‚Polnisches Lidl‘ in der Kritik

Werbeschild der Supermarktkette Biedronka. Foto: Polen.pl (JW)

Werbeschild der Supermarktkette Biedronka. Foto: Polen.pl (JW)

(Bremen, JE) ‚Täglich niedrige Preise‘ – das ist der Slogan der größten polnischen Supermarktkette Biedronka (‚Marienkäfer‘). Der Preis, den die Beschäftigten des Unternehmens dafür zu zahlen haben, scheint jedoch alles andere als niedrig zu sein. Am Montag den 3. Januar 2011 kam es erneut zu Protesten vor der Warschauer Zentrale des portugiesischen Konzerns Jeronimo Martins – dem Besitzer des Discounters.

Der Gewerkschaftsbund NZZ Solidarność, welcher die Demonstration organisierte, wirft dem Konzern vor, bei landesweit ca. 50 Angestellten den Arbeitsvertrag nicht verlängert zu haben, da diese ihre Mitgliedschaft in der Gewerkschaft nicht beenden wollten. Der Arbeitgeber hätte den Mitarbeitern zuvor ein entsprechendes Ultimatum gestellt (siehe onet.pl vom 3.12.2011). Die Betroffenen sehen sich aufgrund ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft diskriminiert, die Solidarność möchte die Rechte ihrer Mitglieder gerichtlich einfordern.

Eine Kette von Vorwürfen

‚In besonderer Weise interessieren wir uns für die Angelegenheiten unserer Mitarbeiter und ihrer Familien‘ – dieses Bekenntnis auf der Biedronka-Homepage klingt mit Blick auf die jüngsten Ereignisse eher wie eine Drohung. Dass Arbeitnehmer sich bei einem der größten Arbeitgeber Polens nicht gewerkschaftlich engagieren sollen, wirft Zweifel an der Geschäftspraxis des Discounters auf. Doch schon in der Vergangenheit hat der freundliche Marienkäfer die Belange seiner Angestellten nicht immer ganz ernst genommen. 2004 deckte das Fernsehmagazin TVN Uwaga! auf, dass die Supermarktkette in mehreren Fällen Überstunden nicht rechtmäßig entlohnt hatte. Solche und ähnliche Missstände – unter anderem sollen weibliche Angestellte zu körperlich unverhältnismäßig schweren Arbeiten gezwungen werden – hat die ‚Gesellschaft durch Biedronka Geschädigter‘ (Stowarzyszenie Poszkodowanych Przez Wielkie Sieci Handlowe ‚Biedronka‘), seitdem immer wieder angeprangert und auf ihrer Homepage www.stowarzyszenie-biedronka.pl veröffentlicht. In zahlreichen Gerichtsverfahren wurden sie aufgearbeitet – scheinbar ohne ein Umdenken bei den Verantwortlichen auszulösen.

Unternehmen unter Druck?

Der Unmut über Biedronka wächst inzwischen auch an anderer Stelle. Viele Konsumenten sind unzufrieden mit der ‚Qualität‘ der günstigen Artikel. Es lohnt sich, diesbezüglich die Parodien auf YouTube anzuschauen. Bisher bleibt es jedoch in der Regel beim humorvollen Lästern über die ‚frischen‘ Bananen mit der seltsamen Farbe oder die ‚modernen‘ Elektrogeräte, die keiner braucht. Wirklich bedroht muss sich der Marktführer-Marienkäfer heute weder durch kritische Konsumenten, noch durch protestierende Gewerkschaftler fühlen. Für die Beschäftigten des Discounters ist das eher keine gute Nachricht.

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