Steffens: Ein Literat aus Breslau (Wrocław)

Cover des Buchs von Steffens. Quelle: Verlag(Gastbeitrag, IP) In ihrem ersten Gastbeitrag für Polen.pl beschäftigt sich Izabella Pikula mit einem neuen Buch von Joanna Smereka. Der Titel: „Henrik Steffens: ein Breslauer Wissenschaftler, Denker und Schriftsteller aus dem hohen Norden“. Sie beschreibt zusammenfassend die Inhalte des Buches, weist auf die ihrer Meinung nach besonders wertvollen Aussagen hin und erklärt den Zusammenhang des Werkes in Bezug auf die deutsch-polnischen Verhältnisse. So wurde das Werk zum Beispiel durch die Philologische Fakultät der Jagiellonen-Universität Krakau mitfinanziert.

Gelesen: Joanna Smereka über Henrik Steffens

Das Buch von Joanna Smereka „Henrik Steffens: ein Breslauer Wissenschaftler, Denker und Schriftsteller aus dem hohen Norden“ (Leipziger Universitätsverlag 2014) ist eine umfangreiche Studie über das Leben dieser außergewöhnlichen Person. Es ist aber vor allem ein Leckerbissen für alle, die sich für die deutsche Literatur, Germanistik, Linguistik und Geschichte interessieren oder auf diese Bereiche spezialisieren. Auch ist es ein interessantes Werk für alle, die vielleicht keine wissenschaftlichen Vorkenntnisse in diesem Themenbereich besitzen, jedoch an den oben genannten Themen interessiert sind.

Die in der Literatur weitgehend vergessene Person Henrik Steffens wird von der Autorin sachlich, in klarer Sprache wie auch mit gut geordneten Fakten dargestellt. Es werden Steffens‘ Kindheits- und Jugendjahre, seine Studienreise nach Norwegen 1794, Wendepunkte in seinem Leben, die ersten literarischen Schritte, Steffens‘ Interessenentwicklung von der Naturwissenschaft zur Naturphilosophie, seine Kontakte mit Ludwig Tieck und Friedrich Schleiermacher, sein politisches Engagement und vor allem seine blühende Periode in Breslau beschrieben. Der Leser verfolgt Steffens‘ Schicksal als Wissenschaftler und Universitätslehrer in Breslau, lernt seine theologischen und kulturpolitischen Theorien kennen und beobachtet seine Entwicklung und seine Erfolge als Schriftsteller. Letztendlich gewinnt man fast nebenbei einen Einblick in Norwegen als sein Heimatland. Schon damals wurde das Land als „rein“ bezeichnet, als ein Land angesehen, wo „die Gleichheit der Stände“ herrsche. Die Norweger sollen in ihrem Urzustand glücklich weiter leben und ohne Einfluss der kriegerischen Auseinandersetzungen, welche in Europa immer wieder stattfanden. So jedenfalls kann man Steffens verstehen.

Steffens Arbeit an der Breslauer Universität ist im polnisch-deutschen Zusammenhang interessant und wird im Buch beschrieben: „Die Universität Breslau entstand aus der Zusammenführung der hier seit 1702 bestehenden katholischen Leopoldina mit der 1506 gegründeten protestantischen Viadrina aus Frankfurt an der Oder“ (S.44) Warum das eine gute Idee war, wird ebenso erläutert wie das Leben des Lehrenden, der eine Amtswohnung bereitgestellt bekam und unter anderem Vorlesung zu Physik, physischer Geographie, Naturphilosophie, Experimentalphysik, Physiologie, Anthropologie, Mineralogie und Hodegetik hielt und Spezialthemen wie die „mineralogische Geographie Schlesiens“ pflegte. Auch polnische Zuhörer der Vorlesungen waren voll des Lobes: „Ein interessantes Zeugnis findet man bei dem polnischen Dichter Julian Ursyn Niemcewicz, der 1821 eine Reise durch Großpolen und Schlesien machte und unter anderem Steffens Vorträge in Breslau hörte. Seine Burteilung fiel für Steffens sehr günstig aus, indem Niemcewicz die Genauigkeit und Klarheit seiner Rede lobte, auch wenn diese stark von einer Art Entzückung oder der Begeisterung geprägt war.“ (S. 53)

Von großer Bedeutung ist die Möglichkeit, die Zustände zu den Zeiten Steffens‘ nicht nur besser kennenzulernen, sondern dank der Lektüre zu erleben. Der Leser wird mit fast allen Aspekten des Lebens in den Jahren 1811 bis um 1834 konfrontiert. Er wird mit politischen, kriegerischen, gesellschaftlichen und literarischen Ereignissen bekanntgemacht. Man gewinnt einen Überblick über die Erlebnisse der damals lebenden Menschen, deren Zeiten voll von Unruhe und permanenten Änderungen waren. In Europa kam es zu Steffens‘ Lebzeiten zu vielen Auseinandersetzungen, die die Geschichte geprägt haben. Napoleons Feldzüge bewirkten, dass sich Steffens persönlich engagierte und sich sein Interesse an politischem Leben entwickelte. „Henrik Steffens nahm am Feldzug gegen Frankreich vom Anfang bis zum Ende teil und drang im Krieg bis nach Paris vor.“ (S. 70).

Steffens‘ Schreibtätigkeit wird in diesem Buch ausführlich besprochen, was für jeden Literaturinterressierten hochspannend ist. Nur wenige kennen selbst Steffens‘ Autobiografie. Heute ist er durch seine zehnbändige Autobiographie „Was ich erlebte. Aus der Erinnerung niedergeschrieben (1840-1844)“, einer wichtigen Quelle zur Personalgeschichte der deutschen Romantik, nur einem Teil der Germanisten bekannt. Sein übriges umfangreiches Werk, das Beiträge zur Natur-, Religions- und Staats- bzw. Geschichtsphilosophie enthält, dürfte nur ganz wenige Forscher erreichen. „Seine Belletristik, zu Steffens‘ Lebenszeit fast ein Bestseller, blieb bis heute fast ununtersucht und ist völlig in Vergessenheit geraten.“ (S. 9).

Zudem werden von der Autorin ausgewählte Werke genau analysiert. Somit hat man die Möglichkeit, Steffens‘ vielfältige Novellen und Romane kennenzulernen. Zu seiner Zeit war Steffens ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Er konnte durch seine umfangreichen Interessen eine große Leserschaft gewinnen: Die kriegerischen und patriotischen Auseinandersetzungen, die allerschönsten Beschreibungen seiner Heimat Norwegen, religiöse und politische Phantasien und psychologische Elemente sind nur einige der Themen, die in Steffens‘ Werken betrachtet werden. Selbst seine Kenntnisse der deutschen Sprache, die er nie sicher beherrschte, erweckten doch das Interesse und die Aufmerksamkeit der Leser. “In seltsamer ungewohnter Anwendung des Ausdrucks erkennt man den Ausländer dem das Teutsche, obschon ausgezeichnet, dennoch nie zur Muttersprache werden kann. Doch giebt das gerade dem Buch einen sonderbaren Reiz, man liest zuweilen wie in einer fremden Sprache, weil manche Ausdrücke trotz ihrer Natürlichkeit dem teutschen Sinne fremd sind (S. 154)“.

Das ist gerade die allerschönste Unterstützung für Nicht-Muttersprachler, die sich in der deutschen Sprache entweder schriftlich oder mündlich versuchen zu verständigen, jedoch im Alltag stets auf Kritik wegen nicht „ausreichender oder ungewöhnlicher“ Sprachkenntnisse stoßen. Somit ist das nebenbei eine Wertschätzung derjenigen, die in einer Fremdsprache die Kultur des Landes, in dem sie leben, bereichern wollen.

Mit viel Freude liest man das Buch und nach jeder Seite wird man hungriger auf mehr. Es ist keine leichte Lektüre. Für das Buch benötigt man sowohl Zeit als auch Ruhe. Es kann nicht schaden, schon über ein wenig literarisches Wissen zu verfügen. Mein Fazit: Ein empfehlenswertes Werk für alle Literaturfreunde,  Germanisten und ausländischen Studierenden. Es ist als Hardcover für 29,90 Euro zu erhalten.

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