Quo vadis, Polen? oder warum Sienkiewicz dieses Jahr Kulturpatron ist

Porträt von Henryk Sienkiewicz / Gemeinfrei

Porträt von Henryk Sienkiewicz, Foto: Gemeinfrei

(München, KL) Eines haben sie gemeinsam, die Kulturpatrone des Jahres 2016: Sie sind patriotische Helden. Ihre Werke und ihre Taten formten Generationen von Polen und Polinnen. Es überrascht also nicht, dass die Entscheidung der Kommission für Kultur im Sejm auf den Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz sowie den Komponisten zahlreicher patriotischer Lieder, Feliks Nowowiejski, fiel. Auch den Fallschirmagenten der polnischen Exilstreitkräfte, den sogenannten Chichociemni, wird dieses Jahr die Ehre zuteil, Kulturpatrone zu sein. Die im Oktober gewählte Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, kurz PiS) besinnt sich nicht nur auf den Patriotismus, sondern auch auf die katholischen Wurzeln des Landes. Erinnert wird an das wichtige Ereignis der Nationengründung, als Polen vor 1050 Jahren getauft wurde.

Erster polnischer Nobelpreisträger

Henryk Sienkiewicz war der erste Pole, der einen Nobelpreis für Literatur erhielt. „Seine historischen Romane gaben Generationen von Polen in Zeiten nationalen Unglücks seelischen Halt“, so die Begründung der Kommission. Er war ein Botschafter des Polentums. Einer, der als geistiger Hetman (Heerführer im ehemaligen Königreich Polen) der Polen bezeichnet wird. Sienkiewicz schrieb, als sein Land von drei Großmächten – Preußen, Russland und Habsburg – geteilt war. Die Einigung des Volkes ist die Konstante seiner Prosa. Deshalb wird Sienkiewicz solch eine hohe Würdigung zuteil, denn sein Erbe bildet die Grundlage für die patriotische Erziehung junger Generationen von Polen. „Wir alle tragen Ihn in uns“ (My wszyscy z niego), heißt es im Schreiben der Kommission.

Am 15. November jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Dazu wird es im Verlauf des Jahres zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen geben, die an das vielfältige Werk des Autors erinnern sollen. Es stellt sich also die Frage, warum lieben Polen Sienkiewicz?

Historischer Roman

„Mit Geschichte will man etwas“, so Alfred Döblin in seinem Aufsatz Der historische Roman und wir. Das historische Erzählen stellt für Döblin eine Möglichkeit dar, die Gegenwart distanziert zu betrachten. Auch wenn wir heute mit einem historischen Roman zu allererst opulente Kulissen, Kostüme, epische Szenen, Intrigen und Heldentum verbinden, die ins Kitschige abzugleiten scheinen, erlebte der historische Roman im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt.

Er diente der Identitätsstiftung von Nationen. In der Romantik fingen Autoren an, sich für Geschichte zu interessieren. Damit sollte die Vergangenheit nicht verklärt, sondern gedeutet werden.  Man denke nur an Werke wie Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo, Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper oder Krieg und Frieden von Lev Tolstojsie alle setzten sich aus einer komplexen Verflechtung aus Historie und Fiktion zusammen. Sie versuchen zu erklären, wie das Individuum in ein politisches und psychologisches Ereignis verflochten ist. Ein historischer Roman ist eine narrative Erkenntnis über das „wie“ und „wozu“.

Auch Sienkiewicz wollte mit Geschichte etwas – dem gebeutelten polnischen Volk Mut machen. Doch bis der historische Roman Sienkiewicz‘ Signatur wurde, durchlief der Autor einen langen publizistischen Weg.

Geschichte schreiben

Henryk Sienkiewicz im Safari Stil von Juliusz Mien / gemeinfrei

Henryk Sienkiewicz im Safari Stil von Juliusz Mien, Foto: Gemeinfrei

In der Woiwodschaft Lublin 1846 geboren, die damals dem Russischen Kaiserreich angehörte, wuchs Sienkiewicz bereits als kleines Kind mit der Bedeutung des Patriotismus auf. Sein Vater Józef Sienkiewicz, ein armer Landadeliger, war nämlich am polnischen Unabhängigkeitskampf beteiligt. Später zog die Familie nach Warschau. Hier studierte Sienkiewicz Geschichte und Literatur. Diese Kombination sollte später ein roter Faden seiner Prosa werden. Doch zuerst beginnt seine Reise im Feuilleton. Als Auslandkorrespondent für die Zeitung Gazeta Polska begeisterte er das polnische Publikum mit Berichten aus Amerika. Nach seiner Rückkehr entstanden die Listy z podróży do Ameryki (Briefe aus Amerika), mit denen er einen großen Erfolg feierte. Danach folgten viele Reisen durch Europa, die ihm eine Möglichkeit boten, die Geschehnisse in seiner Heimat zu reflektieren.

In dieser Zeit schrieb Sienkiewicz kurze Erzählungen und Novellen, die dem polnischen Positivismus zugerechnet werden. Eine literarische Strömung, die in Deutschland unter dem Namen Realismus bekannt ist. In Polen aber wirkte die Strömung über das Literarische hinaus. Die Positivisten wollten nämlich das polnische Nationalbewusstsein stärken. Viele Intellektuelle organisierten „fliegende Universitäten“ und polnische Sprachkurse, denn unter der russischen und deutschen Obrigkeit herrschte eine strenge Sprachenpolitik. Die Positivisten hatten eine klare Vision für Polen: Sie wollten eine neue Gesellschaft auf kapitalistischer säkularer Grundlage bilden, die Emanzipation der Frauen sowie die Assimilierung der Juden voranbringen und der Germanisierung sowie Russifizierung entgegenwirken. Auf der literarischen Ebene äußerte sich das in Kurzgeschichten und Novellen, die zeitgenössische moralische und soziale Missstände beleuchteten. In diesem Milieu agierte Sienkiewicz. Doch das Schildern aus dem Hier und Jetzt reichte ihm nicht aus. Die Geschichte hatte Sienkiewicz schon immer fasziniert, deshalb wandte er sich dem historischen Roman zu.

Mit Feuer und Schwert

Als Fortsetzungsroman erschien 1883 in der Warschauer Zeitung Słowo (Das Wort) der Roman Ogniem i mieczem (Mit Feuer und Schwert) – der erste Teil einer Romantrilogie, die die Geschichte der Aufstände und Kriege der Adelsrepublik Polen-Litauen zwischen 1648-1672 erzählt. 1886 folgte der zweite Teil Potop (Sintflut) und 1888 schließlich Pan Wołodyjowski (Herr Wołodyjowski).

Eine Illustration von Juliusz Kossau für den Roman "Mit Feuer Schwert"/ Gemeinfrei

Eine Illustration von Juliusz Kossak für den Roman „Mit Feuer und Schwert“, Foto: Gemeinfrei

Es ist eine turbulente Zeit, die Sienkiewicz in der Trilogie monumental einfängt: Von der Rebellion der Kosaken unter Hetman Bohdan, über die Invasion der Schweden hin zur Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Viel Action, Liebe sowie vaterländischer Stolz. Und doch ist diese Trilogie mehr als nur ein Abenteuerroman. Sienkiewicz reflektiert eine zeitgenössische Debatte, die sich um die Bewertung der Adelsrepublik drehte. War die Teilung selbstverschuldet? Egoismus und Verfall des Adels wurden als Ursache gesehen. Oder konnte man dem Zeitalter der Katastrophen dennoch etwas Positives abgewinnen? Schließlich wurde in der polnischen Aufklärung 1791 die erste Verfassung verabschiedet. Die Aufstände in der Trilogie erscheinen vor dem Hintergrund der Aufstände gegen die Besatzer im 19. Jahrhundert wie ein prophetischer Appell. Denn die Trilogie endet mit dem Sieg von König Jan III. Sobieski gegen die osmanische Armee in der Schlacht am Kahlenberg. Haltet durch, es kommen bessere Zeiten, so die Message. Nicht nur die Elite las seine Romane, sondern das breite Massenpublikum. Eine nationale Ikone war geboren.

Feindbild Preußen im Roman Kreuzritter

Auch den Kreuzrittern (Krzyżacy) widmete Sienkiewicz einen Roman, denn die Schlacht bei Grunwald (Tannenberg) 1410 gehört zum polnischen Nationalmythos. Er erschien 1900 und wurde in über 25 Sprachen übersetzt.

Als im 13. Jahrhundert Herzog Konrad von Masowien die Kreuzritter des Deutschen Ordens nach Polen holte, um ihm bei der Christianisierung der Balten zu helfen, wird ein Grundstein für eine fast 200 Jahre währende Macht der Bruderschaft gelegt. Das ist der Hintergrund des Romans, der im 14. Jahrhundert angesiedelt ist. Erzählt wird das Schicksal einiger Protagonisten, die unter der Schreckensherrschaft der Kreuzritter viele Verluste erleiden müssen. Liebesgeschichte inklusive. Am Ende gipfelt der Roman in der finalen Schlacht bei Grunwald. Das Königreich Polen unter König Władysław II. Jagiełło geht als Sieger hervor, der Ritterorden als Verlierer. Kritiker prangerten die schwarz-weiß Schablone „Böses Deutschland – edles Polen“ an. Das Feindbild, das Sienkiewicz thematisiert, kann aber nur vor der historischen Folie gelesen werden. Zu seiner Zeit war der imperialistische Charakter Preußens jedem Polen ein Dorn im Auge. Sienkiewicz‘ Heldenepos ist daher ein Lobgesang auf den polnischen Freiheitskampf. Und zur Stärkung der Herzen, wie er schrieb.

Quo vadis?

Langläufig nehmen viele Menschen an, dass Sienkiewicz 1905 für Quo vadis? den Nobelpreis erhielt. Die Auszeichnung galt aber dem gesamten literarischen Oeuvre. Wie all seine anderen Romane auch, publizierte Sienkiewicz Quo vadis? als Folgeroman in der Zeitung Gazeta Polska zwischen 1895-96. Worin gründet der Erfolg des Romans, der seither in über 40 Sprachen übersetzt wurde? Zum einen liegt es am literarischen Handwerk Sienkiewicz‘, zum anderen an der opulent inszenierten Geschichte.

Der Tod von Titus Petronius, eine Figur aus dem Roman "Quo Vadis?" von Konstantin Jegorowitsch Makowski 1904 / Gemeinfrei

Der Tod von Titus Petronius, eine Figur aus dem Roman „Quo Vadis?“ von Konstantin Jegorowitsch Makowski 1904, Foto: Gemeinfrei

Er entführt den Leser ins spätantike Rom, in die Zeit der Schreckensherrschaft Neros. Detailverliebt gibt er dokumentarisch die historische Wirklichkeit wider. Er zeigt die dekadente und grausame Seite Roms, die von Gewalt gezeichnet ist. Seien es brutale Gladiatorenkämpfe, Hinrichtungen, der von Nero angeordnete Brand Roms oder schließlich die bestialische Christenverfolgung. Und mittendrin im Strudel des Chaos spielt sich eine Liebesgeschichte ab. Ein junger Offizier und Patrizier des römischen Feldherrn Corbulo, Marcus Vinicius, verliebt sich in die Königstochter Lygia. Sie ist Christin und lebt bei einer reichen römischen Familie, die zum Christentum konvertiert ist, jedoch ist sie aus dem Volk der Lygier (das etwa im Raum des heutigen Schlesiens liegt) und wurde als Sklavin von einem Feldzug mitgebracht und als Tochter angenommen. Eine Tragödie scheint vorprogrammiert zu sein. Doch es wäre nicht Sienkiewicz, wenn diese Love-Story nicht mit einem Happy End enden würde. Schließlich behauptet sich das Christentum in der Geschichte.

Mit seinem Roman Quo vadis? ist Sienkiewicz in guter Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert erschienen einige historische Romane, die in der Spätantike spielen. 1834 kam The Last Days of Pompeii von Bulwer-Lytton heraus und 1880 Ben-Hur von Lewis Wallace. Was alle drei Romane gemeinsam haben: ihr cineastisches Appeal, der einen Massengeschmack trifft. 1951 wagte sich Hollywood an die Verfilmung von Quo vadis? mit Peter Ustinov als Nero – bis heute ein Klassiker.

Selbst zu Lebzeiten spalteten sich die Geister über Sienkiewicz. Die einen liebten seine patriotischen Werke von vergangenen heldenhaften Zeiten. Die anderen prangerten die schablonenhafte Welt an, die er in seinen Romanen erschuf. Die Welt sei komplex und kein Abenteuerroman, so die zeitgenössischen Kritiker. Solche Diskussionen sind vorbei, was bleibt ist ein Klassiker der Weltliteratur.

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Comments
  1. Anton Padua
  2. lexikonbesitzer
  3. Katharina Lindt

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