Titel gesucht: Ein Reisebuch-Autor und die Beschreibung von ‚Mittelpolen‘

Badestelle Dziekanowice am Familiensitz der ersten Piasten-Könige. Foto: Frieder Monzer

Badestelle Dziekanowice

(Berlin, FM) Einen detaillierten Ratgeber für Touristen über die Woiwodschaften Großpolen und Kujawien-Pommern, eventuell mit Wegen aus Richtung Berlin und mit einem Schlenker bis zum Kaschubischen Landschaftsschutzpark: So ein Reisebuch hielt der Berliner Verlag Trescher für eine gute Idee. Verschiedene Zusammenhänge lassen diese gemeinsame Betrachtungsweise zu. Es handelt sich um von der Eiszeit geformtes Flach- und Hügelland, wo sich vor etwa 1000 Jahren das erste Staatsgebilde der Polen entwickelte. Übrigens liegt in dieser Region auch die Badestelle Dziekanowice am Familiensitz der ersten Piasten-Könige.

Auf mein 2011 resultierendes Taschenbuch wurde Jens Hansel aufmerksam, ich bin froh und stolz über seinen Artikel, nun steht eine aktualisierte Neuauflage an. Ein Problem dabei: Was ist der richtige Titel?

Unterteilung meiner Sprachgrübeleien

Meine Sprachgrübeleien – so nenne ich diese Gedanken einmal – zu Reisebüchern lassen sich etwa in folgende vier Gruppen unterteilen:

  • Ein Buchtitel soll möglichst prägnant und selbsterklärend sein,
  • der Umgang mit deutschen und landesüblichen Bezeichnungen geographischer Objekte muss berücksichtigt werden,
  • die sogenannte „politische Korrektheit“ darf nicht vergessen werden,
  • für meine Titelüberlegungen eher irrelevant, doch nicht zu vergessen: Die geschlechtsbezogene Korrektheit, die manchen Leutinnen sehr wichtig ist und nach der die streitlustige Wirtschaftsflüchtlingin und voreingenommene BILD-Reporterin Alice Schwarzer vermutlich den Federhalter am liebsten zu einer Fedsiehalterin machen würde. So etwas nahmen Reisebuchverlage glücklicherweise bisher nie auch nur ansatzweise ernst beziehungsweise sienst.

Das Mittelpolen-Buch

Thorn: Seit meinem ersten Besuch 1980 ist Thorn meine Lieblingsstadt. Foto: Frieder Monzer

Thorn: Lieblingsstadt Frieder Monzers

Ein Reisebuchtitel soll das Gebiet abstecken und nicht vom Kauf abschrecken. Geographisch am treffendsten wäre natürlich „Großpolen und Kujawien-Pommern“. Aber wie viele potentielle Käufer würden sich davon angesprochen fühlen? Die erste Auflage meines Buches trägt den Titel „Posen, Thorn, Bromberg“. Diese Aufzählung lässt aber meine ebenfalls große Liebe zur Provinz einschließlich Hinweisen zum Radeln und Paddeln außen vor. Wie wäre es mit „Zwischen Warthe und Weichsel“? Zudem soll mittelfristig ein Stadtführer zu Posen ausgekoppelt werden. Zweimal dieser Name in einem Titel des Verlagssortiments würde vielleicht für Verwirrung sorgen.

Was ist sonst noch denkbar? „Polens mittlerer Westen“? „Zwischen Landsberg, Kalisch und Graudenz“? „Polens Keimzelle“? „Wo Polens erste Könige baden gingen“? „Auf dem Weg in die Geburtsstadt von Kopernikus“? „Bigos, Wódka, Eichen, Goldammern und Rohrdommeln?“ „Das Martinshörnchen in seiner Heimat“?

Geographische Bezeichnungen

Bei einigen Artikeln vor der Jahrtausendwende leistete ich fast Pionierarbeit damit, Entscheidungen zwischen deutschen und landesüblichen Bezeichnungen geographischer Objekte auch immer wieder an entsprechenden Textstellen zu begründen. Es klingt albern, Moskau oder Venedig in deutschen Texten in Landessprache zu benennen. Je unbedeutender das Objekt, umso weniger Menschen kennen eine traditionelle deutsche Bezeichnung. Doch bleibt es immer eine Einzelentscheidung, sogar Bäche oder Felsen können durch ihre kulturhistorische Bedeutung unter einer alten deutschen Bezeichnung noch geläufig sein.

Odry: Diese magischen Steinkreise liegen schon in der Woiwodschaft Pommern. Foto: Frieder Monzer

Odry: Magische Steinkreise in Pommern

Weiterhin ist zu beachten, dass sich ein wilder Mix aus deutschen und landesüblichen Bezeichnungen beispielsweise in einer Aufzählung nicht gut lesen lässt. Dies kann sogar dazu führen, dass in verschiedenen Texten meine Einzelentscheidung beim gleichen Objekt unterschiedlich ausfällt. Inzwischen hat sich stillschweigend ein Standard herausgebildet, dem auch die Internet-Darstellung bei Polen.pl (gemäß den Redaktionsrichtlinien) folgt. Gängige Praxis ist beispielsweise derzeit, beim ersten Auftauchen einer mittelgroßen Stadt in einem Kapitel eventuell vorhandene andere Namensformen in Klammern dahinter zu schreiben.

Politische Korrektheit

Ich schwimme manchmal bewusst gegen den Strom. Was Rumänen und EU-Europäer Transnistrien, die Ansässigen dort und Russen Pridnestrovie nennen, heißt bei mir Transdnestrien. Dieses selten verwendete Kompromisswort gilt leider als überkorrekt. Dagegen sehe ich nicht ein, warum ich die sich selbst stolz Tsigani nennenden Gruppen nicht Zigeuner nennen sollte, zumal sie in einigen Gegenden Bessarabiens nachdrücklich auf dieser Eigenbezeichnung bestehen. Hier bin ich also unkorrekt.
Manchmal bewältige ich unterschiedliche Instrumentalisierungen eines Begriffs nur, indem ich mir einen ganz persönlichen Standpunkt erarbeite.

Nun muss ich mich bremsen, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen. Aber dennoch erlaube ich mir einen kleinen Exkurs: Beispielsweise wurden „Gutmensch“ und „Alternative“ schon so verschieden verwendet, dass sie zum Faktentransport heutzutage nur mit zusätzlicher Erklärung oder nur innerhalb einer Subkultur taugen. „Wachstum“ im Sinne ökonomischer Kennzahlen wird mir penetrant als Lebensziel eingeredet, obwohl ich noch nie  Zusammenhänge zwischen solchen Zahlen und meinem Glücksgefühl verspürte. Ich brauche keine elektrischen Fensterheber, Kaffeepads oder Kaffeekapseln. Aber das BIP wäre geringer, wenn alle einfach kurbeln oder einfach Pulver nehmen würden. Einige „Arbeitslose“ verrichten nützlichere Tätigkeiten als mancher Promi, Problem dabei ist mangelnde Vergütung. Die Praxis unserer „Demokratie“ berücksichtigt die Zukunft unzureichend, dämmernd mit 117 Jahren darf man stärker mitbestimmen als engagiert mit 17.
Zu manchen postulierten Korrektheiten habe ich schlicht noch keine mir hinreichend einleuchtende Argumentation gefunden. Warum gingen aus der Landesteilung der Tschechoslowakei die Länder „Tschechien und Slowakei“ hervor? Warum nicht wie vorher „Tschechei und Slowakei“? Oder wenigstens gleichartig „Tschechien und Slowakien“? Die offizielle Begründung zur Neubenennung der Tschechei trifft jedenfalls ähnlich auch auf die Slowakei zu. Vielleicht obendrein sogar auf Türkien.
Mehrere Monate lang zog sich eine freundschaftliche Diskussion mit dem Verlag zum Titel des Moldova-Buches hin. Die Republik Moldau ist hierzulande unter der russischen Namensform Moldawien bekannter. Das fasst aber die überwiegend rumänischstämmige Bevölkerung als Missachtung auf. Bei Moldau wiederum assoziieren die meisten den Fluss durch Prag.

Bitte um Kommentare und Vorschläge

Aber zurück zum anstehenden Buchtitel (bisher „Posen, Thorn, Bromberg“), insbesondere dazu würden mich Kommentare und Vorschläge der Leserschaft von Polen.pl sehr freuen. Die Neuauflage soll 2016 erscheinen, mein Stadtführer zu Posen wahrscheinlich erst 2017. Bitte kommentieren Sie Ihre Anregungen, Hinweise, Ideen, Gedanken, Grübeleien gern im Kommentarfeld hier im Blog.

Und als Fan der kleinen romantischen Badestelle bei Dziekanowice würde mich wirklich interessieren, ob jemand was genaueres über die Badegewohnheiten zur Piastenzeit weiß. Haben Mieszko und Bolesław in der abgebildeten Bucht geplantscht?

Ach ja: Kontroversen über politische Korrektheit stehe ich auch aufgeschlossen gegenüber.

Andere Reiseziele

Jens Hansel nannte mich „Ostreisender mit Mission und Entdeckerfreude“. Dazu bekenne ich mich mit zwei Einschränkungen. Durch Putins und Orbans Nationalismen sind mir deren Länder derzeit etwas verleidet. Dabei war Ungarn das liberalste Land im Realsozialismus. Natürlich bleibt es trotzdem die Heimat des Malers Csontváry und der Rockgruppe Omega. Außerhalb Polens habe ich in den letzten Jahren besonders gern die Burgruinen der Slowakei und das Art-Labyrinth-Festival „of Eco-Life, Alternative Art and Alternative Culture“ in Moldova besucht. Auf Anfrage gebe ich auch dazu Erfahrungen weiter.

Soviel für heute.
Schöne Erlebnisse im Osten wünscht
Frieder Monzer

Zusatzinfos

Bestellung der Auflage 2011 beim Verlag (Affiliate-Link Polen.pl): www.trescher-verlag.de
Einen kleinen optischen Eindruck von Monzers Projekten vermittelt sein einziges Internet-Video: http://youtu.be/GtXmVeIu0Vw

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Comments
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