Rezension: Alexandra Tobors neuer Roman „Minigolf Paradiso“

Alexandra Tobor - "Minigolf Paradiso" (Grafik: Rowohlt Tashenbuch Verlag)

Alexandra Tobor – „Minigolf Paradiso“ (Grafik: Rowohlt Tashenbuch Verlag)

(Salzburg, HH) Das zweite Buch von Alexandra Tobor ist erschienen. Eine spannende „Road-Story“ zwischen Deutschland und Polen. Es beginnt ähnlich wie in einem Psychothriller oder Gauner-Roman. Die 16-jährige Malina Dudek absolviert gerade die neunte Klasse Gymnasium und soll für den Deutschunterricht, ihre Familiengeschichte in einem Aufsatz nacherzählen. Ein Ding der Unmöglichkeit für sie, denn ihre Eltern schweigen und verleugnen, ihre eigene, polnische Herkunft, seitdem sie mit der Tochter in Deutschland leben. Malina ist verzweifelt und einsam: „Ich leide an chronischer Unsichtbarkeit“, schreibt sie gleich auf der ersten Seite…

Durch Zufall entdeckt die 16-jährige später ein „dunkles Kapitel“ ihrer Familiengeschichte, in dem ihr angeblich in Polen verstorbener Opa noch am Leben ist und zudem auch noch ganz in der Nähe – nämlich in Deutschland. Malina besucht spontan den totgeglaubten Großvater und schließlich begeben sich beide auf eine Reise in die Vergangenheit. In das Polen Ende der 1990er Jahre.

Sommer 1997, acht Jahre nach der so genannten Wende. Egal ob in der ehemaligen DDR, um Dresden herum oder im polnischen Oberschlesien, nirgends hat man wirklich schöne Bilder vor Augen: Teils verlassene und verkommene Plattenbausiedlungen oder trostlos vergammelte Industrieareale. Nur das sommerliche Grün, das Sonnenlicht und die Wärme der Jahreszeit, geben dem ganzen einen positiven Anstrich.

Migrationsliteratur?

Alexandra Tobor (Foto: privat)

Alexandra Tobor (Foto: privat)

Die in Polen geborene und seit 1989 in Deutschland lebende Schriftstellerin Alexandra Tobor erzählt in ihrem gewohnt ironisch-melancholischem Stil über ihre Sozialisierung in Deutschland als junge Erwachsene und über ihre Eltern, die die polnische Sprache boykottierten und somit die eigene Herkunft weitestgehend verleugneten. Diese Parallelen zum Leben der Autorin schimmern stark durch. Daran ändert auch nichts, dass die Autorin das Werk als „weniger autobiografisch“ als ihr Debüt „Sitzen vier Polen im Auto“ (2012, Ullstein; Rezension bei Polen.pl) beschreibt.

Migrationsliteratur, wie oft von Kritikern genannt? Oder einfach eine Road Novel zwischen Ost und West? Jedenfalls sehr aktuell, da man zur Zeit wieder sehr viel über das Thema Integration spricht. Ein Abenteuer für Jung und Alt, lebendig geschrieben, wobei die Grenze zwischen Realität und Fiktion manchmal verschwimmt und dadurch so manche Einblicke in die Vergangenheit der Familie Dudek umso intensiver werden lässt.

„Das Paradies ist immer da, wo wir nicht sind“, heißt eine alte Volksweisheit in Polen. Hoffentlich findet das Buch auch Leser außerhalb des polnischen Migrationskreises. Leser, die offen für „das Andere“ sind.

Alexandra Tobor: „Minigolf Paradiso“, 1. Auflage, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 256 Seiten. ISBN: 978-3499236303

  • Eine Leseprobe des neuen Romans findet sich hier auf rowohlt.de (PDF).
  • Alexandra Tobor hat außerdem ein Hörspiel zur Leseprobe eingelesen, das Ihr hier im Stream hören könnt:


Minigolf Paradiso Teaser by RoserEule

UPDATE: Einen Satz aus unserer Rezension wollte Alexandra Tobor nicht unkommentiert lassen. Sie schrieb auf Facebook:

[…] Es ist wahr: Malina hat viel mit mir gemeinsam, z.B. ihren Musik- und Literaturgeschmack. Was absolut nichts mit meinem eigenen Leben zu tun hat, sind Malinas Eltern, die ihre Sprache und Kultur verleugnen. Meine Eltern haben das nie getan und standen zu unserer Herkunft – wenngleich aus einer gewissen Naivität und Gutgläubigkeit heraus. Wir wunderten uns immer über diese seltsamen Polen, die krampfhaft so tun, als wären sie Deutsche. Diese spezielle migrantische Identität wollte ich in diesem Buch aus der Faszination heraus thematisieren.

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