Reisebericht eines Gedenkdieners über ein Wochenende in Lublin

Lublin Stadttor 2013/ Photo: polen-pl.eu (CP, 2013)

Lublin Stadttor 2013/ Photo: polen-pl.eu (CP, 2013)

Christian leistet seinen österreichischen Zivildienst in einer besonderen Form, dem sogenannten Gedenkdienst, zu dem er gerne auch direkt Auskunft gibt. Im Rahmen dieses Dienstes wird er für ein Jahr im polnischen Oświęcim in der Holocaust-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau arbeiten. In loser Folge wird Christian mit seinen Gastbeiträgen den Polen.pl-Lesern von seinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen berichten. Heute erscheint sein erster Beitrag.

(Oświęcim, CP) Ich möchte über meine Reise nach Lublin berichten, die im vergangenen Februar stattfand. Ich besuchte Daniel, einen Gedenkdienst-Kollegen aus Oberösterreich, der in der Holocaust-Gedenkstätte Majdanek arbeitet.

Lublin – Die Stadt

Lublin ist eine der ältesten Städte Polens, die im Jahr 1198 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Die mit ca. 400 000 Einwohnern größte Stadt im ostpolnischen Raum liegt östlich der Weichsel (Wisła), ca. 100 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Zudem blickt die Stadt in vielerlei Hinsicht auf eine bewegte Geschichte zurück, da sie aufgrund ihrer Bedeutung für den Handel lange Zeit heiss umkämpft war und im Laufe der Geschichte abwechselnd von verschiedenen Feinden heimgesucht wurde. Die Stadt hat auch architektonisch viel zu bieten, z.B. die prächtig verzierten Adelshäuser in der historischen Altstadt sowie, ähnlich wie andere polnische Städte, einen Mix aus Moderne und realsozialistischen Plattenbausiedlungen.

Während des Zweiten Weltkrieges errichteten die Nazis in der Stadt ein Ghetto. Auch hier wollten sie ihren grausamen Plan, nämlich die Vernichtung aller Juden und Roma nach den Plänen der sogannten „Aktion Reinhardt„, in die Tat umsetzen. Dies hatte u.a. zur Folge, dass die Nationalsozialisten im Jahre 1941 das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanekerrichteten.

Ähnlich wie in Auschwitz wurden auch dort abertausende Menschen, die nicht dem irrationalen Weltbild der Nazis entsprachen, nach dem Prinzip berechneter industrieller Vernichtung ermordet. Majdanek zeichnet sich dazu noch auf makabre Weise dadurch aus, dass es de facto „mitten in der Stadt“, auf einer kleinen Anhöhe im Stadteil „Majdan Tatarski“ liegt.

Da ich ein sehr intensives historisches Bewusstsein habe, wollte ich diesen Ort des Grauens nochmals, ich war bereits vor drei Jahren dort, besuchen und noch mehr in Erfahrung bringen. Damals war ich Teilnehmer eines internationalen Jugendaustausches. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als meine Knie zu zittern begannen, als wir damals mit unserer Gruppe die Baracke betraten, in welcher sich über 40 000 Schuhe der im Lager getöteten Menschen, befanden. Außerdem war dies damals, neben dem Besuch im etwas kleineren österreichischen KZ Mauthausen, mein erster Besuch einer größeren KZ-Gedenkstätte. Also war der erste Eindruck damals, einfach ein Gefühl der Ohnmacht.

Doch gleichzeitig ist Lublin auch eine Stadt voller Leben! Sie ist nämlich auch eine sehr beliebte Studentenstadt und bietet darüber hinaus viele interessante Freizeit- und Kulturangebote. Mitunter auch ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich dorthin begab.

Freitag – Anreise

Am Freitag kam ich gegen 20.50 mit dem Zug aus Krakau am Hauptbahnhof Lublin an. Ich traf mich gleich mit meinem Kollegen Daniel. Nach einer kurzen Fahrt mit dem Bus kamen wir bei seiner in einem riesigen Plattenbau mit acht Stockwerken liegenden Wohnung an. Er wohnt zusammen mit einer Freiwilligen (dem Gedenkdienst verwandte Arbeit, allerdings nicht im Rahmen des Zivildienstes) aus Deutschland und einem Freiwilligen aus der Ukraine. Leider hatte ich keine Gelegenheit, diese MitbewohnerInnen kennenzulernen, da sie beide auf Reisen waren.

Samstag – „Eastside-Festiwal“

Am Samstagnachmittag machten wir uns auf den Weg zum „Eastside-Festiwal“ in der Lubliner Globus-Halle. Dort traten einige populäre polnische Rockbands auf: Luxtropeda, Muchy, Łąky Łan, Rotten Bark, Happysad und „last but not least“ Strachy na Lachy, welche als „Headliner“ wohl die Stimmung in der Halle am meisten anheizten. Daniel und ich waren sehr zufrieden mit der guten Musik und genossen die Stimmung in der Halle. Zudem war das Bier für „Festival-Verhältnisse“ sehr preiswert und das vorwiegend jugendliche Publikum einfach Spitze.

Sonntag – Flohmarkt und Altstadtspaziergang

Am Sonntagvormittag begaben wir uns schliesslich in die historische Altstadt von Lublin. Daniel empfahl mir ein traditionell polnisches Lokal, wo man für umgerechnet 4 € eine riesige Portion köstlicher polnischer Pierogi (verschieden gefüllte Teigtaschen – ein Nationalgericht!) und dazu eine schmackhafte Haussuppe bekommt. Nach dem defftigen Essen machten wir uns auf die Suche nach kleinen Flohmarktständen, die man am Sonntag rund um den „Rynek“ (Marktplatz) verteilt findet. Dabei stiessen wir auf die unterschiedlichsten Gegenstände; von Devotionalien aus der Kriegszeit, über Orden der polnischen Volksrepublik, bis hin zu alten Gramophonen und Plattenspielern aus längst vergangenen Tagen gab es einfach alles an diesen Ständen. Ausserdem begegnete uns ein älterer Mann, der uns sehr interessante Details über seine Zeit als Zwangsarbeiter in Sachsen erzählte, als er während des Krieges im Alter von 16 Jahren dorthin verschleppt worden war.

Das Gespräch mit dem Herrn war wirklich beeindruckend, vor allem, weil mein Urgrossvater Jan ebenfalls von den Nazis nach Sachsen zur Zwangsarbeit gebracht worden war. Also war es theoretisch möglich, dass dieser Mann meinen Urgrossvater dort einmal getroffen haben könnte; was in mir natürlich etwas melancholische Gefühle auslöste. Nach dem Flohmarkt-Spaziergang, suchten wir uns ein gemütliches „Irish-Pub“ in der Lubliner Altstadt und genehmigten uns dort eine kleine Zigarettenpause mit einem schmackhaften „Irish-Coffee“.

Montag – KZ-Gedenkstätte Majdanek

Majdanek Gedenkstätte. Photo: polen-pl.eu (CP, 2013)

Majdanek Gedenkstätte.

Am Montag war es soweit: wir standen etwa um 8 Uhr morgens auf und frühstückten recht schnell, da Daniel spätestens um 9 Uhr im Büro sein musste. Also fertiggegessen und auf zum Bus – letzte Haltestelle – Majdanek! Gegen 9 Uhr kamen wir in der Gedenkstätte an. Zuerst tranken wir noch einen Kaffee in Daniels Büro, dann gingen wir los.

Daniel hatte vor kurzem seine Ausbildung zum „Guide“ abgeschlossen und war so nett, mir persönlich eine Führung durch die Gedenkstätte zu geben. Zuerst gingen wir in das Besucherzentrum, wo wir uns als Einführung einen erschütternden Dokumentarfilm über die Gräultaten der Nazis in Majdanek ansahen. Danach begaben wir uns unter das „Mahnmal des Kampfes und Martyriums“, wo Daniel offiziel mit der Führung began. Insgesamt benötigten wir etwa drei Stunden bis wir das ganze Gelände abgegangen waren. Schlussendlich kamen wir zum beeindruckenden Mausoleum (siehe Foto), in welchem man einen gigantischen Hügel sehen kann, welcher sich einzig und allein aus der Asche der Opfer zusammensetzt (!) Ich bedankte mich bei Daniel für die wirklich ausführliche Führung, die er sehr gut vorbereitet hatte. Emotional natürlich etwas belastet und nach dem langen Spaziergang bei Minusgraden etwas unterkühlt, begaben wir uns dann Richtung Altstadt, um bei einem gemütlichen Lokalbesuch das Gesehene und Gehörte etwas zu verarbeiten und um uns wieder aufzuwärmen.

Dienstag – Abreise

Am Dienstag stand ich bereits wieder vor der Abreise. Insgesamt betrachte ich meinen Aufenthalt als sehr gelungen; denn wir haben einerseits das kulturelle und kulinarische, als auch das historische Angebot in Lublin genutzt. Natürlich nicht vollständig, aber für einen knapp fünftägigen Aufenthalt haben wir doch relativ viel gemacht.

Vor allem war es auch ein interessante Erfahrung, die Stadt nach drei Jahren in einem doch etwas anderen Kontext zu betrachten; diesmal im Winter und auch mit etwas anderen Emotionen als damals. Ich bin mir ganz sicher, das ich diese wunderschöne Stadt im Osten Polens in Zukunft bestimmt noch öfters besuchen werde, um sie noch besser kennenzulernen!

Lublin ist auf jeden Fall eine Reise wert!

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  1. Pole

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