Tür an Tür mit Polen: Über eine mehr als sehenswerte Ausstellung

Ausstellung "Tür an Tür in Deutschland", Banner im Museum. Foto: Polen.pl (JW)

Hervorragende Ausstellung: Tür an Tür in Deutschland

(Berlin, JW) Es gibt viele Ausstellungs- und Veranstaltungsalternativen in Berlin. Doch: Wer sich nur ein klein wenig für die deutsch-polnische Geschichte interessiert, kommt an einer Ausstellung nicht vorbei. Vor kurzem wurde diese unter dem Titel ‚Tür an Tür: Polen – Deutschland, 1.000 Jahre Kunst und Geschichte‘ im Martin-Gropius-Bau in Berlin eröffnet. Noch bis zum 9. Januar 2012 ist die sehr sehenswerte Ausstellung geöffnet. Polen.pl hat sich die Ausstellung angesehen.

Eine Sicht: Polens Sicht

Wir hatten die Gelegenheit, an einer herausragenden Führung durch die Ausstellung durch einen perfekt vorbereiteten Herrn Werner teilzunehmen. Und diese ‚Anleitung für die Ausstellung‘, obwohl sonst kein großer Freund geführter Museumsbesuche, nehmen wir zum Anlass, unbedingt eine solche zu empfehlen: Das zusätzliche Wissen, die spannenden Zusammenhänge und die gezielte Beleuchtung einzelner Themen machen den Besuch der Exposition noch einmal wertvoller.

Die dreigeteilte Ausstellung in Berlin legt einen Fokus auf die polnische Perspektive von Kunst und Geschichte beider Länder. Einschränkend sei natürlich vorangeschickt, dass der eintausendjährige Rückblick historisch nicht ganz so präzise ist: Polen und Deutschland in der heutigen Form gab es natürlich vor 1.000 Jahren noch nicht, die Rede ist also jeweils von den heutigen Regionen.

Klassisch modern

Martin Gropius Bau Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.

Museumspädagogisch wirkt die Ausstellung auf den ersten Blick ‚klassisch‘. Sie verzichtet auf vielen modernen Schnickschnack mit blinkenden Bildschirmen und interaktiven Terminals. Allerdings nicht ganz: So gibt es eine passende Beschallung und Filmschleifen passender Filme zu den Themen in kleinen Nebenräumen der Ausstellung. Außerdem führt ein Terminal im Lichthof des Martin-Gropius-Baus noch einmal tiefer in die Kunstwerke ein. Ansonsten stehen die Exponate im Mittelpunkt, und das ist auch gut so: Veit Stoß‚ Werke etwa kommen so in einem Raum zu Beginn der Ausstellung ganz besonders zur Geltung. Deutlich wird gerade bei diesem Künstler, wie unklar die ‚Staatsangehörigkeit‘ ist. Diese Frage verblasst auch angesichts der Skulpturen und Zeichnungen. Der diesen Künstler repräsentierende Krakauer Marienaltar ist allerdings nicht im Original vor Ort, sondern in einer nachgebildeten Miniatur.

Geschichte und Kunst

Die Ausstellung trägt nicht umsonst den Titel ‚Kunst und Geschichte‘. So steht zwar die Kunst im Vordergrund, die dazugehörige Geschichte ist – zumindest in den ersten zwei Dritteln der Ausstellung mindestens ebenso wichtig. Und hier zahlt sich eine gute Führung aus: Während die großen Tafeln zumindest einen Einstieg in die – oft überraschende – geschichtliche Einordnung geben, so muss man sich weitere Informationen sonst eher aus dem Katalog erarbeiten. Gut, wenn man dies angesichts der Vielzahl der Exponate hören kann.

Gerade bei mythosumwobenen Themen wie dem ‚Deutschen Orden‘ oder dem in Deutschland eher nicht bekannten ‚Sarmatismus‘ wird die Geschichte in dieser Ausstellung lebendig. Auch weitere historische Themen, die aus polnischer Sicht heute noch wichtig, in Deutschland aber kaum eine Rolle im gesellschaftlichen Diskurs spielen, werden thematisiert. Etwa die Schlacht von Tannenberg und der spätere Versuch der Deutschen, die Niederlage durch eine spätere erfolgreiche Schlacht zu verdecken. Oder die ‚Heilige Hedwig‘, die später Bindeglied und ‚Integrationsbaustein‘ für Schlesier in Berlin werden sollte. Und natürlich die Jagiellonen und Mieszkos, die so viel zu den Wurzeln Polens beitrugen.

Hin zur Moderne

Dass die Ausstellung chronologisch abläuft, ist natürlich eher wenig verwunderlich. Zum Ende nimmt der Part geschichtlicher Erläuterungen ab, der künstlerische Teil hingegen zu. So wird die Interpretation der Werke zunehmend anspruchsvoller, viele Dinge der modernen Kunst verlangen etwas Verweildauer. Gerade die Installationen und Skulpturen, die sich dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust widmen, wirken verstörend.

Zum Ende der Ausstellung, zunehmend ‚in unserer Zeit‘, kommen auch moderne Kunstformen ins Spiel. Performances, Videoinstallationen und anderes erwarten den Besucher. Diese Veränderung in der Ausstellung macht sie – auch nach längerem Besuch – kurzweilig.

Beeindruckendes Rahmenprogramm

Das Rahmenprogramm der Ausstellung, unter anderem mit Filmvorführungen, Jazz-Konzerten und Vorträgen, ist beeindruckend. Viele Veranstaltungen sind sogar kostenfrei. So findet heute Abend eine Filmvorführung von ‚Sein oder Nichtsein‘ Ernst Lubischs statt, morgen folgt eine Podiumsdiskussion zur polnischen Opposition aus der Perspektive von Künstlern und Historikern unter dem Titel ‚Der dritte Umlauf‘ und am 13. Oktober findet eine Podiumsdiskussion zu ‚Städten im Bau – Berlin und Warszawa‘ aus soziologischer, künstlerischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive statt. Allein 34 Termine nennt das aktuelle Programmheft zum ‚Rahmenprogramm‘.

Weitere Informationen: www.berlinerfestspiele.de

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