Rezension: Leszek Libera, ‚Der Utopek‘

Cover des Buchs Utopek. Foto: Polen.pl (JW)

Der Utopek, ein literarischer schlesischer Roman

(Berlin, JW) Geboren, gefunden, als Findelkind bei einer bösen ‚Matka‘ (Mütterchen) aufwachsend. Irgendwie ein normales Kind, aber dann doch nicht. Manchmal ein ganz kleines, unmerkliches bisschen grüner im Gesicht als die anderen Kinder, ein wenig weiter abstehende Fledermausohren. Und ein Faible fürs Trinken – Milch, versteht sich – sowie eine Abneigung gegen das Essen. Das ist Buks Molenda, der in einer schlesischen Gegend wohl um Racibórz (Ratibor) aufwächst. Aus seinen Augen ist der Alltag eine ziemlich üble Sache, was kein Wunder ist: Er sieht ihn mit den Augen eines Utopeks. Und er erzählt in Leszek Liberas Roman ‚Utopek‘ seine Schlesiensicht kurz nach dem zweiten Weltkrieg aus seiner etwas autistisch-naiv wirkenden Perspektive.

Ungewohnt

Libera, der Autor, ist Professor an der Universität Zielona Gora (Grünberg). Sein Geburtsort: Racibórz, also auch der Ort der Handlung. Aber Libera hatte zuvor in Wrocław (Breslau) studiert, in Cieszyn und Poznan (Posen) gearbeitet. Und er wanderte 1980 nach Deutschland aus, nach Münster. Nach seiner Tätigkeit an der Universität Münster und dem Verfassen von einigen Büchern habilitierte er und wechselte 1994 wieder nach Polen. Das wir diese Autoreninformation gleich zu Beginn zu schreiben, soll manches Ungewohntes an diesem Buch erklären.

Was ist so ungewohnt? Etwa die Sprache: Satzbau und Wortwahl sind überraschend. Und das Vokabular: Feine Worte wechseln sich mit derbsten Ausdrücken ab. Auch das Imaginäre: Das Bild im Kopf des Lesers entsteht aufgrund von vielen kleinen Details, die allein stehend kaum nennenswert wären. Selbstverständlich der Inhalt: So ganz kann man dem Ich-Erzähler in seiner Sicht manchmal nicht folgen, findet schwer trennbares ‚Gut‘ und ‚Böse‘ vor und ist verwundert über ausgesprochen menschliche und etwas sagenhafte Wesen unter den Akteuren. Das Ungewohnte ist nicht ganz so verwunderlich, wenn man weiß, dass im ‚Utopek‘ sowohl schlesisches Märchengut verarbeitet wurde, politische Entlarvungen stattfinden und der als ‚Wasserpolnisch‘ bezeichnete schlesische Dialekt mit deutschen Worten verwendet wird.

Ein Schlesien der Nachkriegszeit

Wo die ganze Geschichte spielt, lässt sich ziemlich schnell anhand der beschriebenen Flüsse in der Umgebung erkennen. Das ist nicht nur die Oder, die laut unserem Ich-Erzähler und Utopek Buks dank der deutschen Industriellen und den diesen nachahmenden polnischen Industriellennachahmern unglaublich vergiftet sei, sondern auch die Cyna und die Psina. Der Zustand der Flüsse geht Buks gehörig nahe, was auch daran liegt, dass er eben ein Utopek ist. Dazu gleich mehr.

Die Menschen in der Gegend wirken sehr verunsichert, da sie eben noch Deutsche waren und nun Polen; nun sollen sie plötzlich die ‚Seite‘ und die politische Weltsicht gut finden, die sie vorher noch hassen sollten. Das macht Probleme: So geraten manche mit den ‚blöden Germanen‘ – auch Buks wird von seinem die Schüler mißhandelnden und die Mädchen vergewaltigenden Lehrer als ‚germanische Mißgeburt‘ bezeichnet – und den ‚verblödeten Polaken‘ durcheinander. Im Zweifel sind dann die ‚Zigeuner‘ schuld und werden vertrieben, oder die nach Schlesien vermittelten Menschen anderer östlicher Gebiete. Diese werden von den Protagonisten konsquent nur als ‚faule Menschen aus Podolien‘ beschrieben. In dieser Gemengelage findet sich der junge Utopek Buks kaum zurecht und versucht daher, einfach die Dinge so zu beeinflussen, dass sie seinem Vorteil dienlich sind. Da für ihn die Zigeuner Getränkelieferant sind – in etwas unappetitlicher Weise lässt sich Buks am Busen einer Zigeunerin versorgen – und damit auf der guten Seite, sind die Polen in dieser Hinsicht für ihn schlecht, weil sie die Zigeuner vertreiben. Aber diese Beurteilung von ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ kann für Buks schon beim nächsten Sachverhalt wieder anders aussehen.

Was ist ein Utopek?

Was ein Utopek ist, erklärt der Autor erst ganz am Ende. Wir wollen daher nicht zu viel vorwegnehmen, es sei aber ein wenig verraten: Utopeks stammen vom Planeten Utopia und sind in der schlesischen Sagen- und Märchenwelt oft Wassergeister; häufig auch böse Wassergeister. Sie können Menschen steuern, stehen aber in einer gegenseitig abhängigen Symbiose zu diesen. Das wiederum kommt daher, dass der vom ‚Ur-Utopek‘ geschaffene Gott den unperfekten Menschen mit auf Utopia ansiedelte, aber später aufgrund Missverhaltens auf die Erde umsiedeln musste. Hierhin zogen die Utopeks dann später auch auf einen von Ihnen ‚Schlesien‘ genannten Erdteil. Im Wesentlichen sehen die immer nur männlich auftretenden Utopeks ihre Aufgabe darin, den Menschen Geschichten zu ermöglichen; ohne Utopeks hätten die Menschen laut Libera keine Geschichten.

Über zu erzählende Geschichten

Genau das tut der in die Spezies ‚Utopek‘ einzuordnende Buks auch: Er dialogisiert mit einem alten Honigweinfaß aus einem alten Piastenschloss, aus dem er immer dann von der Matka vertrieben wird, wenn Sauerkraut darin eingelagert werden soll. Dann muss er auf dem von Tauben bevölkerten Dachboden ausharren, um seine Ruhe zu haben. Die Geschichten, die ihm das Fass und er dem Fass erzählt, geben sich gegenseitig die Hand – und sind nicht immer ernst zu nehmen. Denn das Geschichte manipuliert wird, ist ja gerade in dem Zeitalter der Geschehnisse im Buch an der Tagesordnung (zumindest ist es von dieser Zeit erkannt und bekannt). Der Utopek Buks hingegen schiebt geschichtliche Verfälschungen entweder auf fieberhafte Wahnvorstellungen während einer Krankheit wahlweise des Fasses oder seiner selbst, oder auf die Vermeidung von Langeweile: Gleiche Geschichten zu wiederholen sei schlichtweg armselig. So rekonstruiert Buks gemeinsam mit seinem Fass, in dem er neben dem Geschichtenerzählen noch allerhand andere unanständige Dinge tut, ein bisschen schlesische Geschichte. Und vermischt dabei Fakten, beeinflusste Geschichte und Nebensächlichkeiten zu einem entlarvenden Ergebnis für die angeblich so klare und eindeutige Geschichtsschreibung der Staaten. So spielt ein Eichendorff-Denkmal eine wichtige Rolle, nicht nur als mögliches Motiv für einen Honigwaben-Bildhauer, sondern auch als Hinweis auf eine berühmte Persönlichkeit, die beide Staaten (Polen und Deutschland) gern für sich vereinnahmen wollten.

Sprache mit Aufregerpotenzial

Wer auf stilvolle Sprache, gesellschaftsfähige Formulierungen und hochgestochene Wortwahl Wert legt, wird beim Lesen des ‚Utopeks‘ entsetzt sein. Da wird gefurzt, unappetitlich Fortpflanzung getrieben, gemordet, ertränkt und Kunst aus Ohrenschmalz produziert. Da wird geprügelt, vergewaltigt, sexuell rustikal geforscht und von Tauben auf Menschen gekackt. Möchte man sich klar machen, welche Weltsicht hier geschildert wird und welche Banalitäten hinter mancher angeblicher gesellschaftlicher Errungenschaft stehen, so ist diese Wortwahl genau richtig. So gesehen ist der Kommentar Jürgen Joachimsthalers zum ‚Utopek‘, der Liberas Werk in eine Reihe mit Weltliteratur wie ‚Don Quixote‘, dem ‚Abenteuerlichen Simplicissimus‘, ‚Gullivers Reisen‘ und der ‚Blechtrommel‘ stellt, nicht nur richtig sondern richtig hilfreich: Seine Einschätzung hilft auch dem in schlesischen Fragen weniger versierten Lesern zu einer Abrundung des gewonnenen Bildes. Wie er schreibt „Den Roman, den ‚Utopek‘ zu lesen, bedeutet so zugleich, Oberschlesien zu lesen“ hat er Recht, ebenso wie mit der Wertung am Ende, dass man mit dem ‚Utopek‘ ein „(…) wortgewaltiges literarisches Kunst-, ein durchaus sensationelles Meisterwerk“ vor sich habe. Eine Empfehlung für Leser, die auch offen für literarisch Neues sind.

Das Buch ‚Der Utopek‘ von Leszek Libera gibt es im Buchhandel, ISBN 978-3-86276-000-8, erschienen im Neisse-Verlag, 259 Seiten (mit Nachwort von Jürgen Joachimsthaler). Bestellbar zum Beispiel auch bei Amazon: Libera, Der Utopek

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  1. Taube Gabriele
  2. F. M.
  3. Jens

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