Schwarzer Adler, weißer Adler: Rezension über ein Fußballbuch

Schwarzer Adler, weißer Adler. Rezension über ein Fußballbuch. Bild: Polen.pl (MST)

Schwarzer Adler, weißer Adler: Rezension eines Fußballbuchs

(Köln, MST) Lukas Podolski (Poldi), der Star des ersten FC Köln mit polnischen Wurzeln schaut der EM 2012 in Polen und der Ukraine voller Freude entgegen. In Deutschland stützt er den FC und trägt eigentlich die ganze Stadt Köln auf seinen Schultern, während er in Polen als der erfolgreichste polnische Fußballspieler gilt. Im Buch „Schwarzer Adler, weißer Adler: Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik“ erzählt Thomas Urban von Sportlern, die zwischen den Nationen stehen – wie Podolski einer ist.

Thomas Urban – Der Autor

Thomas Urban wurde 1954 in Leipzig geboren. Seine Eltern stammen aus Breslau und lassen sich schließlich mit ihm in Bergheim/Erft nieder. Selbstverständlich ist er Anhänger des FCs. Er studierte Romanistik, Slawistik und Osteuropäische Geschichte in Köln. Seit 1988 berichtet er als Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ aus Warschau, Moskau und Kiew. Das vorliegende Sachbuch wurde 2011 von der Deutschen Akademie der Fußball-Kultur zum „Fußballbuch des Jahres“ nominiert, was bei der Fülle der Fußball-EM-Neuerscheinungen (siehe etwa hier) eine Auszeichung ist. Urban selbst hat sich mit diesem Buch das Ziel gesetzt „die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges auf die Lebensläufe deutscher und polnischer Fußballer zu schildern.“

Pole oder Deutscher?

Seinen Anfang findet das Buch in der Zeit nach dem Versailler Vertrag, berichtet dann über die legendäre „Wasserschlacht“ in Frankfurt zur WM 1974 und endet mit der Bundesliga – und Poldi. In jedem der elf Kapitel steht dabei die Frage nach der Nationalität der Fußballspieler im Vordergrund.

Urban steigt in seinem ersten Kapitel gleich mitten ins Spiel ein. Es ist der 25. September 1927 und auf dem Platz stehen sich der 1. FC Kattowitz und Wisła Krakau gegenüber. Ein hoch politisches Spiel, denn die Fußballer kämpfen in dieser Partie nicht alleine um den Titel des polnischen Landesmeisters. Seit den oberschlesischen Aufständen Anfang der 1920er Jahre repräsentierte der 1. FC die deutsche Minderheit in dem Teilgebiet, das im Zuge der Auseinandersetzungen an Polen gefallen war. Hier standen sich also nicht zwei gleichwertige Mannschaften gegenüber, sondern zwei verfeindete Nationen. Das Spiel selbst war manipuliert. In den Augen der Kattowitzer hatte der Schiedsrichter, Zygmunt Hanke, ein reguläres Tor nicht anerkannt. Er pfiff in der 78. Minute ab. Und während die Gäste bereits zurück in der Kabine waren, schoss Wisła Krakau ohne Gegner auf dem Spielfeld das 0:3.

Urban erzählt im Grunde von Stellvertreterkriegen auf dem Spielfeld. Die deutsche Minderheit, vertreten durch den 1. FC., litt unter Repressionen im Alltag seitens der polnischen Regierung. Im Sport entluden sich die Aggressionen. Im Zweiten Weltkrieg war das Spielen von Fußball dagegen verboten, um das polnischen Nationalbewusstsein zu zerschlagen. Gespielt wurde trotzdem, selbst auf die Gefahr hin, entdeckt und deportiert zu werden. Und zur Zeit der Volksrepublik Polen (Polska Rzeczpospolita Ludowa, PRL) lief der Sozialismus gegen den Kapitalismus auf, beispielsweise im letzten Zwischenrundenspiel zur WM 1974. Trotz eines Wolkenbruchs spielten Deutschland und Polen gegeneinander. Das Spielfeld war ein See. Zum Schluss musste sich Polen mit 0:1 geschlagen geben und verpasste gegen den Westen den Einzug ins Finale.

Der vergessene Wunderstürmer

Immer wieder widmet sich Urban auch einzelnen herausragenden Spielern in der deutsch-polnischen Fußballgeschichte. „Ernst Willimowski – der vergessenen Wunderstürmer“ zum Beispiel ist Thema eines ganzen Kapitels. Der „quirlige Rotschopf mit den Sommersprossen und Segelohren“ schoss in der WM-Partie 1938 vier Tore gegen Brasilien. Zum Schluss reichte es leider doch nicht, um ins Viertelfinale einzuziehen. Polen unterlag 5:6.

Die Karriere im Fußball begann für Willimowski (*1916) im Jahr 1933 beim 1. FC Kattowitz. Der Verein war inzwischen in die 2. Liga abgestiegen. Die Mutter, „deutsch eingestellt“, hatte ihren Sohn dort eingeschrieben. Er selbst besuchte ein polnisches katholisches Gymnasium, seine Familie bezeichneten ihn als polnischen Patrioten. Auf Anraten seiner Mannschaftskameraden wechselte er bald zum polnischen Verein Ruch Wielkie Hajduki, um Karriere zu machen. 1934 nahm er das erste Mal an einem Länderspiel gegen Kopenhagen teil und kickte mit dem weißen Adler auf der Brust. Obwohl ihm Frauen und Alkohol Schwierigkeiten machten, überzeugte er mit seinem Talent. Er schoss in 22 Einsätzen für die Rot-weißen 21 Tore.

Vaterlandsverräter?

Mit dem Nationalsozialismus musste der Fußballspieler erneut die Fronten wechseln. Jetzt spielte Willimowski für den neugegründeten 1. FC Kattowitz und wechselte dann zum PSV Chemnitz. Der Stürmer fürchtete sich vor dem NSDAP-Kreisleiter Georg Joschke in Katowice (Kattowitz) . Dieser hatte ihn im Visier, da er in seiner Jugend zu den Polen gewechselt war. Im Sommer 1941 lief Willimowski dennoch das erste Mal für Deutschland auf. Jetzt statt mit dem weißen Adler mit dem schwarzen Adler und dem Hakenkreuz auf dem Trikot. In acht Spielen machte er 13 Tore. Dann wurden die Länderspiele eingestellt, Willimowsik kickte noch kurz bei der Pariser Soldatenelf, um nicht eingezogen zu werden. Anschließend fehlen zwei Jahre in seiner Biographie bis zum Ende des Krieges. Er selbst äußerte sich nie dazu.

Nach dem Krieg begann eine Odyssee durch verschiedene Clubs in Deutschland. Eine Rückkehr nach Schlesien war nicht möglich, denn dort galt er nun wiederum als Verräter der Polen. Willimowski reiste 1974 nach Murrhardt, um auf die dort einquartierte polnische Nationalmannschaft zu treffen. Ihm wurde der Zutritt verweigert. 1995 wollte er zum Jubiläum seines einstigen Vereins Ruch Chorzów (ehemals Ruch Wielkie Hajduki) fahren, eine Gruppe von Veteranen aber stellte sich mit der Begründung dagegen, Willimowski habe im Krieg Polen verraten. Zwei Jahre später verstarb er.

Kritik

Urban nimmt seinen Leser mit auf das Spielfeld. Fast jedes Kapitel beginnt der Autor mitten auf dem Platz. Erst dann folgen Hintergrundinformationen. Ein gelungener Aufbau. Das Buch erzählt chronologisch und legt seinen Fokus auf die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ereignisse verdichten sich folglich in diesem Zeitraum und nicht immer wird klar, dass es sich um einen parallelen Ablauf des Erzählten handelt. Das verwirrt, glaubt man doch am Anfang mit jedem Kapitel in der Zeit vorzurücken. Gelungen ist die Kontextualisierung des historischen Geschehens. Die Ereignisse werde nachvollziehbar, da als stetiges Beispiel das Leben der Fußballer dient. Und zum Schluss bleibt das Buch aufgrund dieser Eigenschaft empfehlenswert. Denn entweder lernt der Leser anhand der Ereignisse rund um das runde Leder etwas über die Geschichte zwischen Polen und Deutschland oder man erfährt anhand der historischen Ereignisse etwas über Fußball.

 

Thomas Urban
Schwarzer Adler, weißer Adler
Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik
192 Seiten, Paperback, Fotos
ISBN 978-3-89533-755-8
€ 12,90
Erschienen im Verlag Die Werkstatt
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  1. Magda

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