„Tunnel“ – ein Roman als vielschichtiges Generationsportrait

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Familiensaga und Politthriller in Einem, Foto: Polen.pl (JP).

(Berlin, JP) Die Lektüre von Magdalena Parys‘ Debütroman „Tunnel“ gleicht einem Puzzle. Peter, ein ehemaliger Beamter, sucht nach den Hintergründen seiner rätselhaften Frühpensionierung. Die Spur führt ihn zurück in das geteilte Berlin der 1980er Jahre. Damals war er an einem spektakulären Tunnelbau beteiligt, der 30 Menschen die Flucht von Ost- nach Westberlin ermöglichen sollte. Bevor die konspirative Aktion auffliegt, schafft es aber nur eine einzige Person in den Westen. Es ist Franz, der Bruder von Roman, dem Initiator des Bauprojekts. Warum aber hat Franz seine polnische Freundin Magda vorher um regelmäßige Fahrten zu Roman nach Westberlin gebeten? Welche Rolle spielt der Schwiegervater von Franz, ein hoher Stasioffizier, der in den Tunnelbau eingeweiht war? Ist es Zufall, dass ein weiterer am Bau Beteiligter, der Fluchthelfer Klaus, im Jahr 2000 plötzlich ums Leben kommt?
Im Internet rief „Tunnel“ nach der Veröffentlichung in Polen 2011 durchaus positives Echo hervor: Lob erntet die raffinierte Erzählweise der Autorin, die ein und dieselbe Geschichte mehrmals aus der Perspektive unterschiedlicher Figuren erzählt. Stück für Stück kommt der Leser so hinter komplizierte erotisch-emotionale Dreiecksbeziehungen und kann die Ereignisse rund um den im Buch beschriebenen Tunnelbau rekonstruieren.  „Tunnel“ ist ein Buch, dass man vor lauter Spannung kaum zur Seite legen mag.

Polnische Emigrationsliteratur versus europäischer Geschichtsroman

Das Bild des Tunnels steht möglicherweise auch für die Erfahrungen einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, deren Biografien von Flucht, Vertreibung und Heimatverlust gekennzeichnet sind. Die Autorin ist selbst als Dreizehnjährige mit ihren Eltern aus Stettin nach Westberlin übergesiedelt. Mit ihren Figuren fühle sie sich durch das Gefühl des Heimatverlusts verbunden, erzählte Parys im Interview mit Radio Stettin. Die renommierte Zeitschrift Polityka feierte das Buch auch deshalb als Zäsur für die polnische Emigrationsliteratur. Nichtsdestotrotz ist man dort enttäuscht, dass mit Magda nur eine der handelnden Personen echte polnische Wurzeln hat. Parys gelingt es weniger, die europäische Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit aus einer polnischen Perspektive zu beschreiben. Ihr Verdienst ist vielmehr, durch die historische Kulisse ihres Romans die deutsche Geschichte als europäische Geschichte begreifbar zu machen. Bei einem Teil ihrer Figuren handelt es sich um Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands. Deren Erinnerungen und Sehnsüchte beziehen sich auf Orte, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehörten. Die Mutter der Brüder Roman und Franz versucht vergeblich, ihre polnische Identität an ihre Kinder weiterzugeben.

Fiktion vor historischer Kulisse

Weder die handelnden Personen, noch der Fluchttunnel sind authentisch. Stattdessen vermischt Parys Fiktion mit historischen Fakten, die sie in eine andere Zeit einbettet. Der unterirdische Verlauf des Tunnels ebenso wie die finanzielle Unterstützung des Baus durch den Fernsehsender NBC sind dem so genannten „Tunnel 29“ nachempfunden. Dieser war eines von über 70 derartigen Bauprojekten, die in den ersten Jahren nach dem Mauerbau 1961 unternommen wurden. Mehr als 300 Menschen sind durch Tunnel unter dem rund 100 Meter breiten Todesstreifen in Berlin aus der DDR geflohen, hat der Verein Berliner Unterwelten recherchiert. Mit der Lektüre des Buches werden dennoch zeitgeschichtliche Zusammenhänge deutlich, beleuchtet es doch anhand der handelnden Personen die Verstrickungen einer Generation mit den Diktaturen und Systemwechseln des 20. Jahrhunderts.

Das Buch „Tunnel“ von Magdalena Parys ist Anfang Oktober 2014 in deutscher Sprache im Prospero Verlag erschienen. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

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