Studium im Ausland: Polen kehren nicht heim

Spree und Dom in Berlin. Foto: Polen.pl (OE)

Wer einmal im Ausland ist, tut sich schwer, zurückzukommen. Nicht nur aus Berlin.

(Bottmingen, HF)  Junge Polen, die zum Studium ins Ausland gehen, kehren mehrheitlich nicht nach Hause zurück, berichtete die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza in ihrer Onlineausgabe vom 16.6.2012.  Aus Grossbritannien kommt so nur jeder sechste zurück. Die Tageszeitung konnte britische Daten einsehen, die zeigen, wo Absolventen sechs Monate nach ihrer Diplomierung arbeiten. Diese Daten werden jährlich von der  Higher Education Statistics Agency (HESA) erhoben.

So berichtet Dominika Pszczółkowska in ihrem Artikel, dass von 920 Polen, die 2010 an britischen Universitäten ihr Studium beendeten und die an der Umfrage teilnahmen, 625 in England arbeiteten. Weitere 85 arbeiten in Schottland, 30 in Wales, einige in Deutschland, Spanien, Belgien, Frankreich, Schweden und in der Schweiz. Nach Polen selbst kehrten nur 150 zurück.

Dies ist umso überraschender, schreibt die Autorin, als polnische Arbeitgeber sich über die schlechte Vorbereitung der Abgänger polnischer Universitäten beschweren. In Grossbritannien oder in den USA sind die Studien weitaus praxisorientierter. Geisteswissenschaftler legen eher Wert auf die Fähigkeit zu kritischem Denken und auf den schriftlichen Ausdruck, denn auf enzyklopädisches Wissen.

Kein Interesse an Rückkehr nach Polen

Die Gazeta Wyborcza (GW) berichtet weiter, dass polnische Absolventen von Studien in Grossbritannien, den USA und anderen Ländern entweder nicht zurückkommen wollen oder davon überzeugt sind, dass sie in Polen niemand will. „Die Mehrheit der hier lebenden polnischen Studenten ist gezwungen für das Studium Darlehen aufzunehmen. Ihre Rückzahlung ist leichter, wenn man zum Beispiel in der Lononer City arbeitet; daher bleiben sie in Grossbritannien“, erklärte der GW Joanna Bagniewska, die ihr Doktorat in Zoologie in Oxford abgeschlossen hat. Es gibt natürlich auch persönliche Gründe, wie eine Beziehung mit einem Ausländer.

Gemäss Dominika Pszczółkowska ist jedoch der Prozentsatz jener, die meinen, dass sie nicht zurückkehren werden, weil sie sich nichts davon erwarten, beunruhigend gross: Sie sehen für sich keine Beschäftigungsperspektive und besitzen keine Kontakte, welche ihrer Meinung nach unerlässlich sind, um Arbeit zu finden. Dies betrifft in erster Linie Geisteswissenschaftler. Kuba Stawiski, Student der klassischen Philologie und Anglist meinte gegenüber der Gazeta Wyborcza, dass er in Polen keine Arbeit finden wird. Er möchte an der Universität oder in den Medien arbeiten.

Ausbeuterisches Praktikum

„Im vergangenen Jahr habe ich ein Praktikum bei einem Medienkonzern in Polen abgelehnt, weil ich echter Ausbeutung unterworfen gewesen wäre: 45 nächtliche, achtstündige Dienste pro Monat für 100 Euro. Meiner Meinung nach verletzt das jedes Anstandsgefühl in der Beziehung zwischen Praktikant und Firma“, sagte er der GW.

Die Geschichten jener, die zurückkamen, spornen die nachfolgenden nicht unbedingt an. Einige klingen wie ein Alptraum. „Man sagte mir, dass mein Magisterabschluss ungültig wäre und dass ich das Diplom in Polen anerkennen lassen müsse. Aber in Polen gibt es nirgends eine Studienrichtung, die ich studiert habe, also hätte ich ein ähnliches Studium aufnehmen und ein halbes Studium ergänzen müssen“, berichtete der GW Kasia, die Internationale Erziehung in Oxford studiert hat.

Hohn nach der Rückkehr

Nach ihrer Rückkehr versandte sie über einhundert Lebensläufe an Ministerien, andere Institutionen und Sprachschulen. Sie war an zehn Vorstellungsgesprächen, aber nirgends stellte man sie an. „Am meisten hat wehgetan, dass die Leute so gemein sind. Sie haben gefragt, ob ich zurückgekommen bin, weil ich es im Ausland nicht geschafft habe; ob mich dort niemand beschäftigen wollte. Sie bezweifelten, dass in Oxford ein gewöhnlicher Mensch aus einer kleinen Ortschaft aufgenommen wird“, erinnert sie sich.

Grzegorz Piotrowski hat sein Doktorat in Soziologie am Europäischen Universitätsinstitut in Florenz gemacht. Diese Studien finanzierte der Polnische Staat. „Der Staat investiert, und dann nutzt er das nicht, wir müssen dafür kämpfen, zurückzukehren zu können“, meint er. Er fand eine Anstellung an einer Universität in Schweden, in Polen sieht er für sich weiterhin keine Perspektive.

Kaum Chancen an den Universitäten

„Der universitäre Oberbau rotiert auf dem Arbeitsmarkt kaum. Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass in Polen die persönliche Bekanntschaft grosse Bedeutung besitzt: Bei wem man das Doktorat geschrieben hat ist wichtig und nicht, was in diesem Doktorat behandelt wurde“, sagt er. Er beschwert sich auch über den Informationsfluss. „Ich erfahre nur, dass es irgendwo einen Wettbewerb gibt, wenn ich von einem Bekannten eine E-Mail erhalte.“

Ingenieure und Finanzwissenschaftler gesucht

Nach dem Artikel in der Gazeta Wyborzca können sich Ingenieure und Finanzwissenschaftler über Mangel an Arbeit nicht beklagen. Jan, der die London School of Economics and Political Science (LSE) und die amerikanische Johns Hopkins Universität beendet hat, arbeitet seit fünf Jahren für einen Investitionsfonds einer polnischen Firma und ist mit seiner Wahl zufrieden.

Der Zeitung berichtete er: „Ich freue mich darüber, dass ich in einer Region arbeite, die sich im Vergleich mit dem Rest Europas dynamisch entwickelt. Seit Beginn der Krise im Jahr 2008 erwägen viele in der Londoner City arbeitende begabte Bekannte die Rückkehr nach Polen. Sie wollen zurück, aber sie wissen nicht, wie sie es anfangen sollen. Ich bin überzeugt, dass sie zurückkommen werden und dass man sie schätzen wird, aber sie glauben es manchmal selbst nicht: Sie meinen, dass man hier Arbeit nur über Bekanntschaften findet, dass es Gläserne Decken gibt, die die Karriere bremsen und dass hohe Kompetenz und reiche Erfahrung für die Arbeitgeber nicht das Wichtigste sind“.

Gemäss Pszczółkowska sind Absolventen ausländischer Studien auf dem polnischen Markt weiterhin eine rechte Seltenheit. Die ersten Auslandsstudenten machten ihre eigenen Erfahrungen. „Das war ein wenig wie eine Himalajaexpedition“, meint Jan. Seitdem Polen der EU beigetreten ist, ist die Aufnahme eines Auslandsstudiums in den 27 Ländern sehr viel leichter.

Abnehmende Tendenz?

Polen fahren zum Studium insbesondere nach Grossbritannien. Jedes Jahr begeben sich Tausende junger Polen zum Lizenziats-, Magister- oder Doktorantenstudium auf die Insel. Im Jahr 2011 bewarben sich 2135 Personen für ein Studium und 944 nahmen es dann auf. Wie die GW berichtet, sinkt diese Zahl seit einiger Zeit wieder. Im Rekordjahr 2007 hatten über 3000 Personen Lust auf ein dortiges Studium. In diesem Jahr könnten es noch weniger als im letzten sein; denn die britischen Universitäten haben die Studiengelder sehr stark angehoben.

Kommentar

Die volkswirtschaftliche Leistung Polens wuchs in den vergangenen Jahren stark und sie wächst weiter. Mittlerweile befindet sich Polen unter den acht stärksten Volkswirtschaften der EU.  Zwei Drittel des Bruttonationaleinkommens stammen aus dem Dienstleistungssektor ein weiteres Drittel aus der Industrie. Hier findet das Wachstum statt und hier wären die Arbeitsplätze junger Akademikerinnen und Akademiker. Keine sich so stark entwickelnde Volkswirtschaft wie die polnische kann es sich leisten, einen solchen „Abfluss“ an  motivierten und gut ausgebildeten jungen Universitätsabsolventen in das Ausland zuzulassen, wenn sie ihre wirtschaftliche Entwicklungsperspektive nicht gefährden will. Es besteht die Gefahr, dass ein grosser Teil einer kommenden Manager- und Wissenschaftlergeneration für Polen verloren geht. Hier sind Wirtschaft und Staat dringend zum Handeln aufgerufen.

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*