Tadeusz-Kantor-Jahr 2015

Tadeusz Kantor, Foto: Radio Kraków / Wikimedia / Publ. Dom.

Tadeusz Kantor, Foto: Radio Kraków / Wikimedia / Publ. Dom.

(Dülmen, AF) „Für die polnische Kunst ist Kantor, was Joseph Beuys für die deutsche und Andy Warhol für die amerikanische Kunst ist“, bringt es der Kurator Jarosław Suchan der Ausstellung Tadeusz Kantor. Niemożliwe (Tadeusz Kantor. Unmöglich) auf den Punkt.

Alljährlich stimmen die Sejm-Abgeordneten darüber ab, welcher polnischen Persönlichkeit das nächste Jahr gewidmet wird. Nominiert waren für 2015 der heiliggesprochene Papst Johannes Paul II., der Historiker und Diplomat Jan Długosz sowie der Theaterregisseur und Maler Tadeusz Kantor. Für letzteren stimmten 409 Abgeordnete (fünf enthielten sich). Die Wahl fiel auf Tadeusz Kantor, weil 2015 der 250. Jahrestag des Teatr Narodowy (Nationaltheaters) gefeiert wird – was mit der Etablierung des polnischen öffentlichen Theaters überhaupt gleichzusetzen ist.

„Der Sejm der Republik Polen ernennt das Jahr 2015 –  in der Überzeugung seiner außergewöhnlichen Geschichte sowie Rolle, die es im gegenwärtigen Leben unseres Landes spielt – zum Jahr des Polnischen Theaters“,

heißt es in dem Beschluss.

 

Jahr des polnischen Theaters

Die Begründung des Theaters wird als ein „unstrittiges Zeugnis“ der polnischen Beteiligung an dem Entwicklungsprozess eines modernen und demokratischen Europas angesehen. Tadeusz Kantor stehe für die Kraft und die Kreativität des polnischen Theaters.

„Sein künstlerisches Schaffen stellt ein Beispiel für ein Werk dar, das ungewöhnlich stark in der polnischen Kultur verwurzelt und in der Lage ist, Kunstliebhaber auf der ganzen Welt zu begeistern. In 2015 das 250. Jubiläum des polnischen Theaters zu feiern, bedeutet auch, nicht den 100. Geburtstag von Tadeusz Kantor und seinem Schaffen zu vergessen“,

geht der Sejm-Beschluss weiter.

 

Das künstlerische Allround-Talent

Möchte man sich über Tadeusz Kantor informieren, so fällt zunächst auf, dass er ein künstlerisches Allround-Talent war: Als Regisseur, Maler, Bühnenbildner, Schriftsteller, Kunsttheoretiker, Schauspieler, Happening-Organisator und Universitätslektor wird er beschrieben. Geboren wurde Kantor 1915 in Wielopole Skrzyńskie bei Tarnów. Gestorben ist er 1990 in Krakau, wo er an der Akademie der Schönen Künste studierte und später dozierte.

Inspiriert wurde Kantor vom Konstruktivismus, Dadaismus, von der Informellen Kunst und dem Surrealismus. Zu Studienzeiten führte er seine ersten Stücke – Jean Cocteaus Orpheus, Juliusz Słowackis Balladyna (Ballade) und Stanisław Wyspiańskis Powrót Odysa (Odysseus Rückkehr) – mit einer Underground-Theatergruppe auf.

Nach dem Krieg arbeitete er im Helena Modrzejewska-Theater in Krakau als Bühnenbildner. 1948 gründete Kantor die Grupa Krakowska (Krakau-Gruppe) und nahm an der Wielka Wystawa Sztuki Nowoczesnej (Großen Ausstellung Moderner Kunst) in Krakau teil. Seine Gemälde, die er seit 1949 kreiert hatte, konnte er allerdings erst ab 1955 ausstellen. Wegen der staatlichen Einmischung in die Kunst, die den Sozialistischen Realismus als offizielle Kunstrichtung vorschrieb, verschwand Kantor für einige Zeit aus der Künstlerszene.

 

Cricot 2

Kantors Stuhl in Hucisko, Foto: Michał Sapeta / Wikimedia / CC-BY-SA

Kantors Stuhl in Hucisko, Foto: Michał Sapeta / Wikimedia / CC-BY-SA

Seine Kreativität voll entfalten konnte Kantor, nachdem er die Theatergruppe Cricot 2 ins Leben gerufen hatte. Das Ensemble inszenierte u.a. Stücke von Stanisław Ignacy Witkiewicz, z.B. Mątwa (Tintenfisch) (1956) und W małym dworku (Im kleinen Gutshaus) (1961).

Außerdem realisierte die Theatergruppe ein Stück von Kazimierz Mikulski, einem Maler, der sich ebenfalls dem Ensemble angeschlossen hatte. In Cyrk (Zirkus) werden die Schauspieler in schwarzen Stoff gewickelt, damit sie als menschliche Wesen unkenntlich gemacht und in „undefinierbare Substanz“ verwandelt werden. Eine Technik, die für Kantors zeitgenössische Theaterarbeit charakteristisch war.

Auch „Im kleinen Gutshaus“ wurden die Akteure wie Objekte ohne Individualität dargestellt. Das Konzept des Informellen Theaters erschien Kantor jedoch unzureichend. Daher ersetzte er es durch das Null-Theater (1962-1964). In Witkiewicz’s Wariat i zakonnica (Der Verrückte und die Nonne) machte er von diesem Konzept Gebrauch.

 

Happenings und Theater

Indem Kantor 1965 und 1967 die ersten Happenings organisierte, weitete er die Grenzen des traditionellen Theaterkonzepts. Laut Kantor waren sie das Produkt seiner bisherigen Erfahrungen im Theater und der Malerei. Nichtsdestotrotz wandte er sich in den 70er Jahren wieder dem Theater zu, in welches dann Happening-Elemente einflossen.

1975 entwickelte Kantor mit Umarła Klasa (Die tote Klasse) das sogenannte Theater des Todes. In dieser Phase kreierte er seine herausragendsten und berühmtesten Werke: Wielopole, Wielopole (1980), Niech sczezną artyści (Lass die Künstler verschwinden) (1985) und Nigdy już tu nie powrócę (Ich komme nie wieder hierher zurück) (1988) sowie Dziś są moje urodziny (Heute ist mein Geburtstag) (1991). Letzteres wurde posthum produziert, da Kantor bei den Proben verstarb. Die wichtigsten Motive in diesen Stücken sind der Tod, die Transzendenz, die Erinnerung sowie die Geschichte, die der Erinnerung eingeschrieben ist.

Kantor war selbst immer Bestandteil seiner Theaterproduktionen. Wie ein „Zeremonienmeister“ beobachtete er die Szene, um nötigenfalls zu intervenieren. In seinen Stücken finden sich Referenzen zur komplexen und multikulturellen Geschichte und Ikonographie Polens. Dieser Kunstgriff verschaffte Kantor weitreichende Anerkennung, da er es verstand, mit der visuellen Formwahrnehmung eine tiefe, persönliche und emotionale Botschaft zu vermitteln.

 

Was bleibt

Tadeusz Kantor ist weltweit als herausragende und originelle Persönlichkeit des Theaters im 20. Jahrhundert bekannt. Für sein künstlerisches Tun erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen. In Krakau und Florenz wurden Cricot 2-Theaterzentren eingerichtet. Dort wird neben dem Studium von Kantors Theaterkonzept auch die Rezeption seiner Arbeit untersucht.

Wer sich für seine Werke interessiert, sei an das Zentrum für die Dokumentation der Kunst von Tadeusz Kantor, die Cricoteka, verwiesen. Außerdem ist seit dem 8.9.2011 eines seiner Werke in Breslau, am Rand der Altstadt, zu sehen: ein überdimensionierter, weiß lackierter Klappstuhl. Er entstand aus Kantors Faszination für den Konzeptualismus und anlässlich des Breslau-Symposiums 1970.

 

Weitere Informationen über Tadeusz Kantor gibt es hier und hier.

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