Polnische Migration an der deutschen Peripherie

Schloss der Pommerschen Herzöge. Foto: (c) nachStettin.com

Schloss der Pommerschen Herzöge in Stettin. Foto: (c) nachStettin.com

(Köln, MST) Seit jetzt mehr als einem Jahr besteht nun für den größten Teil der EU-Einwohner die Möglichkeit, unter den gleichen Bedingungen in Deutschland zu arbeiten wie die deutsche Bevölkerung selbst. So fürchteten sich viele in Deutschland am 1. Mai 2011 noch sehr vor den erwarteten zahlreichen Polen, die auf Arbeitssuche ins Nachbarland drängen könnten. Der große Ansturm aber blieb bis heute aus.

Dass Migration nicht immer eine Bedrohung darstellen muss, sondern auf bestimmte Regionen auch positive Auswirkungen hat, zeigt die Studie des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten (Instytut Spraw Publicznych – ISP) sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Warschau. Positiv sind etwa ausgleichende Effekte. Denn während die einen in die Stadt flüchten, freuen sich die anderen über das Häuschen auf dem Land.

Die Untersuchungsbasis für die Umfrage der beiden Institute bildete die Region des ehemaligen Landkreises Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern. Dort leben zurzeit 31.465 Einwohner (1, 9 Prozent) mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Im Vergleich zum gesamten Deutschland mit einem Anteil von 8,5 Prozent an Einwanderern sind die 1,9 Prozent allerdings eine äußerst geringe Zahl.

Durch die Abwanderung junger und gut ausgebildeter Deutscher leerten sich in den vergangenen Jahren Straßen und Städte dieser Region zunehmend. So verringerte sich die Anzahl der Bevölkerung seit Anfang 1991 um ein Viertel. Es fehlt vor allem an besser qualifiziertem Personal sowie jungen Menschen, die eine Ausbildung beginnen möchten.

Erfolgreiche Lückenfüller

Im Zuge der geringen Nachfrage nach Wohnraum sanken die Preise, so dass sich für die Polen attraktive Angebote auf dem Immobilienmarkt ergaben. Schnell war die enge Zweizimmerwohnung in Szczecin (Stettin) gegen ein geräumiges Häuschen auf dem Land eingetauscht. So mancher konnte sich damit einen Traum erfüllen und belebte so nebenbei die leeren Städte.

Während nun die einen von West nach Ost pendeln, überqueren die anderen die Oder-Neiße-Grenze in die entgegengesetzte Richtung. Häufig handelt es sich dabei um gut ausgebildete Polen mit Deutschkenntnissen, wie Ärzte oder Krankenschwestern. Manche Hospitäler sind auf dieses Personal angewiesen und müssten ohne die polnischen Arbeitnehmer schließen. So wird eine befragte Person in der Studie zitiert, dass es in der ganzen Region keinen [deutschen] Hals-Nasen-Ohren-Arzt gäbe, das seien alles nur Polen.

Doch profitieren die Menschen, die in diesem Randgebiet Deutschlands leben, nicht nur von der Gesundheitsversorgung durch die polnischen Ärzte. Zahlreiche Polen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und schaffen somit neue Arbeitsplätze. Häufig füllen die Einwanderer Lücken, die die Deutschen hinterlassen haben und gründen Schneidereien, Lebensmittelgeschäfte, Restaurants und kleine Lokale.

Bemüht um die Einwanderer

Mit der Belebung der Region durch Pendler und eben auch deren Familien erlebten Kindergärten und Schulen ebenfalls einen Aufschwung. Die Polen arbeiten und verbringen ihre Freizeit zwar häufig in Polen, schicken ihre Kinder aber in Schulen in der Nähe ihres Wohnorts. So wurde aus dem im Jahr 1991/2 gegründeten Gymnasium in Löcknitz 1995 eine deutsch-polnische Schule. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, Polnisch ist ein fakultatives Unterrichtsfach.

Viele Deutsche in der Region erleben die polnischen Einwanderer als Glücksfall. Die Wohnbaugesellschaften sowie die Politik zeigen sich bemüht um die neuen Bewohner. So sank der Leerstand in Löcknitz auf drei Prozent (vor 2004: 12 Prozent) und seit 2009 besteht die Initiative ‚Euroregion Pomerania‚. Diese bietet eine Anlaufstelle, die bei der Orientierung im neuen Land hilft und über alles Wissenswerte aus der Region berichtet.

Schwarze Schafe

Doch es gibt auch schwarze Schafe, die das Bild der idyllischen Koexistenz trüben. Das sind zum Beispiel polnische Migranten, die sich erhoffen, von den Sozialleistungen in Deutschland zu profitieren. Ein Teil aber – wie die Studie schreibt – hat diesen Plan, der sich als weniger lukrativ erwies als erwartet, verworfen, und das Land wieder verlassen. Verstimmungen bei Deutschen über deren Art und Weise, den Lebensunterhalt zu bestreiten – und daraus wachsende Ressentiments – erscheinen nachvollziehbar.

Ein weiteres Problem stellt die NPD mit ihren Parolen gegen die polnischen Einwanderer dar. Besonders beliebt ist der antipolnische Slogan, dass die Fremden den Einheimischen die Arbeitsplätze streitig machen. Dass die Region im Gegenteil aber von den ausländischen Arbeitnehmern einen Nutzen hat, wird von dieser Seite verschwiegen. Zuletzt machte die Partei in der Region in Bezug auf die polnischen Einwanderer während der Kommunalwahl 2009 Schlagzeilen. So nannten die drei Kandidaten aus Polen unter anderem auch die feindlichen Kampagnen als Grund für ihre Niederlage.

Die Region Uecker-Randow ist ein Beispiel aus vielen weiteren Grenzgebieten, in denen die Menschen zweier Länder sich positiv beeinflussen. Migration schließlich stellt keine Bedrohung dar. Und wie zum Schluss in der Studie festgehalten wird, so war der 1. Mai 2011 ein Resultat des Beitritts Polens 2007 in die Schengenzone.

 Quellen:

Die Studie selbst.

Beitrag zur Kommunalwahl 2009 in Vorpommern.

Beitrag zur Polenfeindlichkeit in Vorpommern.

Das Buch dazu: A. Łada, J. Segeš Frelak (Hrsg.), Eine Grenze verschwindet. Die neue polnische Migration nach Deutschland aus lokaler Perspektive, Warschau 2012.

 

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