Tadeusz Słobodzianek in Originalsprache mit deutscher Simultanübersetzung.

Ganz Europa auf einer Bühne

Im Fokus steht der internationale Austausch. Bereits zu Beginn, im Jahr 1992, setzte sich das Festival zum Ziel, alle zwei Jahre Theater aus ganz Europa auf einige wenige Bühnen zu konzentrieren. Inszenierungen sollten auch außerhalb der zahlreichen Landesgrenzen gesehen und diskutiert werden. Inzwischen gilt „Neues aus Europa“ als das größte internationale Festival, bei dem ausschließlich Theateraufführungen von zeitgenössischen Stücken präsentiert werden. Um die Vielfalt an europäischer Dramatik und szenischen Schreibens widerzuspiegeln, legt die Theaterbiennale einen besonderen Wert auf die Stücktexte. Jede Inszenierung wird in Originalsprache mit deutscher oder englischer Simultanübersetzung aufgeführt. Der qualitative Anspruch wird durch eine internationale Jury gesichert. Insgesamt 41 namenhafte Dramatiker aus Europa empfehlen als Paten der künstlerischen Leistung die besten aktuellen Stücke ihres Landes. Polen wird durch die Dramaturgin Małgorzata Sikorska-Miszczuk vertreten.

„Unsere Klasse“

Unter den ersten vorausgewählten Titeln des Gesamtprogramms ist Polen mit dem Stück „Nasza klasa“ von Tadeusz Słobodzianek vertreten. Die Inszenierung erzählt von einer Schulklasse in einem kleinen Ort kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Noch singen die jüdischen und polnischen Schüler gemeinsam, bald aber wendet sich das Schicksal besonders gegen eine bestimmte Gruppe an Kameraden. Während zunächst die Russen, dann die Deutschen einmarschieren, morden, quälen und vergewaltigen die einstigen Freunde untereinander. Nur wenigen Juden gelingt es zu überleben. In 14 Lektionen erzählt Słobodzianek vom Schicksal Polens zwischen Sowjet- und Naziherrschaft, zwischen Katholizismus, Judentum und politischer Ideologie.

Hintergrund

Mit seinem Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ (2000) leitete der Historiker Jan Tomasz Gross eine Diskussion über den tatsächlichen Hergang des Pogroms 1941 in Jedwabne (Jedwabne) ein (Polen.pl berichtete auch über sein neues provokantes Werk). Während für das Massaker an den jüdischen Mitbewohnern des Dorfs vor allem die Gestapo verantwortlich gemacht wurde, belegt Gross in seiner Publikation, dass auch Polen maßgeblich an der Ermordung beteiligt waren. Das Stück „Nasza klasa“ ist eine Reaktion auf die erste Auseinandersetzung mit Verbrechen gegenüber Juden seitens der polnischen Zivilgesellschaft überhaupt. Anders aber als in der Öffentlichkeit, wo Wissenschaft, Medien und Gerichte versuchen, die Wahrheit zu ermitteln, möchte Słobodzianek keine Antworten in seinem Drama geben. Er möchte Fragen stellen und sein Publikum in die Ausweglosigkeit seiner Figuren drängen: Hättest du das auch so getan? 2010 wurde „Nasza klasa“ mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, „Nike“ ausgezeichnet.

Das Programm ist ab dem 23. April 2012 auf der Internetseite der Theaterbiennale einzusehen. Zurzeit bietet das „Forum junger Autoren Europas“ Dramatikern aus ganz Europa die Gelegenheit in einem Workshop ihre Stücke zur Diskussion zu stellen, die zum Festival eingeladenen Produktionen zu besuchen und sich mit anderen Autoren auszutauschen. Anmeldeschluss ist der 29. Februar 2012. Voraussetzungen für eine Teilnahme sind hier zu finden.

Quellen: Trailer (polnisch) Pressestimmen zum Stück auf culture.pl (polnisch) Seite des Festivals „Neue Stücke aus Europa“

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