Rückblick eines Journalisten: Über das Buch ‚Beobachtungen in Polen‘

Joachim Barmwoldt: Buch "Beobachtungen in Polen 2001-2007, Cover

Lesenswerte Notizen aus Polen

(Berlin, JW) Benzin-Panscher, schlechter Kaffee, ungeheizte Linienbusse im Winter, die ersten ‚gated communities‘ Warschaus und der Tod Johannes Pauls II: All das war in den Jahren zwischen 2001 und 2007 in Polen Thema. Auf diese Zeit blickt Joachim Barmwoldt in seinem Buch ‚Beobachtungen in Polen von 2001 bis 2007‘ zurück. Der Untertitel seines Buchs: ‚Notizen eines mitreisenden Haus- und Ehemannes‘.

Mit letzterem untertreibt Barmwoldt stark: Als Journalist, Redakteur und Auslandskorrespondent (unter anderem WELT und BILD) hat er schon einige Stationen der schreibenden Zunft erlebt, weswegen sich das kompakte Büchlein mit seinen rund 160 Seiten auch flott liest. Viel wichtiger aber ist dieser Hintergrund für die inhaltliche Einordnung: Während die Perspektiven auf den polnischen Alltag zu Beginn des Buchs noch willkürlich und unstrukturiert wirken, so ergibt sich nach und nach eine gelungene Retrospektive auf die polnischen Jahre des Aufbruchs. Barmwoldt ordnet scheinbar unwichtige Zusammenhänge sauber in große gesellschaftliche Entwicklungen ein.

Coffeeshops in Polen

Wer sich beispielsweise dafür interessiert, wie die ersten Latte Macchiatos und anderen Caféspezialitäten Polen eroberten und warum sich im Nachbarland eine in Deutschland gänzlich unbekannte Coffeeshop-Kette etablieren konnte, wird fündig. Nun kann man fragen, warum es wichtig ist, fast im Detail zu erfahren wie die Betreiber solcher Koffeinketten ihr Geschäft in Polen entwickeln – das Gesamtbild des sich verändernden Polens hingegen prägen auch solche scheinbar nebensächlichen Dinge.

So arbeitet sich Barmwoldt bewusst oder unbewusst von den alltäglichen Unzulänglichkeiten des polnischen Alltags 2001 – wovon der für Westeuropäer zu diesem Zeitpunkt ungenießbare Kaffee noch eines der kleinsten Übel ist – bis hin zu Lech Walesa, der Solidarnosc und der wichtigen Rolle des polnischen Papstes vor. Ganz nebenbei erfährt man, dass Barmwoldt nicht nur aus der polnischen Presse sein Polenbild dieser Jahre aufsog, sondern mit wichtigen Protagonisten dieser Zeit auch selbst sprach.

Geht es zu Beginn noch um das polnische Trauma des Autobahnnotstandes und um giftiges Wasser aus der Leitung, so folgen immer mehr Positivmeldungen: Überschrieben mit ‚Aufbruch‘ beschreibt das dritte Kapitel bereits ein Polen auf dem Sprung in die ökonomische Moderne. Barmwoldt berichtet quasi rückblickend aus dem wirtschaftlichen Aufbruch Polens. Allerdings: Ein Ausflug in das Thema ‚Reiseziele‘ als Zwischenkapitel im Buch mag nicht ganz so passen, auch wenn der Klappentext betont, dass die Kapitel  Geschichte und Reiseziele die eigene Reise nach Polen wertvoll anreichern können.

Bestandsaufnahme einer Generation von Poleninteressierten

Dass Barmwoldt Polen mag, bringt er eher indirekt zum Ausdruck. So wie das ganze Buch keine subjektive Schilderung ist, sondern  eine indirekte und sachliche Beschreibung wichtiger Themen dieser Jahre. Wer zwischen 2001 und 2007 selbst in Polen lebte oder die Entwicklungen im Land genauer verfolgte, wird wahrscheinlich wenig Neues erfahren. Aber das ist kein Nachteil, im Gegenteil: Schon fast vergessene Sorgen, Probleme und politische Nöte im Land werden noch einmal plastisch. Fast vergessene Besonderheiten wie die Sorge um das Auto beim Tanken aufgrund gepanschten Benzins werden in Erinnerung gerufen. So wird das zunächst so unscheinbar daherkommende beschreibende Buch eine Art Generationendokumentation für Poleninteressierte.

Wer noch nicht in Polen war, wird sich zu Beginn der Lektüre fragen, wozu der Blick in die junge Vergangenheit gut ist. Darauf gibt es eine gute Antwort: Zum Verständnis. Da für das heutige Selbstbewusstsein Polens gerade die Jahre nach 2000 prägend sind, als Polen im Eiltempo eine ganze Reihe gesellschaftlicher Probleme löste und die Wirtschaft zum Blühen brachte, ist dieses Buch eine gute Hilfe zum Verstehen. So bleibt nur die Frage, wie der Autor auf das Titelbild der grasenden Pferde kam: Ob es wirklich der Illustration des Beitrags über Fohlen-Schlachtungen dient, oder doch auf Klischees anspielt?

Joachim Barmwoldt, Beobachtungen in Polen von 2001 bis 2007 – Notizen eines mitreisenden Haus- und Ehemannes, ISBN 9783735773135, zum Beispiel bei Amazon.

Der Autor hat Polen.pl ein Exemplar des Buches kostenfrei zur Verfügung gestellt.

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