Rezension: Die „neuen Deutschen“

Cover des Buches

Andere Perspektive: „Wir neuen Deutschen“.
Foto von Thies Rätzke.

Gastbeitrag von Niels Gatzke. Ein Porträt einer Generation, sie sind weder Ausländer und noch Deutsche. Sie sind hier aufgewachsen, gut integriert, haben häufig die deutsche Staatsbürgerschaft und sie sind mehr als 16 Millionen. Dennoch haben sie das Gefühl, „außen vor zu bleiben; weil es ein deutsches Wir gibt“, das sie ausgrenzt. Die drei Autorinnen, Journalistinnen der „Zeit“, werfen in einem ganz persönlichen Zugang die Frage auf: „Wer bestimmt, wer zu dieser Gesellschaft gehört, wer definiert, was deutsch ist?“

Sie sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ihnen die Deutschen misstrauen und haben die Unterscheidung zwischen ihnen und den Deutschen verinnerlicht, sei es nur die einfache Frage nach ihren „Wurzeln“. Die Ablehnung beruht selten auf Rassismus, „eher ist sie eine Form der Verdrängung“ vor dem Neuen, vor der gesellschaftlichen Realität in Deutschland. Dieses Denken in „wir und ihr“, auch das eigene, werfen sie der Gesellschaft vor, angetrieben „aus der Angst, nicht akzeptiert zu werden. Aus dem Stolz, etwas geleistet zu haben. Aus der Sehnsucht, heimisch zu werden.“

Der Preis des Deutschwerdens

Eine der Autorinnen, Alice Bota, im polnischen Krapkowice geboren, kam 1988 mit ihren Eltern nach Deutschland. Das „Polenkind“, das deutsch wurde – wie sie selbst schreibt – spürt heute noch die Wut in sich, über den Preis „den das Deutschwerden gekostet hat“ über Anpassung, Selbstverleugnung und das Gefühl der Unvollständigkeit. Sie schreibt über ihr Gefühl wie sie merkte, dass ihr als Deutsche etwas fehlte, wie sie versucht, beide Anteile „das Deutsche und das Polnische“ in ihrem Leben zu haben. Über das Gefühl, sich „schuldig“ zu fühlen, weil sie „das Polnische“ in ihr „stillgelegt“ hatte, „weil es nicht so viel wert war wie das Deutsche.“ Wie sie sich vor sich rechtfertigen musste, wie sie selbst „Anklägerin, Verteidigerin und Richterin zugleich“ wurde.

Das Buch ist ein Plädoyer für eine Öffnung, eine mentale Öffnung der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die andere Antworten jenseits der ethnischen Zuschreibungskriterien für „Deutsch“ finden muss. Um es in den Worten der Autorinnen zu beschreiben: „Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind anders. Also gehört die Andersartigkeit zu dieser Gesellschaft.“

Der Artikel ist in Kurzfassung in der „Demokratischen Kultur MV“ (April 2013) der RAA Mecklenburg-Vorpommern e. V., abrufbar unter: www.demokratie-mv.de, erschienen.

Özlem Topçu, Alice Bota, Khuê Pham: Wir neuen Deutschen
Rowohlt, 14,95 € (Link: Buch bei Amazon.de)
auch Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de) Bestellnummer: 1295, 4,50 €.

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Frank

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*