Tourismus in Masuren: 6 Fragen an Hendrick Fichtner

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Auf welcome2poland.com

(Berlin, JW) Wer etwas über Tourismus in Masuren erfahren möchte, kann entweder lange im Internet suchen oder jemanden fragen, der sich schon lange mit diesem Thema beschäftigt. Eine solche Person haben wir gefunden und sie in einem unserer Interviews zum Thema ‚Tourismus in Polen‘ in Kooperation mit der Xing-Gruppe ‚Reiseland Polen‘ befragt. Hendrick Fichtner ist der Name unsers Gesprächspartners. Hendrick hat sich seit vielen Jahren mit seinem kleinen, familiären Reisebüro auf Individualurlaub in Masuren spezialisiert. Dabei betreut er zahlreiche Stammkunden und immer wieder neue Interessenten. Jens von Polen.pl sprach mit ihm und stellte diesmal nur sechs statt sieben Fragen.

Hendrick, du bist nun schon einige Jahre im Tourismus in Polen tätig. Wie kam es dazu und seit wann machst Du das genau?

Hendrick Fichtner: Es waren Gespräche mit Freunden und Überlegungen meiner Frau und mir, die uns im Dezember 2002 auf die Idee brachten, eine Internet-Reiseagentur für Polen zu gründen. Entstanden ist der Gedanke durch immer mehr Nachfragen aus unserem Bekannten- und Familienkreis, ob wir vielleicht nicht bei der Organisation einer Reise nach Masuren behilflich sein können. Der Grund dafür war, dass meine Frau aus Olsztyn stammt (dtsch.: Allenstein) und wir früher wie heute recht oft dorthin fahren. Nach der ersten Idee ging alles ziemlich schnell: Die erste Website war im Juni 2003 online. Zu Beginn hatten wir ausschließlich Masuren im Programm und fungierten noch unter dem Namen welcome2masuria.com.

Euer Schwerpunkt sind Masuren und das östliche Polen, wenn ich das richtig sehe. Wie hat sich die Nachfrage hier seit Beginn Eurer Arbeit verändert? Stimmt die These, dass die ‚Vergangenheitssucher‘ eher weniger werden und Nachwuchstouristen für Polens Osten aus Deutschland noch rar sind, da viele doch nur die kurzen Wege an die polnische Ostsee oder ins Riesengebirge zurücklegen?

Hendrick Fichtner: (schmunzelt) Dazu hole ich ein bisschen aus. Unser Schwerpunkt waren zunächst die Region Masuren, das ist richtig. Schon nach kurzer Zeit kamen aber immer mehr Nachfragen unserer Gäste, die einen Urlaub in Masuren mit einem Urlaub an der polnischen Ostsee verbinden wollten. Wir wollen natürlich die Wünsche unserer Kunden erfüllen. So haben wir auch dort von uns ausgewählte Hotels und Pensionen ins Programm aufgenommen – und unseren Firmennamen (wie auch die Haupt-Website) auf welcome2poland.com geändert.

Etwas später aber haben wir das Angebot für die Ostsee wieder etwas reduziert. Warum? In manchen Hotels hatte sich ein Massentourismus ausgebreitet. Also haben wir unsere wirklichen Geheimtipps und uns selbst gut bekannte Hotels ausgewählt und zahlreiche andere Häuser aus dem Angebot genommen. Wir wollen nur das anbieten, wovon wir auch wirklich überzeugt sind, was Qualität und Service anbetrifft. Ich mache aber auch keinen Hehl daraus, dass einige Zeit nach unserem Start auch einige große Hotelbuchungsportale und Kurreise-Anbieter die Region entdeckt haben, so dass für uns der Platz dort etwas enger wurde.

Zur Frage der Motivation der Reisenden in die Masuren: Klar ist, dass die ‚Heimwehtouristen‘, die mit großen Busreisegruppen nach Masuren kommen, vorbei ist. Natürlich gibt es diese Fahrten noch, aber es werden weniger. Stattdessen hat der Individualtourismus zugenommen, auch in Sachen ‚Heimwehtourismus‘. Die Suche auf den Spuren der Vorfahren erfolgt nun meist schon durch die Kinder oder gar Enkel, die dann oft die Recherche mit einem Aktivurlaub mit Kajak oder Fahrrad oder auch mit einem Abenteuerurlaub am See verbinden.

Generell bietet Polen und vor allem auch Masuren viel mehr als nur die ‚Spurensuche‘. Es ist ein Reiseziel für Abenteuerlustige, Aktivreisende, Naturfreunde und vor allem Gäste, die nicht den perfekten Pauschalurlaub, sondern etwas Besonderes suchen. Auch wenn es auf den ersten Blick negativ klingt, so meine ich es doch positiv: In der Region Masuren muss man manchmal ein Auge zudrücken; wenn man das schafft, kann man einen unvergesslichen Urlaub verbringen.

Es gab  vor vielen Jahren unter der Überschrift ‚Sehnsucht nach Masuren‘ einen sehr schönen Artikel über Masuren in der Tageszeitung WAZ. Die Kernaussage war, dass man in Masuren eine gewisse Sehnsucht nach Kindheit, nach Heimat verspürt. Ich finde, dass ist absolut treffend formuliert und das hat überhaupt nichts mit dem ‚ehemaligen Ostpreußen‘ zu tun. Es hat damit zu tun,  dass die Uhren dort wirklich noch anders ticken, mit der unglaublich schönen Natur, den weitläufigen und hügeligen Landschaften, den vielen Seen und sicherlich auch den vielen recht armen Dörfern, verfallenen Gutshäusern und Bauernhöfen. Vor allem jedoch hat es zu tun mit den so warmherzigen Menschen, die,  so arm sie teilweise auch sind, immer mit offenen Armen empfangen – wenn man ihnen mit Respekt entgegen tritt. Alles dies trägt dazu bei, bei uns diese Sehnsuchtsgefühle auszulösen. Vor allem vom stressigen Alltag ist das ein wirklicher Gegensatz.

Ach ja: Das südliche Polen ist nicht unser Schwerpunkt. Allerdings bieten wir für das Riesengebirge interessante Wander- und Ski-Reisen an. Unsere Gäste dort sind also entweder auf der Suche nach Erholung oder nach Aktivität.  

Wie sind die aktuellen Entwicklungen: Was sind die Trends bei den Zielgruppen und in der Hotellerie sowie bei den touristischen Angeboten? Welche Sachverhalte bereiten dir aktuell und perspektivisch für die kommenden fünf Jahre am meisten Sorgen?

Hendrick Fichtner: (lächelt) Keine einfachen Fragen. Fangen wir mal mit den Problemen an. Eines ist sicherlich das Image. Polen ist für viele immer noch vor allem ein ‚günstiges Urlaubsland‘. Das stimmt zwar in gewisser Weise und natürlich werben auch wir damit. Was aber auch klar sein muss: Wer einen wirklich günstigen Urlaub in Polen bucht, darf nicht die gleichen Leistungen erwarten, wie er sie für einen höheren Preis etwa in Deutschland bekommt. Das bedeutet nicht, dass es keine sauberen Zimmer gibt, das muss natürlich immer gegeben sein. Auch darf keine gebuchte Leistung fehlen, das ist selbstverständlich. Aber: Es gibt durchaus manchmal Sprachbarrieren, gerade in kleineren Hotels und Pensionen. Dort darf man nicht erwarten, dass dort jeder Deutsch spricht, was man in anderen Ländern ja auch nicht erwartet.

Auch wenn beispielsweise mal an einem Nachmittag die Sauna nicht funktioniert, es zum Essen mehrere Tage Kartoffeln als Beilage oder einen Kompott zum Nachtisch gibt: Das meine ich mit dem ‚Auge zudrücken‘.

Nun aber zu den Trends: Der Markt teilt sich ein stückweit auf: Einerseits in Menschen, die sich die Reise vollständig selbst zusammenstellen, dann aber auch oft Polnisch sprechen. Andererseits in Menschen, die eben nicht die Hotel-Buchungspauschalen wählen, sondern auch Service, Betreuung und Organisation dazu wünschen. Was die Reisethemen anbetrifft, ist der Bereich ‚Wellness & Spa‘ in Polen wirklich ganz groß – wenn auch nicht neu. Gerade hier ist das Preisargument für Polen tatsächlich wirksam. Masuren haben den Dauertrend Fahrradreisen gehalten, Kajakreisen ebenso. Im Bereich Wassersport, übrigens unser Steckenpferd, gibt es nicht nur in Masuren einige neue Ansätze: Zum Beispiel der Hausbooturlaub, in den wir in den vergangenen drei Jahren viel Pionierarbeit gesteckt haben.

Deine Geheimtipps für Masuren, Hendrick?

Hendrick Fichtner: (lacht) Wenn ich die hier verraten würde, wären es keine Geheimtipps mehr. Spaß beiseite: Es gibt viele sehr schöne Hotels und Pensionen in Masuren, teilweise echte Geheimtipps. Aber, mal wieder etwas aus meiner Perspektive: Es ist schwer, diese  als Reisevermittler auf den Markt zu bringen, da die Häuser meist nur wenige Zimmer haben. Wir haben trotzdem ein paar solcher Pensionen im Programm und auch wirkliche Geheimtipp-Ferienhäuser, meist familiengeführt und oft in traumhafter Lage. Und noch etwas: Das sogenannte ‚Buckelmasuren‘ südöstlich der Masurischen Seenplatte gelgen, ist sehr sehenswert. Mein persönlicher Tipp liegt noch weiter im Osten: Dabei handelt es sich um die Region rund um den Wigierski-Nationalpark, welcher aber schon in der Region Podlasien liegt.

Generell behaupte ich, dass fast jeder Urlauber, der ein bisschen herumfährt und die Gegend erkundet, seinen eigenen Geheimtipp findet. Das kann eine einsame Bucht sein, ein einfaches, aber gutes Fischrestaurant mit leckeren Speisen, eine versteckte kleine Zimmervermietung bei netten Einheimischen oder auch nur ein zufälliger, geselliger ‚internationaler Abend‘ am Lagerfeuer oder im Hafen, bei der man die polnische Gastfreundlichkeit hautnah erlebt.

Ein Schwerpunkt eurer Arbeit ist die Vermittlung von Hausbooten in Polen. Das ist ja noch ein recht neues Angebot. Sag‘ mal: Warum sollte jemand in Polen Hausboot fahren und nicht etwa auf der mecklenburgischen Seenplatte?

Hendrick Fichtner: Den Vergleich zur Mecklenburgischen Seenplatte will ich gar nicht ziehen, da ich selbst noch nicht dort war. Ich kenne das Angebot dort daher nur aus der Theorie. Ganz anders in Polen: Da sehe ich unser Unternehmen als Pionier. Wir haben mehrere Jahre investiert, die Angebote zu finden und daraus geeignete Pakete für Urlauber aus Deutschland zu machen. Das macht mir riesig Spaß. Seit fünf Jahren haben wir einfache Hausboote im Programm, seit zwei Jahren betreiben wir ein Hausboot-Portal für Polen. Aktuell bieten wir als Vermittler rund 40 Hausboote in ganz Polen an, damit dürften wir wohl Marktführer sein. Ich kenne fast jedes Boot persönlich.

Auch hier gibt es wieder den Unterschied zwischen günstig und günstig (schmunzelt): Generell sind die Charterpreise in Masuren niedrig. Unsere Boote sind eher sportliche Hausboote mit etwas kleineren Kabinen und nicht immer der Ausstattung, dass zu jeder Schlafkoje ein eigenes Badezimmer mit Dusche gehört. Die Hausbootreviere sind noch nicht ganz so professionell, wie in Deutschland, Holland, Irland oder Frankreich. So entwickeln sich Serviceangebote wie Flughafentransfer, Einkaufsservice aufs Boot, großes Prospekt- und Infomaterial an Bord und vor der Buchung erst allmählich. Wir versuchen, die Servicelücke  durch unsere Arbeit als Reisevermittler aufzufangen. In aller Bescheidenheit: Ich glaube, das gelingt uns mit unserer Hotline und Beratungsarbeit im Vorfeld ganz gut. Wir arbeiten auch nur mit Hausbootbetreibern zusammen, die aufgeschlossen gegenüber den Serviceangeboten sind.

Was aber viel wichtiger ist: Wer auch hier ‚mal ein Auge zudrückt‘, erlebt Einzigartiges: Eine weitläufige und oft unberührte Natur, wenig Bebauung, Begegnungen mit Biebern, Störchen und Adlern. Ein bisschen Abenteuerlust sollte beim Hausbootfahrer in Polen dabei sein.

Was siehst du als Deine Aufgabe in den kommenden Jahren?

Hendrick Fichtner: Das ist ganz einfach: Auch in den nächsten zehn Jahren möchte ich vielen weiteren tausend Gästen einen hoffentlich spannenden und unvergesslichen Urlaub in Polen ermöglichen. Unsere Motivation ist ungebrochen: Witamy w Polsce!

Weitere Informationen über den Anbieter welcome2poland: welcome2poland.com und für den Hausbooturlaub polen-hausboote.de

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