Über das Bild Deutschlands bei Polen und Briten

Foto von der Dissertation Justyna Ellis, Deutschlandbilder (...)

Wissenschaftlicher Blick auf polnische Deutschlandbilder

(Kolobrzeg, JW) In einer vergleichenden Analyse hat Justyna Ellis die ‚Deutschlandbilder polnischer und britischer Deutschlandbesucher und -bewohner‘ unter die Lupe genommen. Diese Untersuchung erfolgte ausgesprochen gründlich: Es handelt es sich um Ellis‘ über 300-seitige Promotionsarbeit. Neben einer ausführlichen Recherche über bestehende Studien und methodische Ansätze zur Analyse nationaler Bilder gegenüber anderen Nationen hat sich die Autorin auch mit eigenen qualitativen und quantitativen Forschungen einen Überblick über die Bilder in den Köpfen von Polen und Briten über Deutschland verschafft. Der etwas wissenschaftlich-sperrige Titel der Arbeit versperrt bei der Lektüre des Werkes jedoch nicht den Blick auf höchst praktische und relevante Fragestellungen für die Beziehungen und die Wahrnehmungen zwischen den betrachteten Ländern. Und liefert Argumente und Ausgestaltungshinweise unter anderem für die deutsch-polnische Begegnung.

Das Forschungsprojekt fand in Wroclaw (Breslau) und London statt, die Dissertation wurde an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder eingereicht.

Was bewirken persönliche Kontakte?

Die Frage, welche Wirkungen persönliche Kontakte haben, steht im Fokus der Studie. Dabei differenziert die Autorin explizit die Einflüsse durch kurzzeitige Besuche von Briten und Polen in Deutschland und die Einflüsse aufgrund eines dauerhaften Umzugs nach Deutschland. Insbesondere analysiert sie, wie sich die Begegnungen auf die Veränderung oder das Entstehen und Verschwinden von Klischees und Stereotypen auswirken, aber auch inwieweit Einstellungen beeinflusst werden. Nicht nur die Entwicklung dieser Aspekte, sondern auch deren Stabilität stehen auf die Liste der Betrachtungsgegenstände: Wenn sich beispielsweise Einstellungen nach einem Besuch in Deutschland zum Positiven verändern – wie lange hält diese Veränderung an oder fällt die Einstellung später wieder in den Ursprungszustand zurück, wenn die betreffende Person wieder im Heimatland lebt?

Mit den Fragestellungen und methodischen Vorgehensweise werden die bisher vorliegenden Studien dahingehend erweitert, dass nicht nur auf zufällig entstandene Erfahrungen abgestellt wird, sondern strukturiert empirisch Einstellungsveränderungen erhoben wurden. Weiterhin wurde sehr viel detaillierter als in bestehenden Untersuchungen in die ‚Einstellungskonstrukte‘ geschaut, insbesondere natürlich in Bezug auf Briten und Polen. Die Autorin liefert einen auf den ersten Blick sehr speziellen Blick auf das Verhältnis zu Deutschland im polnisch-britischen Vergleich, ergänzt aber insbesondere die bestehende Forschungsergebnislage um einen Beitrag methodisch solider Erkenntnisse, die auch verallgemeinerbar sein könnten. Allerdings nur für Polen und Briten, die persönliche Kontakte in Deutschland erlebt haben.

Festzuhalten ist fürs Erste, dass Ellis‘ mit der Arbeit nicht nur eine wissenschaftliche Analyse durchgeführt hat. Zusätzlich erweiterte sie die Erkundung des Bodens, auf dem deutsch-polnische Begegnungsprojekte fußen. Welchen Sinn internationale Begegnungen haben, welche Veränderungen damit tatsächlich möglich und auch nicht möglich sind, lässt sich nach der Lektüre der Ergebnisse fundierter beantworten als zuvor. Wenn die Autorin auch den Hauptaugenmerk auf die Deutschlandbilder von Briten und Polen gelegt hat, was sicher auch ihrem persönlichen Hintergrund zuzuschreiben ist, so lässt sie auch den Rückschluss als ‚Spiegelblick‘ zu: Welche Veränderungen sich in der Wahrnehmung der jeweils eigenen Kultur ergeben, wenn man in ein fremdes Land geht, ist gleichsam Bestandteil der Analyse.

Eine These zu Beginn

Die Autorin beginnt ihre Betrachtungen mit der These, dass direkte Kontakte einen Einfluss auf die Fremdwahrnehmung haben. Einen positiven, in der Regel. Diese Arbeitsthese überprüft Ellis‘ mit Hilfe von Methoden der soziologischen Stereotypenforschung, nachdem sie die vorliegenden Studien zu diesem Thema sichtet und bewertet. Ihre Analyse betrachtet auf interpersonaler – im Sinne von zwischenmenschlicher – Ebene die Auswirkungen direkter kurzzeitiger und langzeitiger Kontakte zwischen Polen und Deutschen sowie Briten und Deutschen. Fremdbilder, die eine Kombination aus gesellschaftlichen Erfahrungen (Kulturgut) und individuellen Erfahrungen sind, können sich der These nach durch direkte Kontakte verändern. Im Gegensatz zu einigen zugrundeliegenden Analysen liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen nicht auf der Herausarbeitung der die Veränderung hemmenden Faktoren, sondern auf den die positive Veränderung befördernden Aspekten. So kann im Vorgehen der Arbeit identifiziert werden, wie etwa Akzeptanz, Vorurteilsabbau oder Verständigung trotz möglicher Hindernisse vom Schlage von Stereotypen oder Spannungen funktionieren können.

Warum gerade Briten, Polen und Deutsche?

Der Untersuchungsbereich wurde von Ellis‘ aus verschiedenen Gründen auf diese drei Nationen begrenzt. Aus ihrer Sicht lassen sich anhand dieser die Unterschiede veranschaulichen, die aus möglichen Hemmnissen entstehen. Es ist davon auszugehen, dass die Wahrnehmungen von Briten und Polen gegenüber Deutschland aufgrund der historischen Tatsachen höchst unterschiedlich ist. Gegenseitige Kritik und Wertschätzung beruht auf völlig unterschiedlichen Aspekten: Im einen Fall etwa eher politisch, im anderen Falle eher wirtschaftlich dominiert. Somit kann mit den Analysen herausgearbeitet werden, welche Rolle die Kulturgut-Einflüsse in der Begegnung spielen. In jedem Fall sind sowohl die Briten wie auch die Polen Deutschen gegenüber zunächst als kritisch einzuschätzen, insbesondere wenn man sich die Medienberichterstattung zu den deutschlandbezogenen Themen in diesen Ländern vor Augen führt. Nach wie vor scheint es einen großen Unterschied in der Deutschlandwahrnehmung zwischen nur von Medien beeinflussten Menschen im Vergleich zu Menschen mit direktem Kontakt zu Deutschen zu geben.

Vorgehensweise

In der Untersuchung werden qualitative Methoden in Form von Leitfadeninterviews mit quantitativen Methoden, also Fragebögen, gepaart. Die qualitativen Ansätze dienen der Erkenntnis der subjektiven Einschätzungen, während die Fragebögen zuvor statistisch aussagekräftiger Ergebnisse zur Hypothesenbildung dienten. Vor der empirischen Untersuchung stand natürlich, wie bei wissenschaftlichen Arbeiten üblich, die Analyse bereits vorliegender Quellen sowie die Begriffsbestimmung. Grundlage für die Untersuchung ist die ‚Kontakthypothese‘ (nach Allport aus 1954 mit Berücksichtigung anschließender Kommentare, Kritik und Weiterentwicklung), die in verschiedenen Facetten und wissenschaftlichen Bewertungen vorgestellt wird. So untersucht Ellis‘, inwieweit die These, dass direkte Kontakte – unter welchen Bedingungen auch immer – die Einstellungen und die Fremdwahrnehmung verändern können, in ihrer qualitativen und quantitativen Untersuchung bestätigt werden kann.

Insgesamt wurden in der quantitativen Untersuchung 544 Befragte aus Polen und 183 Briten befragt, in der qualitativen Untersuchung insgesamt 23 Personen.

Vielfalt statt Eindeutigkeit

Eines der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist die Tatsache, dass die Vielfalt der Deutschlandbilder groß ist. So ist auch nach dem direkten Kontakt das Bild von Deutschland immer noch ‚ordentlich‘, ‚gut organisiert‘ und ‚wirtschaftlich stark‘. Aber auch ‚Aufgeschlossenheit‘, ‚Freundlichkeit‘, ‚Hilfsbereitschaft‘ sowie, negativ, ‚Unordentlichkeit‘, ‚Verschlossenheit‘, ‚Faulheit‘ und ‚Unhöflichkeit‘ werden genannt. Es gibt also nicht ‚das Deutschlandbild‘ bei Polen und Briten, sondern viele Facetten.

Briten betonen häufiger die positiven Aspekte Deutschlands im Hinblick auf die ‚Geschichte‘, die ‚Landschaft‘, die ‚Esskultur‘ und das ‚Nachtleben‘, wogegen die Polen positiv Punkte wie ‚Demokratie‘, ‚Korruptionsfreiheit‘, ‚Lebensqualität‘ und ‚Sozialstandards‘ bewerteten. Polen wiesen im negativen Sinne häufiger auf den ‚Werteverfall‘ und die ‚Gottlosigkeit‘ Deutschlands hin. Widersprüchlich wurde bei den Briten der ‚Humor‘ und die ‚Höflichkeit‘ der Deutschen eingeschätzt, wogegen die befragten Polen die ‚Polenfreundlichkeit‘ und die ‚Toleranz‘ in Deutschland heterogen bewerteten.

Insgesamt überwogen die positiven Einschätzung von Deutschland sowohl bei Briten wie auch bei Polen. Ellis bewertet dies als Bestätigung der ‚Kontakthypothese‘, wonach durch häufigere Kontakte insgesamt positive Einschätzungen erreicht werden. Weiterhin stellt sie fest, dass bei direkten Kontakten die Einflüsse der Medien zurückgedrängt werden und auch negative Bilder aus der Kulturgeschichte in den Hintergrund rücken.

Ebenfalls fand die Autorin heraus, dass unter den Befragten nachweisbar war, dass längere Aufenthalte in Deutschland zum Stereotypenabbau beitragen: Bewohner Deutschlands waren zwar auch kritisch dem Lande gegenüber, allerdings in der Summe positiver eingestellt. Dies ist nicht nur durch die Entscheidung für Deutschland als Lebensmittelpunkt zu begründen – das ‚Henne-Ei-Problem‘, – sondern insbesondere durch die häufigeren Kultur- und Gesellschaftskontakte. Hierzu geben die Informationen aus den qualitativen Befragungen hilfreiche Begründungen.

Allerdings wird in der Untersuchung auch deutlich, dass kulturelle Prägungen auch durch direkte Kontakte nicht gänzlich abgebaut werden, sondern je nach Sachverhalt kontrastiert, gemildert oder auch bestätigt werden. Somit trägt nicht jeder direkte Kontakt automatisch zu einer Verbesserung des Fremdbilds bei, sondern es kommt auf das Thema, den Kontext und die Häufigkeit der Besuche im anderen Land an. Zusammengefasst: Je häufiger Polen oder Briten in Deutschland sind, desto positiver ist das Deutschlandbild. Übrigens: Alter und Geschlecht hatten dabei keinen nachweisbaren Einfluss auf die Veränderungen der Fremdbilder durch Begegnung. Auch das verwundert nicht sehr.

Ein weiterer Schritt

Die Untersuchung von Justyna Ellis ist, wie sie selbst feststellt, ein weiterer wichtiger Baustein in der Forschung zu den polnisch-deutschen – und auch britisch-deutschen – Beziehungen. Insbesondere das Augenmerk auf die positiven Aspekte der Begegnung in der sonst in der Forschung dominierende reine Stereotypenanalyse ist eine maßgebliche Weiterentwicklung. Im Hinblick auf die empirischen und qualitativen Befunde kann man leichte Kritik äußern: Die Spannweite der soziodemographischen Merkmale wie Alter, Bildungsstand, Region und weiteres, insbesondere in der qualitativen Untersuchung, hätte noch ein Stückweit breiter sein dürfen. Allerdings hätte das die ohnehin große Komplexität des Untersuchungsprojekts noch weiter erhöht. Wir bewerten die vorliegende Studie sehr gut und finden sie nicht nur spannend und interessant, sondern auch sehr hilfreich für die weitere Forschung sowie die Anwendung im interkulturellen Bereich.

‚Deutschlandbilder polnischer und britischer Deutschlandbesucher und -bewohner‘ bei Amazon und beim Verlag Peter Lang

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