Thomas Urban in Berlin: Fußball-Bühnen, Menschen und bemerkenswerte Wendungen

Thomas Urban am 31.5.2012 in der Landesvertretung NRW in Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Thomas Urban über Fußball und vieles dahinter

(Berlin, JW) Ein großer Fußballpokal für das erste Tor im neuen Stadion in Chorzów – der nie vergeben wurde: Weil das erste Tor ein Eigentor der heimischen Mannschaft war. Eine ähnlich peinliche Geschichte wie die Maßnahme der DDR, bei einem Spiel gegen Polen das Mineralwasser zu manipulieren: Nachdem sich eine Reihe polnischer Spieler mit Durchfall auf der Toilette statt auf dem Spielfeld befand, gewann zwar die DDR – zukünftig sorgte man aber bei den anreisenden Mannschaften für eigene Mineralwasserversorgung. Man hätte Thomas Urban noch zwei, vier, sechs oder mehr Stunden zuhören können, wenn er von Überraschendem, Wissenswertem, Neuem und Anekdotischem aus dem deutsch-polnischen Fußballverhältnis plauderte.

Schwarze Adler – weiße Adler

Kein einziges Wort hat Urban an diesem gestrigen Abend des 31. Mai 2012 vorgelesen, aus seinem Buch ‚Schwarze Adler, weiße Adler‘, über das wir bei Polen.pl schon einmal schrieben. Stattdessen gab es Bilder, vor allem von Fußballspielern. Bilder im Kopf und auf DIN A5 ausgedruckt. Einzelne Spieler der deutsch-polnischen Fußballgeschichte stellte der Osteuropa-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung den Gästen vor. Im wahrsten Sinne des Wortes visuell: Die Zuhörer tauchten in eine vergangene Fußballwelt ein, von der die meisten vorher nicht einmal geahnt hatten, dass sie so komplex ist. Von Helden und ‚Verrätern‘, von Rehabilitationen und kuriosen Geschichten berichtete Urban. Am Ende staunten die Small-Talker an den Stehtischen, wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Und das sogar im Fußball.

Mit dem Untertitel ‚Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik‘ und einem symbolträchtigen Coverbild ausgestattet, gibt sein Buch einen noch tieferen Einblick in der Verknüpfung von Politik und Fußball. Was Thomas Urbans Buch von dem Olaf Sundermeyers (wir lasen und berichteten) unterscheidet, ist der individuelle Zugang: Einzelne Spielerschicksale recherchierte der seit über 20 Jahren in Warschau lebende Urban akribisch und wusste mit Hintergrundwissen und politischen Zusammenhängen zu beeindrucken. Selbst Nichtfußballfans kauften anschließend das Buch: Der Gesamtzusammenhang, die Komplexität und die schlüssige Präsentation dessen überzeugte sie.

Das Viereck Ruhrgebiet, Oberschlesien, Warschau, Berlin

Die Veranstaltung auf Einladung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e.V. und der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund fand in Berlin statt, und zwar in der schicken nordrhein-westfälischen Landesvertretung. Damit waren schon einmal zwei wichtige Orte präsent, auf die Urban einging. Oberschlesien, dessen fußballerischer Geschichte sich auch eine Ausstellung ab dem 8. Juni in Berlin widmet, und Warschau sind die östlichen Eckpunkte des fußballpolitischen Vierecks, das im Fokus des Abends stand.

Ausgerechnet ein Spieler mit polnischen Eltern schoss 1933 das erste Tor der deutschen Nationalmannschaft bei einem Länderspiel gegen Polen. Die damals gleichgeschaltete Fußballzeitschrift Kicker bemühte sich zwar nach Kräften, die polnische Herkunft des Stanislaus Kobierski zu ‚korrigieren‘; Urban berichtet aus seinen Recherchen, wo sich dies recht schnell als unglaubwürdiger Versuch des Mediums herausstellte.

Und ausgerechnet ein aus einer protestantischen deutschen Familie stammender Spieler namens Friedrich Scherfke war es, der bei einer Weltmeisterschaft das erste Tor für Polen erzielte – das war 1938. Dieser fiel später als ‚Verräter‘ in Polens Fußballliteratur in Ungnade. Hier mussten Urbans Recherchen sehr viel weiter gehen: Nach seinen Erkenntnissen kann Scherfke nun als rehabilitiert gelten, da er zur Zeit des Nationalsozialismus nicht der SS und Gestapo zuarbeitete, sondern stattdessen Opfer der Repressionen unterstützte.

Hintergründe auf Abruf

Ob zur Frage der Erlaubnis von Sportveranstaltungen zu Zeiten des Nationalsozialismus, der Brillanz des Fußballspiels von Scherfke bis hin zu seinen wichtigsten Toren und Quellen, wo man diese sehen kann (etwa YouTube), der Einstellung von Podolski und Klose zum Land Polen, ja sogar der Einstellung Kloses‘ Eltern dazu: Urban hat scheinbar auf jede Frage zu Fußball und Politik für die letzten 100 Jahre eine Antwort.

Ernst Willimowski, ebenfalls ein deutsch-polnischer Fußballspieler, bildete ein weiteres Kapitel des Abends: Die Einzigartigkeit, sowohl für Polen wie auch für Deutschland Tore geschossen zu haben (und nicht zu wenige), ist seine Eigenschaft bis heute. Auch an diesem Beispiel wird schnell klar: Das kollektive Fußballgedächtnis vereinfacht nicht nur zwischen Helden und Verlierern, sondern ist auch manipulierbar. So wurde mancher Protagonist auf dem grünen Fußballrasen zum ‚Verräter‘ gestempelt, obwohl die Sachlage keineswegs so eindeutig war. Oder wie im Falle Willimowskis: Die aus Sicht des Fußballexperten Urbans hervorragenden fußballerischen Leistungen wurden schlichtweg ausgeblendet; Willimowski wurde vergessen. In den Memoiren Willimowskis allerdings entdeckte Urban ebenfalls Unstimmigkeiten zum Beispiel in Bezug auf eine angebliche Begegnung des damaligen Fußballstars mit dem späteren Papst Karol Wojtyła.

Schwierige Recherche, beeindruckendes Ergebnis

Die Schwierigkeiten des Autors hörten, so konnte man erfahren, bei quellenfreien Memoiren nicht auf: Auch die Nichtexistenz der frühen Archive des Deutschen Fußball-Bunds und der entsprechenden polnischen Organisation ließ manche Untersuchung länger dauern. Manchmal waren es nur Zufälle, die Urban auf die richtige Fährte führten: Etwa blieb lange die Frage offen, wie es Scherfke gelang, Mitspielern zur Zeit des Nationalsozialismus zu helfen, obwohl er keinen hohen Posten in den nationalsozialistischen Organisationen hatte. Die Antwort ergab sich später – Scherfke hatte den Auftrag, eine Mannschaft zusammenzustellen, und damit bestimmte Freiheiten erhalten. Zur Aufklärung der ‚Wasserschlacht‘ auf dem Frankfurter Fußballfeld 1974 trugen dann eher die Trainer der damaligen Mannschaften bei, die 25 Jahre später bestätigten: Es war nichts manipuliert. Aber auch bestätigten (fast) alle später: Die polnische Mannschaft war eigentlich die besser.

Fußball bringt Nähe

Schon die Weltmeisterschaft 1974 erlaubt den Schluss: Fußball bringt Menschen einander näher. Polen spielte sich durch frisches Spiel und gute Laune in die Herzen der Deutschen, obwohl das Land bis dahin als Attribute höchstens ‚grau‘ und ‚mangelwirtschaftlich‘ mit sich trug. Und was Urban nach einem Gespräch mit der aktuellen deutschen Nationalmannschaft bestätigen konnte, lässt ebenfalls positive Folgerungen zu. Nach seiner Einschätzung sind Wissen über, Interesse an und Neugierigkeit auf das Nachbarland erheblich stärker als noch einige Jahrzehnte zuvor.

Schade war an diesem sehr gelungenen Abend eigentlich nur, dass er so schnell vorüber war: Viele Besucher hatten noch Fragen, die auf Interesse im Publikum stießen. Die nach dem Buch Urbans benannte Ausstellung des Warschauer Deutschen Historischen Museums (siehe unser Beitrag) ist damit ganz sicher ein Tipp, ebenso die Ausstellung in Berlin. Oder eben gleich sein Buch.

Weitere Informationen:

Schwarze Adler – weiße Adler, Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik
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