Polens schwarze Seite – Ein Ausflug in die Metalszene

Vesania - ein schaurig-schönes Gruseltheater - so wie man sie auf der Bühne kennt. Orion, Valeo, Siegmar, Heinrich und Daray (v. l. n. r.) Foto: Alexander Ikaniewicz

Vesania – ein schaurig-schönes Gruseltheater – so wie man sie auf der Bühne kennt. Orion, Valeo, Siegmar, Heinrich und Daray (v. l. n. r.)Foto: Alexander Ikaniewicz

(FM, Zwickau) Die Festival-Saison ist in vollem Gange, das With Full Force nahe Leipzig lief bereits erfolgreich – das größte Metalfest in Wacken  steht erst noch bevor. Zeit einen kleinen Blick in die härteren Klangwelten zu werfen. Gerade unser Nachbarland Polen besitzt eine unglaublich große, vielseitige und lebendige Metal-Szene.

Was sich für den einen wie Krach anhört, ist für andere nicht nur Musik, sondern ein Lebensgefühl. Für all jene lohnt sich der Blick über die deutsch-polnische Grenze im musikalischen Sinne. Einige der großen Bands mit internationalen Erfolgen sind dem geneigten Hörer durchaus bekannt – Namen wie Vader, Hate, Decapitated oder die Extrem-Metaller von Behemoth sind längst auf den großen Bühnen weltweit angekommen. Doch es gibt auch Projekte, die zwar weniger bekannt, aber nicht schlechter als die bereits genannten sind.

Das schaurig-schöne Gruseltheater Vesania

Dass Metal längst nicht nur unqualifizierter Krach ist, bestätigt die Band Vesania. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Wahnsinn. Vesania stehen im weitesten Sinne für melodischen Black Metal. Das Genre zeichnet sich durch harte und schnelle Blastbeats am Schlagzeug, gutturalem Gesang (Growls – Grunzen) und gleichförmigen Gitarrenriffs gepaart mit melodramatischen Keyboardpassagen aus.

Doch Vesania lediglich auf Musik zu begrenzen, wäre falsch. Die fünf Polen sind vielmehr ein schaurig schönes Gesamtkunstwerk, das an eine Mischung aus Comedia dell Arte, schwarzer Romantik nach E. T. A. Hoffmann und klassischem griechischen Theater erinnert. Jedes der fünf Bandmitglieder spielt seine Rolle auf der Bühne, die zusammen mit Kostüm, Bühnenbild und den Songs zu immer neuen Inszenierungen verschmilzt. Ein Konzept, das man so nicht oft in der Szene präsentiert bekommt.

Black Metal im Allgemeinen – in den frühen 1990er Jahren in Norwegen entstanden – führte nicht nur gewollt ein Nischendasein, sondern machte vor allem durch brutale Morde und Kirchenbrandstiftungen in Norwegen von sich reden. Nachdem sich die Szene damit weitestgehend selbst zerstörte, weht ein etwas anderer Wind. Es gibt zwar immer noch einige, die diesem Zweig der Szene angehören, aber die Zeit hat Platz für neue Interpretationen und Spielarten geschaffen, die künstlerisch verwirklicht werden.

Vesania auf den Dächern in Warschau. Siegmar, Valeo, Orion, Daray und Heinrich (v.l.n.r.) Foto: Alexander Ikaniewicz

Vesania auf den Dächern in Warschau. Siegmar, Valeo, Orion, Daray und Heinrich (v.l.n.r.) Foto: Alexander Ikaniewicz

Vesania sind ein gutes Beispiel dafür, weil es in ihren Texten nicht um Satanische Ritualmorde und Gewaltfantasien geht, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht. Themen wie Tod, Hoffnungslosigkeit, seelisches Leiden und das Scheitern des Individuums im Allgemeinen zeigen den Menschen im Wechselspiel mit seiner Umwelt. So überrascht es auch nicht, dass Musik und Texte eine große Tiefe besitzen und in ihren Strukturen so facettenreich sind, dass man sie einige Male hören muss, bevor sie sich einem vollkommen erschließen. Dazu kommt, dass alle Bandmitglieder eine hervorragende Ausbildung an ihrem Instrument genossen haben.

Gegründet wurde Vesania bereits 1997 in Legionowo von Tomasz ,Orion‘ Wróblewski (Gesang, Gitarre), Dariusz ,Daray‘ Brzozowski (Schlagzeug) und Filip ,Heinrich‘ Hałucha (Bass) gegründet. Im Jahr 2000 kam Keyboarder Krzysztof ,Siegmar‘ Oloś zur Band, 2005 folgte Gitarrist Marcin ,Valeo‘ Walenczykowski.

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Das erste Album „Moonastray“ erschien 2002 als Split-Veröffentlichung mit der Band Black Altar nur in Polen. Bereits ein Jahr später veröffentlichte Vesania ihr erstes eigenes Studioalbum „Firefrost Arcanum“, das über Empire Records bereits europaweit verkauft wurde. Musikalisch waren die Einflüsse des norwegischen Black Metal noch stark ausgeprägt. Textlich gab es jedoch schon damals eine klare Abgrenzung. Diese Distanz zum ursprünglichen Black Metal hat sich bis heute erhalten. Im April 2005 erschien das zweite Langspielalbum „God the Lux“. Das dritte Album 2007 unter dem Titel „Distractive Killusions“ zeigte bereits deutliche Veränderungen im musikalischen Stil. War der Vorgänger noch eher brachial und rau, klang „Distractive Killusions“ deutlich harmonischer und melodiöser.

Der Erfolg gab dem Konzept der Band Recht. Es folge eine Europatournee, die sich aufgrund schlechter Partner jedoch als Flop entpuppte. Infolge dessen entschieden alle Beteiligten dem Projekt eine Pause zu gönnen; denn in der Zwischenzeit hatte der Erfolg und das außergewöhnliche Konzept den Mitgliedern Vesanias lukrative Engagements beschert. Orion ist seit dem Jahr 2003 Bassist der Extremmetaller von Behemoth. Daray saß zunächst bei Vader hinter den Drums, bevor er zu Dimmu Borgir wechselte und parallel dazu bei Hunter spielt.

Sieben Jahre nach dem letzten Studioalbum erschien im Herbst 2014 „Deus ex Machina“. Dieses Album zeigt eine ganz neue Seite der Band; es ist deutlich melodischer und kommt sehr viel rockiger daher als noch das Vorgängeralbum. Was besonders überrascht, sind die – für den Black Metal untypischen – Passagen in klarem Gesang. Aber genau diese Details sind es, die das Album abrunden und zu etwas Besonderem machen. Der Titel stammt aus dem klassischen griechischen Theater und bedeutet so viel wie „Gott aus der Maschine“. Dieser Gott aus der Maschine wurde immer dann in einem Stück eingesetzt, wenn ein Konflikt unlösbar schien und führte so zum Schluss die Handlung doch zu einem versöhnlichen Ende. In der Realität gibt es aber selten diese märchenhaften Schlüsse, in denen alles gut ausgeht – davon handelt das Album.

Vesania live in Krakau, September 2014. Foto: Franziska Markowitz

Vesania live in Krakau, September 2014. Foto: Franziska Markowitz

Die Tour durch Polen gemeinsam mit Vader war ein voller Erfolg und wer Vesania einmal live gesehen hat, liebt das gruselige Metal-Theater, das jedes Konzert neu inszeniert und das Publikum in seinen Bann zieht.

Weitere Informationen:

www.vesania.pl

https://www.facebook.com/VesaniaOfficial/

 

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