Polens Obdachlose kämpfen mit dem Winter

Winter in Polen. Foto: Polen.pl (JW)

Winter in Polen. Foto: Polen.pl (JW)

(Bremen, JE) Der Winter hat Polen seit einigen Wochen fest im Griff. Für das Wochenende sind vielerorts bis zu fünfzehn Grad unter Null angekündigt. Der viele Schnee ermöglicht den Wintersportlern einen frühen Start in die Saison (Polen.pl berichtete). Die traurigen Nebenwirkungen von Schnee, Eis und kalten Temperaturen sind aber auch in diesem Jahr wieder schwere Verkehrsunfälle und zahlreiche Tote durch Erfrieren.

Kaum ein Tag vergeht momentan ohne einen neuen ‚Kältetoten‘. Innerhalb der ersten acht Tage im Dezember sind bereits 53 Personen in Polen erfroren, meldeten unlängst verschiedene Medien, zum Beispiel Gazeta.pl. (8.12.2010). Besonders häufig betroffen sind Obdachlose und Betrunkene, nicht selten in dieser Kombination. Dass Alkoholismus unter Obdachlosen weit verbreitet ist, ist kein Geheimnis – unabhängig davon, was zuerst kam, das Trinken oder das Leben auf der Straße. Beides zusammen ist im Winter leider häufig tödlich.

Genügend Notunterkünfte vorhanden?

Politik und Polizei rufen die Bevölkerung auf, wachsam zu sein und die Polizei zu benachrichtigen, wenn Obdachlose in sehr kalten Nächten auf der Straße gefunden werden. Die Frage, die sich Betroffenen sowie Personen, welche sich um sie kümmern, spätestens dann zwangsläufig stellt, lautet: Wohin, wenn das Leben auf der Straße lebensgefährlich wird? Obwohl mit Sicherheit nicht geeignet, um das Problem Obdachlosigkeit an sich zu bekämpfen, sind Notunterkünfte in diesen Tagen von zentraler Bedeutung. Schon melden erste Einrichtungen, dass sie den Ansturm an ‚Kälteflüchtlingen‘ kaum noch bewältigen können. Die Gazeta Wyborcza Wrocław (2.12.2010) berichtete, dass bereits zum Anfang des Monats die verschiedenen Notunterkünfte der Stadt überfüllt waren. 400 Plätze seien in den Einrichtungen insgesamt vorhanden, für etwa 200 weitere Obdachlose mussten in den kältesten Nächten darüber hinaus provisorische Schlafplätze geschaffen werden. Das polnische Ministerium für Arbeit und Sozialpolitik räumt in einer Analyse, die sich auf den vergangenen Winter bezieht, ein, dass in größeren Städten teilweise Schlafmöglichkeiten fehlen, während in kleineren Gemeinden Betten frei bleiben.

Hilfe unerwünscht?

Verantwortlich für die Bereitstellung von Obdachlosenunterkünften sind die Gemeinden. Doch selbst wenn sie flächendeckend genügend Plätze zur Verfügung stellen würden, ist fraglich, ob die Zahl der erfrierenden Obdachlosen deutlich sinken würde. Die Polizei in Wrocław (Breslau) berichtet, dass Obdachlose ihr Angebot, sie in eine Obdachloseneinrichtung zu vermitteln, häufig ablehnen. Die Ursachen dafür können vielfältig sein. In den Einrichtungen herrscht in der Regel Alkoholverbot, viele langjährig Obdachlose fürchten sich zudem vor dem Zusammenleben auf engstem Raum, den ‚aufgezwungenen‘ Mitbewohnern und schlechten hygienischen Bedingungen.

Das Ministerium schätzt, dass etwa ein Drittel der Obdachlosen selbst bei schwierigsten äußeren Bedingungen keine Notunterkunft aufsucht. Sicher ist: Durch die Überbelegung der Einrichtungen wird der „Abschreckungseffekt“ weiter vergrößert. Wenn man 600 Obdachlose in Unterkünften, die nur für 400 ausgelegt sind, unterbringen muss, könne man keine würdevollen Bedingungen zusichern, stellt ein Einrichtungsleiter in der Gazeta klar.

Die Politik ist gefragt.

Dass Obdachlose häufig fern bleiben, darf also kein Argument dagegen sein, mehr Geld für die Errichtung und Unterhaltung von Obdachlosenunterkünften aufzubringen. Gleichzeitig müssen die Ursachen von Obdachlosigkeit stärker bekämpft werden – übrigens nicht nur in Polen. Eine wirksame Strategie gegen die ‚Kältetoten‘ muss beide Elemente miteinander verbinden. Weniger Menschen auf der Straße – mehr Plätze in den Einrichtungen; nur so kann eine alljährliche Wiederholung der Schlagzeilen über erfrorene Obdachlose verhindert werden.

Die Analyse des Ministeriums für Arbeit und Sozialpolitik befindet sich als Download auf folgender Seite:
http://www.mpips.gov.pl/index.php?gid=1607

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