Rezension: Tor zum Osten – Fußball spielt eine Rolle

Lesenswert: Tor zum Osten. Foto: Polen.pl (JW)

Lesenswert: Tor zum Osten. Foto: Polen.pl (JW)

(Berlin, JW) Wann nimmt ein Nichtfußballfan ein Fußballbuch in die Hand? Richtig: Wenn es sonst irgendwie interessant für ihn klingt. So passiert im Fall des neuen Buchs ‚Tor zum Osten‘ von Olaf Sundermeyer, der pünktlich zur EM 2012 in Polen und der Ukraine ein Buch über den Fußball, die Politik und vor allem das Drumherum in diesen beiden Ländern – plus einen kleinen weiteren Ausblick Richtung Osten – geschrieben hat. Nach Magdas Rezension von ‚Schwarze Adler, weiße Adler‘ habe ich mich nun also dem etwas martialisch schwarz-orange daherkommenden, mit kyrillisch wirkenden umgedrehten Schriftzeichen auf dem Cover, 206-seitigen ‚Besuch in einer wilden Fußballwelt‘ (so der Untertitel) gewidmet. Und als erklärter Nichtfußballfan kann ich mit ausreichend Empathie für Fußballfans sagen: Eine Crossover-Buch für Fans, Nichtfans und solche die eins davon werden wollen. Einfach gut.

Wer ist denn da Experte?

Zum Experten zu werden ist heute nicht mehr schwer: Manchmal reicht es, mal einen schlauen Satz in eine am richtigen Ort stehende Kamera gesagt zu haben oder in der Verwandtschaft einen Betroffenen zu haben, schon ist man Experte (wir nennen es nach einem Spiegel-Bericht auch schon das Greg Packer-Phänomen). Im Falle Sundermeyers wäre es aber zu kurz gesprungen, davon auszugehen, der Buchverfasser sei auch einer von den ewig besser wissenden Fußballexperten vom Stammtisch im zum Beispiel griechischen Restaurant um die Ecke. Als auf Osteuropa spezialisierter Korrespondent (mit einem Schwerpunkt auf Sport) war und ist Sundermeyer tatsächlich in den vergangenen Jahren viel – sehr viel – in osteuropäischen Stadien unterwegs und kennt sich aus. Das merkt man auch beim Lesen: Er ist näher dran als die meisten anderen Autoren, hat eine pragmatischere und differenziertere Sichtweise als manche Stammtischberichterstatter über – zum Beispiel – Polens Fußball, und neigt grundsätzlich weder zu positiver Verklärung noch zur Übertragung der Klischees in extreme Negativdarstellungen.

Wild oder Marketing?

So weit, so gut. Bleibt die Frage, warum Sundermeyer den etwas provokanten Untertitel vom ‚wilden Osten‘ gewählt hat. Und das erklärt sich im Verlauf des Buchs: Mit dem immer tieferem Einstieg in die Probleme des Fußballs in Polen, der Ukraine und Russlands wird die den Fußball umgebende Welt tatsächlich wild, im Kopf des Lesers. Eine Mischung aus Mafia, Verbandsmachenschaften, Kleinkönigtum, Nationalismus, Rechtsradikalität und brutaler Kriminalität bei exzessivem Alkoholkonsum: Das scheint das Kernelement der osteuropäischen Fußballwelt zu sein, glaubt man Sundermeyer. Nach seiner Auffassung ist, besonders in Polen, die Fußballszene in ihren Strukturen die letzte Bastion des ‚alten, korrupten, kaputten Polens‘, während in all den anderen Bereichen die ‚Modernisierung‘ schon angekommen sei: „Die Grenzkontrollen waren weggefallen, das Land erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung und die Autoschieber hatten sich zu selbstständigen Handwerkern fortgebildet. Ihre Frauen zu Pflegekräften oder Zahnärztinnen.“ beschreibt Sundermeyer gleich zu Beginn die Veränderungen im Nachbarland, während er aber im polnischen Fußball allenfalls moderate Entwicklungstendenzen weg von Dilettantismus und Vetternwirtschaft erkennen möchte.

Wenn aber beim Chaos-Spiel von Hertha BSC gegen Fortuna Düsseldorf Feuerwerk abgefackelt wird und Spieler Angst vor dem Gang aufs Spielfeld haben, wenn in Italien offenbar (wie dieser Tage zu lesen) immer noch zahlreiche Spiele gekauft sind, fragt man sich als – zugegeben normalerweise nichtfußballbegeisterter – Leser tatsächlich, wo denn da die großartige Zivilisierung des westlicher gelegenen Fußballs sein soll. Bitte: Wenn ich mich hiermit angreifbar gemacht habe, stehe ich dazu: Ich kenne mich nicht besonders gut aus im Fußball und schon gar nicht in der Fankultur. Doch was Sundermeyer als so ‚wild‘ in Polen beschreibt, scheint mir in Deutschland auf manchem Spielfeld und vor allem an manchem Spielfeldrand nicht anders. Vielleicht ist also doch etwas Marketingkalkül hinter Sundermeyers Titelwahl für sein Buch?

‚Mehr Ost, mehr Wild‘

Allerdings: Wenn Oligarchen Clubs kaufen und mit Menschen spielen, wird es wirklich wild.  Die spannenden Erläuterungen zu den Verquickungen von Politik, Fußball und vor allem Macht in dem Teil des sundermeyerschen Buches über die Ukraine und Russland geben zu denken. Vor allem darüber, welche gesellschaftliche Funktion dieser Sport haben muss, wie nah er an einer neuen Religion sein muss, wenn Menschen so viel Zeit und Geld in ihrem Oligarchenleben auf die Machterweiterung mithilfe eines eigenen Fußballclubs verwenden. Einige sind, so habe ich im Buch erfahren, dafür sogar ins Ausland gegangen, zumindest zum Shopping des zukünftig vielleicht weltbesten Fußballvereins. Und: Dass so viele Niederländer Fußballclubs in Russland trainieren und brasilianische Nachwuchshoffnungen auf dem Fußballgrün gerade in Russland dank hoher Einkommen ihre Zukunft sehen, ist auch ein Ergebnis dieser Verknüpfung und Macht und Spielen. Der Autor bringt es mit einem Zitat auf den Punkt: Die Aussage „Der Fußball lässt uns an die Zukunft glauben“ kommentiert er mit ‚(…) als wären die Fußballer nun die Kosmonauten des 21. Jahrhunderts„. Es geht um ein mächtiges Instrument, beim Fußball. Nicht um ein Spiel. Das habe ich nun verstanden.

Dazu kommt ein ganz anderes Thema: Aussagen wie „Alle Fans in der Ukraine sind rechtsradikal“ sammelt Sundermeyer und drückt damit eine Szenerie aus, die mir als Leser dunkel erscheint. Diese Beschreibung der Moskauer Hooligans drückt aber nicht etwa eine Distanzierung vom Rechtsradikalismus aus, sondern wird vielmehr als Kompliment gebraucht. Man ist stolz darauf, dass ‚andere‘, gemeint sind etwa Menschen mit anderer Hautfarbe, aus Angst nicht in die Stadien gehen. Das bestätigt Fußball-Vorurteile, was mir ohnehin generell zu denken gibt. Ich mag sich bestätigende Vorurteile nicht.

Ohne Geld geht es nicht

Fußballstadion in Warschau. Foto: Polen.pl (JW)

Wirkt wie eine Krone - am historisch beladenen Ort

Kein Fleisch aus Polen – das wollte ein russisches Handelsembargo um das Jahr 2006 sicherstellen. Die Begründung: Es sei unhygienisch. Auch um die Energie stritten sich Polen und Russland bekannterweise immer wieder. Sundermeyer arbeitet heraus, dass es zeitliche Übereinstimmungen zwischen den Wirtschaftskontrakten des Aufsichtsratsvorsitzenden von Schalke 04, der auch Fleischproduzent mit Standorten in Russland ist, und dem Sponsorenvertrag zwischen dem Verein aus Deutschland und Gazprom gibt. Parallel dazu verkaufte die Deutsche Fußball Liga ihre Rechte an Gazprom-Media, wo für die Geschäftsanbahnung ebenfalls Schalke eine bedeutende Rolle gespielt habe. Und das Gazprom und Schalke über einen großen Energieversorger zueinander gefunden haben, ist ebenfalls dargestellt. Im Ergebnis kann man das als effektives wirtschaftlich-politisch-sportliches Netzwerk bezeichnen, allerdings wird damit auch gleichzeitig die enge Verflechtung des eigentlich doch politikfreien Rasensports mit der Wirtschaft und Politik deutlich. Das sollte zumindest zu denken geben, wenn man sich auf die Ideale des Sports in Sachen Fairness und Gemeinsamkeit beruft.

Auch an anderen Stellen beschreibt Sundermeyer die – auch historische – Verknüpfung der eigentlich getrennten Bereiche. So stellt er fest, dass Polen just an der Stelle das funkelnagelneue Warschauer Stadion errichtet hat, von der „die Soldaten der vorgerückten Roten Armee (Einfügung: zusahen), wie Warschau brannte„. Das war 1944, und nach Sundermeyers Interpretation steigt deswegen der polnische Stolz, genau an „ebendieser Stelle ein Denkmal für das moderne, das unabhängige und europäische Polen errichtet zu haben„. Auch solche Feststellungen regen zum Nachdenken an; zum Beispiel über die bewusste Differenzierung, dass ‚Fußballer keine Politiker‘ seien von manchen Spielern unserer Zeit. Solche Aussagen konnte man im Vorfeld der EM 2012 in Bezug auf den Fall Timoschenko in der Ukraine lesen.

Fazit: Lesenswert und wissenswert

Sundermeyer hat mit dem ‚Tor zum Osten‘ ein lesenswertes Buch mit viel Insiderwissen zusammengestellt, das sich sehr gut liest und viel Wissen bei gleichzeitigen Denkanstößen vermittelt. Die oftmals negative Darstellung der Problemfelder – beziehungsweise die Fokussierung auf die Problemfelder – lässt ein insgesamt vielleicht besonders im Vergleich zu anderen Ländern etwas zu dunkles Bild des aktuellen Lebensalltags in Polen und weiter östlich entstehen – man neigt als Leser dazu, die Erkenntnisse aus der mafiösen Fußballwelt auf die restlichen Lebensbereiche zu übertragen. Dass das Erscheinungsdatum so perfekt gelegt wurde, hatte vielleicht den Preis manch kleineren Patzers (etwa ein ‚ermodert‘ statt ‚ermordert‘ auf der Seite 59), insgesamt sind aber Aufbau, Sprache und Lesefreude auf einem hohen und Niveau; Ironie und Wortwitz finden sich auch an mehreren Stellen. Als Nichtfußballfan kann ich bestätigen: Das Buch lohnt sich auch, wenn man mit den Spielernamen wenig anfangen kann und will. Der Einblick in die Welt des Fußballs bietet gleichzeitig einen Einblick in verbandlichen Strukturen, die – angemessen relativiert – vielleicht auch manches in anderen Lebensweltbereichen erklären. Selbst wenn man sich nicht für Fußball interessiert: Das ‚Tor zum Osten‘ sollte man lesen. Und dann vielleicht noch in eine der vielen Ausstellungen zur deutsch-polnischen Fußballhistorie gehen (zum Beispiel in Berlin) sowie im EM-RBB-Blog von Sundermeyer lesen. Und wenn man sich für Fußball interessiert? Dann gilt die Empfehlung wohl ganz besonders.

Weitere Informationen:

Buch ‚Tor zum Osten‘ bei Amazon (12,90 Euro)

Internetseite von Olaf Sundermeyer

Blog unter anderem von Sundermeyer beim RBB


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