Trotyl und Nitroglyzerin – ein Zeitungsartikel mit Konsequenzen

Gedenkkreuz an die Smolensk-Katastrophe am Krakauer Wawel. Foto: Polen.pl (JW)

Gedenkkreuz an die Smolensk-Katastrophe am Krakauer Wawel: Symbol für die gesellschaftliche Spaltung

(Hamburg, JE) Zugegeben, als ich das erste Mal über Spuren von Trotyl auf dem Wrack der 2010 in Smolensk verunglückten Tupolew las, musste ich erst einmal nachschauen, um was für einen Stoff es sich da eigentlich handelt. Wikipedia klärte mich dann auf: Trotyl ist ein anderer Name für den Sprengstoff Trinitrotoluol, besser bekannt als TNT. Damit war klar, worum es hier geht: Spuren von TNT und Nitroglyzerin auf dem Flugzeugwrack als angeblicher Beweis eines Anschlags. So kommentierte zumindest PiS-Vorsitzender Jarosław Kaczyński den Sensationsbericht der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita. Seiner Meinung nach seien die 96 Besatzungsmitglieder um den ehemaligen Präsidenten Leck Kaczyński „ermordet“ worden und Opfer eines „unerhörten Verbrechens“. Damit ging Kaczyński übrigens deutlich über die Schlussfolgerung des Rzeczpospolita-Redakteurs hinaus, der den Sprengstoffanschlag als eine mögliche These schilderte, aber auch einräumte, dass theoretisch jemand die Spuren explosiven Materials nachträglich angebracht haben könnte. Doch bevor wir uns um die politischen Auswirkungen der ‚Trotyl-Affäre‘ kümmern, noch einmal zum Anfang der Geschichte.

Staatsanwaltschaft bestätigt angeblich – und dementiert dann

Cezary Gmyz wusste um die Brisanz der Informationen, die er nach eigener Auskunft von der Staatsanwaltschaft erhalten hatte. Ein Informant hatte ihm angeblich berichtet, dass bei der Untersuchung des weiterhin in Russland verweilenden Wracks Spuren explosiven Materials gefunden worden seien. Er besprach die Sache mit dem RP-Chefredakteur Tomasz Wróblewski, welcher sich wiederum aufmachte, um beim Generalstaatsanwalt Seremet direkt nachzufragen. Nun wird es unverständlich: Laut Wróblewski gab Seremet ihm in diesem Gespräch eindeutig zu verstehen, dass die Information korrekt sei und dass diesbezüglich auch Premier Tusk bereits informiert sei. Wróblewski gab der Veröffentlichung des Artikels also grünes Licht. Kaum war der Artikel mit dem explosiven Inhalt jedoch erschienen, widersprach die Staatsanwaltschaft öffentlich der Aussage, es seien Spuren explosiven Materials auf dem Flugzeug entdeckt worden, vielmehr seien – kurz zusammengefasst – chemische Verbindungen entdeckt worden, die auf Sprengstoff – aber auch auf etwas komplett anderes – hinweisen könnten. Entsprechende Proben würden derzeit noch in Moskau untersucht.

Polnisch-Polnischer Krieg neu entfacht

Die Rzeczpospolita sah sich gezwungen, auf ihrer Website einen Irrtum einzuräumen und distanzierte sich von dem Artikel. Autor Gmyz war öffentlich bloßgestellt, seinerseits aber nicht bereit, vom Inhalt des Textes abzurücken. RP-Verleger Grzegorz Hajdarowicz erklärte, der nicht ausreichend dokumentierte Artikel hätte nie so in seiner Zeitung erscheinen dürfen. „Die nicht durchdachten Handlungen einiger Personen haben den Polnisch-Polnischen Krieg erneut entfacht. Dafür möchten wir uns bei allen Lesern entschuldigen“, zitiert den Geschäftsmann die Tageszeitung Dziennik. Neben Gmyz mussten auch Chefredakteur Wróblewski, sein Vertreter Bartosz Marczuk und der Chef des Inland-Ressorts Marisuz Staniszewski ihre Posten räumen. Gmyz bedauerte in einem Gespräch mit der Wochenzeitung Wprost, dass mit Marczuk – angeblich weilte er in diesem Zeitraum im Urlaub – und Staniszewski auch zwei unbeteiligte Personen für den Text mit ihrem Job büßen mussten. Eine Rolle bei der harten Entscheidung des Verlags dürfte sicher auch das heftige internationale Medienecho gespielt haben. Die angebliche Sensationsnachricht sowie der Kommentar Kaczyńskis wurden im Ausland größtenteils als künstliche Smolensk-Hysterie mit dem Ziel der innenpolitischen Instrumentalisierung aufgefasst.

Direkte Wirkungen auf die Umfragewerte

Auch in der eigenen Bevölkerung hat der erneute Vorstoß in Sachen Smolensk der PiS anscheinend geschadet. Ihre Umfragewerte sind neuerdings wieder deutlich unter den der Regierungspartei PO. Viele Kommentatoren sehen einen Zusammenhang mit der „Trotyl-Affäre“. Die deutliche Mehrheit der polnischen Bevölkerung ist der Fehde um die Absturzursache längst überdrüssig. Auch wenn viele weiterhin Zweifel zum genauen Hergang der Katastrophe haben, fällt es ihnen doch schwer zu glauben, dass mit dem Fund von hochenergetischen Teilchen jetzt ein Anschlag bewiesen sein soll. Vertreter der polnischen Untersuchungskommission beharren im Übrigen weiter darauf, dass es absolut keine Anzeichen für eine Explosion, geschweige denn einen Anschlag gebe. Dr. Maciej Lasek erklärte zuletzt in der Gazeta Wyborcza, dass die Tonaufzeichnungen aus dem Flugzeug keinen Hinweis auf eine Explosion liefern, bewiesen sei dagegen, dass Pilotencrew schlecht vorbereitet war und sich regelwidrig verhalten habe. Mit der versuchten Landung ohne Erlaubnis des Towers hätten sie den Zusammenstoß mit der Birke und damit letztlich den Absturz der Maschine herbeigeführt.

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  1. Juergen

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