Schieflage auf dem Arbeitsmarkt

Grenzkennzeichnung an der Oder-Grenze bei Lebus nahe Frankfurt-Oder. Foto: Polen.pl (JW)

Für viele Polen ist der Weggang ins Ausland der einzige Ausweg aus der Jobmisere.

(Toruń, JE) Polens Jugend hat ein Problem. Sie studiert mehrere Fächer gleichzeitig, lernt immer neue Fremdsprachen und absolviert nebenbei noch Praktika (natürlich unbezahlt) – doch sie findet einfach keinen Job. Etwa eine Million Polen unter 35 Jahren suchen derzeit erfolglos Arbeit und jeder Dritte von ihnen verfügt über einen Hochschulabschluss, schreibt die polnische Wochenzeitung Newsweek mit Blick auf eine Eurostat-Statistik (Nimmt man die Arbeitslosen aller Altersklassen, beträgt der Akademikeranteil laut Gazeta Wyborcza allerdings nur 10 Prozent). Insbesondere Absolventen humanistischer Studiengänge, aber auch Ökonomen und Juristen haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt, ergänzt die Rzeczpospolita.

Auch Polens Arbeitgeber haben ein Problem. Sie finden keine geeigneten Arbeitnehmer. Etwa drei Viertel der Firmenchefs gaben in einer Untersuchung der Polnischen Agentur für unternehmerische Entwicklung an, Probleme bei der Besetzung offener Stellen zu haben. In machen Regionen liege die Zahl sogar bei über 90 Prozent der Firmen. Das scheinbare Paradox: Auch und gerade dort, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist, sind die Schwierigkeiten der Unternehmer, Angestellte zu finden, besonders groß – so lesen wir in der Tageszeitung Rzeczpospolita.

Universitäten als „Arbeitslosenfabriken“?

Wer ist aber Schuld an dieser Misere? Für einige große polnische Unternehmer sind es die Hochschulen. Der Vorstandsvorsitzende einer Firma mit ca. 12 000 Beschäftigten bezeichnete in der Gazeta Wyborcza die Universitäten als „Arbeitslosenfabriken“. Andere Arbeitgeber beklagten sich, dass sie Absolventen alles von vorne beibringen müssten, bevor diese dem Unternehmen wirklich dienlich seien. Gleichzeitig seien ihre Gehaltserwartungen in der Regel unverhältnismäßig hoch. Und wenn es nicht an der Qualifikation liegt, dann an der Motivation…

Als Reaktion auf den Appell der Wirtschaft berief Bildungsministerin Kudrycka für Mitte Mai einen Runden Tisch der Arbeitgeber und Hochschulrektoren ein. Polnischen Studenten würde es an den Fähigkeiten, Informationen zu selektieren und im Team zu arbeiten mangeln, da sie darauf in den Hochschulen nicht vorbereitet würden, zitiert Newsweek die Ministerin. Mit einer finanziellen Auszeichnung sollen innovative universitäre Projekte belohnt werden, die die Studenten mit der Wirtschaftspraxis vertraut machen.

Teufelskreis Berufserfahrung

Doch laut Arbeitsmarktexperten müssen sich die Arbeitgeber auch an die eigene Nase fassen. Jungen Absolventen gäben sie keine Chancen, da sie Berufserfahrung bei der Einstellung zwingend vorschreiben. Vor Investitionen in die Weiterbildung von Beschäftigten würden sie ebenfalls zurück schrecken. Ein klassischer Teufelskreis. Jungen Leuten werden wenn überhaupt „Müllverträge“ angeboten, mit denen sie sich nicht über Wasser halten können. Doch viele gut ausgebildete Polen wollen sich nicht ausbeuten lassen und würden solche faulen Angebote immer öfter ablehnen, berichtet Beata Dutkalska von der Leiharbeitsfirma Manpower.

Der letzte Ausweg ist für viele die Emigration. Laut eine Internetumfrage, die in der Rzeczpospolita diskutiert wird, wären etwa 50 Prozent der Polen bereit, im Falle eines attraktiven Arbeitsangebotes ins Ausland zu gehen (Nur 27 Prozent dagegen würden für eine gute Stelle in eine andere Region Polens ziehen). Jetzt, da die Jugendarbeitslosigkeit jedoch in vielen Ländern Europas ansteige, verliere dieses „Sicherungsventil“ an Wirksamkeit, schreibt die Newsweek. Keine guten Aussichten für Polens Jugend.

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