Polenhilfe vor 30 Jahren aber keine „Ukrainehilfe“?

Artikel aus der Neue Ruhr Zeitung, Januar 1982

Artikel aus der Neue Ruhr Zeitung, Januar 1982

(Pforzheim, JW) Kennt jemand noch den Begriff „Polenhilfe“? Der klingt heute leicht antiquiert, und was sich dahinter verbirgt, ist auch weitgehend in Vergessenheit geraten. 1980-1983 war das in Westdeutschland aber in aller Munde. Aufgerüttelt durch Medienberichte über die schwierige Versorgungslage in Polen aufgrund der Proteste der Solidarność-Bewegung und des daraufhin Ende 1981 durch die Regierung verhängten Kriegsrechts begannen verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen und Privatleute Pakete mit Lebensmitteln und Medikamenten nach Polen zu schicken. Es handelte sich damals um eine Solidaritätsbekundung der westdeutschen Zivilgesellschaft mit der polnischen, in der Solidarność organisierten Zivilgesellschaft. Die Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt hielt sich dagegen zurück, da sie die Beziehungen zur polnischen Regierung nicht gefährden wollte.

Eine europäische Solidarisierungswelle für die Ukraine vermisst Katja Petrowskaja in der FAZ und der Begriff Solidarisierung lässt mich ganz automatisch an die Solidarität der Deutschen mit den Solidarność-Aktivisten Anfang der 1980er Jahre denken.

Aber warum gab es damals diese große Hilfswelle, vom Spiegel 1982 als echte Volksbewegung bezeichnet, aber heute zwar vereinzelt Initiativen, aber keine breite Solidarisierungswelle der deutschen Zivilgesellschaft mit den Ukrainern? Vielleicht hilft es, die Beweggründe der Helfer aus den 1980er Jahren einer Analyse zu unterziehen.

Für ein Projekt zur sogenannten Polenhilfe habe ich 2010 Akteure von privaten Hilfsinitiativen nach den Gründen für ihr Engagement gefragt. Für die meisten von ihnen waren mehrere Motive ausschlaggebend: Zum einen waren viele von der Solidarność fasziniert, vom Mut und Freiheitsdrang ihrer Aktivisten und bei einigen spielte auch Antikommunismus eine Rolle. Andere bewunderten das Engagement der Kirche, von dieser Seite kannten sie die katholische Kirche nicht. Nicht zuletzt bestand die Hoffnung, dass durch die polnische Bewegung auch der Sozialismus im östlichen Teil Deutschland überwunden werden könne. Und: Wer die Kriegszeiten noch erlebt hatte, erinnerte sich an die eigene Hungererfahrung und organisierte deshalb Lebensmittelspenden. Eher zögerlich sprachen einige auch von einem schlechten Gewissen und der Chance, wiedergutzumachen, was die Deutschen den Polen einst angetan hätten.

Was können uns diese Erklärungen für das außergewöhnliche Engagement für Polen nun helfen, die Zurückhaltung gegenüber der Ukraine heute zu verstehen? Lässt man die Kirche und die Hoffnung auf Überwindung des Sozialismus mal außen vor, dann bleiben zwei zentrale Argumente, die meines Erachtens die Gleichgültigkeit der Mehrheit der Deutschen zum Krieg in der Ukraine zumindest teilweise erklären können.

Zum einen gibt es kein Bewusstsein von aus Kriegszeiten herrührender Verantwortung der Ukraine gegenüber, aus verschiedenerlei Gründen: Unser Wissen über die deutsche Besatzung in Mittel- und Osteuropa ist gering, es beschränkt sich überwiegend auf den Holocaust. Was der nichtjüdischen Zivilbevölkerung u. a. in Polen und auf dem Gebiet der heutigen Ukraine angetan wurde, entzieht sich unserer Kenntnis, wir haben davon in der Schule einfach zu wenig gehört. Die Aktivisten der Polenhilfe dagegen gehörten zu einem großen Teil zur Tätergeneration und erinnerten sich persönlich an die Kriegsverbrechen am polnischen Volk, was sie bzw. einige von ihnen zur „Wiedergutmachung“ motivierte. Auch spielt vermutlich eine Rolle, dass wir die Ukraine zu wenig als Subjekt wahrnehmen. Gegner im Zweiten Weltkrieg war die Sowjetunion, als deren Nachfolger wird Russland angesehen, dass sich aber die Kriegshandlungen und Kriegsverbrechen zu großen Teilen auf ukrainischem Boden abspielten, ist nicht in unserem Bewusstsein angekommen.

Zum anderen waren die deutschen Helfer der 1980er Jahre vom „Mut und Freiheitsdrang“ der Solidarność-Aktivisten fasziniert. In Bezug auf „Mut und Freiheitsdrang“ steht der Euromaidan heute der Solidarność in nichts nach. Das legt den Schluss nahe, dass es an uns, den Deutschen liegt, dass wir für solche Botschaften heute offensichtlich weniger empfänglich sind als Anfang der 1980er Jahre.

Die „Polenhilfe“ war gelebte Solidarität einer Zivilgesellschaft mit einer anderen, die deutsche Gesellschaft half der polnischen, während die damalige Bundesregierung weitgehend passiv blieb. Heute ist es umgekehrt: Die Bundesregierung ist der ukrainischen Regierung gegenüber positiv eingestellt, die Mehrheit der Zivilgesellschaft indifferent bis skeptisch.

Auf Druck der „Polenhilfe“-Aktivisten beschloss der Bundestag damals übrigens eine Gebührenbefreiung für Paketsendungen nach Polen, die für das gesamte Jahr 1982 galt. Nun wurde die Bundespost zwischenzeitlich privatisiert. Jedoch wäre es sicher eine schöne Geste der Bundestagsabgeordneten, in Anlehnung an die „Polenhilfe“ zur Solidarität mit der ukrainischen Zivilgesellschaft aufzurufen.

 

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  1. Brigitte Jäger-Dabek
    • Jutta Wiedmann
      • mai
        • Frank Segert
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