Szenen einer Freundschaft: Polen und ich

Deutsch-Polnische Begegnung 2005. Foto: Jens Hansel

Eine deutsch-polnische Begegnung 2005, durchgeführt 10 Jahre nach dem Beginn der Beschäftigung des Autors mit deutsch-polnischen Themen

(Berlin, JW) 1995 lernte ich sie das erste Mal kennen. Nicht, dass ich vorher nicht schon dies oder jenes über sie gehört hatte, aber wie das so ist: Gefühlt zu weit weg. Es ist also gute 20 Jahre her, dass das begann, was ich heute eine sehr gute Freundschaft nennen würde. Anfangs begeisterte mich eher das Exotische, das Ungewohnte. Eine neue Welt tat sich für mich auf, weil ich zu erahnen begann, wie viele verschiedene Umfelder einem beschert werden können. Einige Jahre später genossen wir die vielen gemeinsamen Interessen und Erlebnisse. Ja, wir waren nun schon so auf einer Wellenlänge oder wir kannten uns bereits so lange, dass mir gar keine Unterschiede zwischen uns mehr auffielen. Bis zum Jahr 2015, das mich über vieles, das zwischenzeitlich selbstverständlich war, ziemlich abrupt zum Nachdenken brachte. Ein Nachdenken über diese Freundschaft zu den Polen und ihrem Land.

Ich schreibe es noch einmal deutlich: In diesem Text wird es persönlich. Eine Art Jahresrückblick ist es für mich, aber auch mein Rückzug aus dem aktiven Leben im Team von Polen.pl. Dieser Rückzug ist durch andere mein Leben beherrschende Themen unumgänglich, da ich nicht mehr mit ganzem Elan dabei sein kann.

Besserwisserische Ratschläge

Die Deutschen wollen den Polen sagen, wie man es in Politik, Gesellschaft, Religion und Wirtschaft richtig macht: Das ist der Vorwurf der Polen, die die politischen Veränderungen des Jahres 2015 verteidigen. Piotr Cywiński schrieb ironisch auf wPolityce.pl: „Selbstverständlich wissen die Deutschen am besten, was gut für uns ist und was nicht…“.

Als ich 1995 begann, mich mit deutsch-polnischen Begegnungen zu beschäftigen, war meine Kritik an bestehenden Programmen und Institutionen ähnlich. Ich sah ein Gefälle, hier die erfolgreichen Deutschen, dort die nach dem Weg suchenden Polen. Gespendet wurde gut gemeint aus Deutschland. Meistens gut gemeint wurde in deutsch-polnischen Kontroversen beschwichtigt. Aus deutscher Sicht wurde mit dem Ziel beraten, die polnische Verwaltung effizienter, die Wirtschaft dynamischer, die Zivilgesellschaft aktiver zu machen. Konsequent einseitig.

Diagramm - gefühlt - zum Interesse an Polen und den Ratschlägen aus Deutschland an Polen (Jens Hansel)

Nicht ganz ernst gemeint, aber so könnte das Ergebnis einer Untersuchung der Frage aussehen

Später, etwa im Jahr 2010, wurde klar, dass zumindest in Bezug auf das wirtschaftliche Wachstumstempo kein Rat mehr an die Polen notwendig war. Viele deutsche Organisationen kamen, außer in Sonntagsreden, aber nicht vom Gefälle-Gedanken weg. Selbst (oder gerade) in Gesprächen mit Menschen, die in deutsch-polnischen Themen aktiv waren, schien im Denken immer noch der hilfsbedürftige Nachbar durch, der jedoch nach Kennzahlen der Wirtschaft gar nicht mehr hilfsbedürftig war. Stattdessen wurde er eben in Sachen Zivilgesellschaft, mit Blick auf ein weniger ausgeprägtes ehrenamtliches Engagement in Polen und auf die offenbar fehlende Liberalität zum Beispiel gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften als hilfsbedürftig erklärt. Nach deutscher Meinung war Polen auch in ökologischer Hinsicht, wenn es um die Planung von Atomkraftwerken oder den Schutz der Energieversorgung durch Kohle ging, nicht auf der Höhe der Zeit. So sahen es viele der wenigen Polen-interessierten Deutschen.

Deutsche Anti-Atomkraft-Initiativen können bis heute nicht verstehen, warum der Widerstand gegen die Atomkraftpläne in Polen homöopathisch gering dosiert ist. Auch warum Homosexuelle in Krakau viel mehr Probleme haben als in Heidelberg, ist in Deutschland schwer vermittelbar. Warum Polen mit der Integration anderer Religionen hadert, wirkt auf manchen in Deutschland befremdlich.

Auch wenn die Unterschiede im Verhalten der Bevölkerung beider Länder kaum fassbar sind, wird die polnische Seite in Frage gestellt: Warum gibt es radikale Fußballfans in Polen? Die gleiche Frage auf Deutschland bezogen, scheint nicht erforderlich. Deutsche Journalisten berichteten aber jahrelang mit Vorliebe über Ausschreitungen in polnischen Stadien.

Unvergesslich sind mir auch Zuschriften an Polen.pl: Zum Beispiel der Autofahrer, der uns schrieb, er habe einen Verkehrsregelverstoß in Polen begangen und es sei doch ein Unding, dass die polnischen Polizisten, die ihn stoppten, kein Deutsch sprachen. Oder die Hotelgäste in einem Ostseehotel in Polen, die sich erheblich echauffierten, wie man denn solchen Tee zum Abendessen reichen könne. Das sind Ausprägungen von Besserwisserei in alltäglicher Erwartungshaltung, dass sich Polen doch Deutschland anzupassen habe.

Der Vorwurf der Besserwisserei gegenüber Polen ist definitiv nicht von der Hand zu weisen, denn seit 1995 – seitdem ich mich mit dem deutsch-polnischen Verhältnis beschäftige – hat sich der Gedanke des Gefälles mit dem Ergebnis gut gemeinter besserwisserisch-erhabener Ratschläge nur verändert. Er bezieht sich heute kaum mehr auf die Ökonomie, sondern stärker auf die Gesellschaft. Sonst ist aber vieles wie damals.

Empathieverlust in Deutschland

Aber warum nun diese plötzlichen Vorwürfe der Besserwisserei nach der letzten Wahl – auch auf politischer Ebene? Jahrelang lief es doch gut mit uns. Die Wirtschaft brummte, Deutschland begann Bier, Busse und Büromöbel in Massen in Polen zu kaufen. Lidl und Rossmann in Polen vermitteln ein Bild, als gäbe es nicht mal bei den Supermärkten einen Unterschied, die Produkte sind manchmal sogar in Polen deutsch beschriftet. Und mal ehrlich: Die deutschen Ratschläge waren doch auch meistens ziemlich gut?

Ja, tatsächlich, man mag es kaum glauben: Die Agenden der deutsch-polnischen Treffen beschäftigten sich zwischenzeitlich mit dem Problem, dass die Beziehung beider Gesellschaften zu gut sei, so dass man Angst haben müsse, dass aufgrund der eingetretenen Normalität das Interesse am gegenseitigen Kennenlernen zurückgehen könnte. Das war übrigens auf deutscher Seite nie besonders groß und muss weiterhin besonders im deutschen Westen stimuliert werden – ein Ziel, dass wir bei Polen.pl ganz oben auf der Liste haben.

Haben wir etwas übersehen?

Wir haben da offenbar etwas nicht bemerkt, da wurde etwas durch die oberflächlich gute Entwicklung und die vielen EU-Projekte in Polen und in der Grenzregion verdeckt. Den Grund zu benennen, warum wir das nicht bemerkt haben, ist zur Vermeidung erneuter Fehleinschätzungen zukünftig eine der wichtigen Fragen. Ich glaube für mich selbst verstanden zu haben, dass eine selektive Wahrnehmung eine Ursache gewesen sein dürfte.

Die Kontakte in deutsch-polnischen Projekten und Geschäften waren immer von Personen besetzt, die ähnliche Ansichten in Bezug auf den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kurs beider Länder hatten. PiS-Wähler sind in solchen Projekten schwer zu finden; und wenn sie dabei waren, dann haben sie sich nicht zu erkennen gegeben. Wenn ein Vorschlag aus Deutschland kam, wurde er auch deswegen oft akzeptiert, weil er auf Gleichgesinnte in Polen traf.

Rückblickend befällt mich eine Ahnung, an welchen Stellen mir etwas entgangen sein dürfte: Beim Blick auf die abgehängten Straßenverkäufer, die im mangelhaften polnischen Sozialsystem unter die Räder gekommen sind. Beim Besuch der Tanten und Onkels der Familie in der Provinz, die mit ausgesprochen karger Rente in mehr als einfachen Verhältnissen über die Runden kommen müssen. Bei der Diskussion mit jüngeren, erfolgreichen Polen, die verächtlich über die sprachen, die das Land verlassen haben. Laut Statistiken sind das die Zielgruppen, die den politischen Wechsel 2015 hervorgerufen haben.

Eben anders

Ich hätte viel früher stutzig werden müssen: Wenn ich mal wieder jemandem ein Reiseziel in Polen empfohlen hatte, hörte ich immer öfter nach der Rückkehr ein „Das sieht ja genauso aus wie bei uns“ – als zufriedene Feststellung. Was mich eher langweilte, die verlorengegangene Besonderheit in manchen Gegenden (vor allem der großen Städte) und die zunehmende Auswechselbarkeit der Läden, Geschäfte und Cafés wurde plötzlich als erfolgreiche Nachahmung der Struktur in deutschen Städten wahrgenommen: Damit wurde dies auch als eine Bestätigung des eigenen Lebensstils in Deutschland verstanden.

Dass diese Entwicklung, einhergehend mit dem Verlust von Individualität, Widerstand in Polen hervorruft, scheint mir eindeutig. Auch in Deutschland gab es  gegenüber der unreflektierten Übernahme des amerikanischen Lebensstils mit Fast-Food, TV-Konsum und Halloween starken Gegenwind; und dieser hat am Ende zu einem differenzierteren Verhältnis zu den USA geführt.

Wenn ein Vorgehen in der Flüchtlingskrise durch Deutschland quasi zwangsverordnet wird, wird wieder das Gefälle spürbar. Haben wir es, ausgehend vom imperialistischen Gehabe des „Stärkeren“ und des den „richtigen Lifestyle“ vorgebenden Partners, im polnischen Verhalten gegenüber Deutschland mit einer Entwicklung zu tun, die dem Antiamerikanismus der 70er und 80er in Deutschland entspricht?

Ich gestehe: Auch mich hat das Deutschland gegenüber plötzlich so abweisende Verhalten polnischer Politiker, die vom Volk demokratisch für ihr jetziges Tun gewählt wurden, getroffen. Es ist ein bisschen wie in einer Freundschaft, in der man lange einer Meinung war, einen Lebensstil zu teilen. Doch plötzlich wählt einer der beiden Freunde einen anderen Weg, wird aus der eigenen Perspektive heraus gesehen ein bisschen „komisch“; entscheidet sich für andere Schwerpunkte. Im Privaten kann das der Wechsel in eine andere Community, ein anderer Musikgeschmack oder eine andere Sportart als die gemeinsam ausgeübte sein; im Politischen sind es andere Zielsetzungen. Enttäuschung und Verunsicherung beim anderen sind als Folge normal.

Damit möchte ich keineswegs zweifelhafte politische Manöver rechtfertigen oder ein klares Wählerbewusstsein vor der Wahl in Polen über das, was zurzeit passiert, unterstellen. Diese Manöver sind üblich, genau wie es unmöglich ist, alles vorher zu wissen, was eine gewählte Partei dann tatsächlich umsetzt.

Entspannt bleiben

Von daher bleibt an dieser Stelle nur, für etwas Entspanntheit zu werben: Dieser neue politische Kurs in Polen ist keine Aufkündigung der Freundschaft mit Deutschland. Es ist vielleicht ein Signal an die Besserwisser, das Gefälle endlich zu vergessen und auch Andersartigkeit, vor dem Hintergrund anderer gesellschaftlicher Hintergründe zu akzeptieren.

Das Wahlergebnis ist sicher vor allem ein Signal für eine gegenüber einer reinen Wachstumspolitik sozialeren Ausrichtung des Landes und ein Signal gegen die Arroganz der Politik. Zurzeit wäre es das Falscheste, enttäuscht und verunsichert mit dem Aufkündigen der Freundschaft von deutscher Seite zu drohen; sei es durch EU-Mittel-Entzug oder durch Alleingänge mit anderen Partnern.

Vielleicht hat das Schockerlebnis in Deutschland über die plötzliche Veränderung im Umgang miteinander denn auch einen heilsamen Charakter. Das nun offensiv zur Schau gestellte Selbstbewusstsein kann deutlich machen, dass es um eine deutsch-polnische Freundschaft auf Augenhöhe geht, und nichts Anderes zukunftstauglich ist. Die Hochnäsigkeit gegenüber Polen hatte sich in den vergangenen Jahren trotz aller Schönwetterreden in der bundesdeutschen Wahrnehmung nicht wirklich – nasenausrichtungstechnisch – nach unten begeben. Und: Die plötzliche Konfrontation hat zumindest wieder einmal für einen Interessenszuwachs an Polen auch in der breiten Bevölkerung Deutschlands gesorgt, womit wir wieder bei der Frage aus 2011 wären: ‚Lieber ein schlechtes Bild als gar keines?‚.

Schreiben, Lesen, Reden und Wissen

Ich wünsche diesem Blog, dass Artikel, Gastbeiträge und Ansichten aus verschiedensten Perspektiven die Weiterentwicklung der deutsch-polnischen Freundschaft auch unter etwas anderen Rahmenbedingungen begleiten. Die Chancen auf mehr Verständnis der beiden Gesellschaften sind vielleicht jetzt größer als zuvor, wenn auch jetzt wieder mehr Arbeit an der Freundschaft erforderlich ist: Gerade jetzt werden viele, authentische und tiefgehende Informationen in Deutschland über Polen benötigt.

Eines ist klar: Die deutsch-polnische Freundschaft hält auch das aus. Sie kann daran wachsen, auf beiden Seiten. Wenn auch viele von uns in den vergangenen Tagen etwas resigniert und ratlos – fast lustlos – auf das Berichtenswerte schauten: Gerade jetzt geht es um das ‚Wie‘ der Begegnung und Freundschaft. Die Grundvoraussetzung dafür ist das Wissen übereinander. Daran sollten alle (auch die Medien) arbeiten.

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