Prince Disco Polo: Eine kulturelle Annäherung per Schokoriegel und Musik?

Eine Party in Polen. Foto: Polen.pl (JW)

Auf vielen Partys in Polen gehört Disco Polo zum guten Ton

(Berlin, JW) Wer erstmals in Polen unterwegs ist, stolpert meist über zwei ‚Polos‘, die für Polen-Neulinge erst einmal ungewohnt wirken. Wer häufiger dort ist, wundert sich dagegen gar nicht mehr so darüber. Einer der beiden ‚Polos‘ taucht in quasi jedem Supermarkt, Kiosk oder Tankstellenshop im Süßwarenregal auf: Es handelt sich um einen Schoko-Waffel-Riegel mit dem Vornamen ‚Prince‘. Neben dem ‚Prince Polo‘ gibt es noch einen weiteren ‚Polo‘, und der hat gar nichts mit Süßigkeiten zu tun: Dieser erschallt lautstark nicht nur auf Dorffesten, sondern auch zu Feten aller Art: Der ‚Disco Polo‘. Auch wenn die beiden Dinge wenig miteinander zu tun zu haben scheinen, so widmen wir ihnen doch diesen etwas augenzwinkernden Kommentar: Mit dem Fragezeichen, ob es dahinter eine kulturelle Identität geben kann.

Provinziell oder prägend?

Was als Musikrichtung auf Parties, Hochzeiten und Zeltfesten regelmäßig insbesondere die mittleren Altersgruppen von den Bänken auf die Tanzflächen zieht und bassstark aus den Lautsprechern tönt, trägt seit den frühen neunziger Jahren den Namen ‚Disco Polo‘. Für Ersthörer klingt es gar nicht mal ungewohnt: Ein bisschen wie eine Mischung aus Italo-Disco, Neunziger-Disco und polnischer Volksmusik. Das Ganze ist fetzig, tanzbar, eingängig und – vor allem natürlich für des Polnischen mächtige Menschen – gut mitsingbar: Die Texte sind immer auf Polnisch. Sozusagen der ‚moderne Schlager‘ Polens, der massenkompatibel und gleichermaßen beliebt ist. Fast jedenfalls: Die ‚coolen Großstädter‘ Polens und auch die oberen Schichten halten den Disco Polo für provinziell. Daran könnte sogar etwas Richtiges sein, denn Elemente polnischer, ukrainischer und weißrussischer Volksmusik finden sich darin wieder – gepaart mit Disco-Sounds der Neunziger. Die Wikipedia-Autoren schreiben dazu, dass es sich um eine polnische Variante des ‚Euro-Disco‘ handelt. Zwar kann sich der Autor dieses Beitrags unter europäischer Discomusik auch wenig vorstellen, aber es wird wohl schon stimmen. Was die Wikipedia-Artikel-Verfasser zum Disco Polo auch wissen: Die Musikrichtung sei nicht nur in Polen beliebt, sondern auch in Asien. Das überrascht, aber man wundert sich natürlich nicht über musikalische Vorlieben: Opulent und bunt sind die Disco Polo-Sounds auf jeden Fall.

Populär sind dabei Gruppen wie Toples, Mega Dance oder Milano – die man in Deutschland allesamt nicht kennt. Wer neugierig geworden ist: Wir haben ein beispielhaftes Video unten in diesem Artikel eingebaut. Entstanden ist die Musikrichtung, die heute noch so viele Tanzbewegungen auf den Tanzflächen Polens prägt Anfang der neunziger Jahre. Populär wurde sie (nach mehreren Quellen) vor allem durch die Gruppe Blue Star mit Slawomir Skreta, woraus später ein Plattenlabel gleichen Namens entstand. Die Fernsehsendung ‚Disco Relax‘ auf dem Sender Polsat verschaffte der Musikart Ende der neunziger Jahre noch mehr Publikum. Und der Disco Polo ist noch lange nicht tot: Es gibt im Internet Radiosender namens DiscoPolo.fm, Disco Polo Radio und so weiter; auf YouTube erreichen die Hits nach wie vor riesige Abrufzahlen – und spätestens der Besuch eines Stadtfestes in Polen zeigt, dass die Musik bei den Menschen ankommt. Das unten zu sehende Disco Polo-Beispiel ist zugegeben vielleicht etwas klischeehaft: Das Stück ‚Bara Bara‘ von Milano (Bara Bara heißt soviel wie ‚Sex machen‘) bietet nicht gerade wesentlichen inhaltlichen Tiefgang, wie der Titel schon verspricht. Musikalisch ist das Stück dagegen schon repräsentativ.

Auch populär, auch süß

Ebenso süß wie viele Damen in Polen die Jungs von Milano finden, ist auch der Schokoriegel ‚Prince Polo‘ vom Lebensmittelkonzern Kraft Foods, der in Polen unter dem Namen ‚Olza Prince Polo‘ verkauft wird. Auch er hat eine prägende Wirkung: Viele zum Beispiel nach Deutschland ausgewanderte Polen bringen sich von Heimatbesuchen als Süßigkeiten nicht nur die traditionelle Wedel-Schokolade mit, sondern auch: Richtig, einen oder gleich mehrere Prince Polo-Riegel. Dieser hat schon viele Nachahmerprodukte angezogen, die ähnlich aussehende Verpackungen und einen grundsätzlich vergleichbaren Geschmack aufweisen: Princessa zum Beispiel, oder Grzeski. Viele sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass das – aus Verwendersicht – Original (eben Prince Polo) einfach am besten schmecke. Daher bestehen wir auf der Formulierung ‚grundsätzlich vergleichbaren Geschmacks‘. Und wohl deswegen ist dieser Riegel unter den bauähnlichen Produkten in den Supermärkten auch oft der teuerste. Und das, obwohl heute ein amerikanischer Großkonzern dahintersteht. Allerdings hat nach verschiedenen Marktanalysen in den vergangenen Jahren das Nestlé-Konkurrenzprodukt ‚Princessa‘ den Polo-Prinzen in Sachen Verkaufszahlen bereits überholt – und mittlerweile auch preislich ziemlich gleichgezogen. Aber zurück zur identitätsstiftenden Wirkung dieses Schokoladenriegels: Erfunden wurde die süße Leckerei, von der es ähnliche Riegel in Deutschland erst seit kurzem unter anderen Handelsnamen gibt, 1955 in Polen. Und zwar von einer Firma namens Olza S.A. aus Cieszyn (Teschen), die 1993 von Kraft Foods übernommen wurde. Somit besteht auch hier eine Verbundenheit aufgrund der Entstehungsgeschichte. Und trotz aller Vermutungen konnten wir kein Indiz dafür finden, dass die Namensgebungen irgendwie zusammenhängen oder irgendwie mit der Herkunft korrespondieren. Aber vielleicht habe unsere Leserinnen und Leser eine Idee?

Ein Disco Polo-Video bei YouTube: Bara Bara von Milano

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