Über Warschau

Warschau Dom Partii Kommunisten Zentralkomitee PZPR Photo: Polen.pl (BD) 20111025(049)

Warschau - eine Beschreibung. (Hier die Palme)

(Warschau, MM) Warschau – was ist Warschau, wieso Warschau, wofür steht Warschau?

Warschau ist nicht schön. Keiner hier würde das auch je behaupten. Es gibt da dieses Lied „Warszawa da się lubić“ (Warschau lässt sich gern haben), genau. Mit ein bisschen Willenskraft geht das. Wenn man irgendwo in Polen fragt, „was heißt für Sie Warschau?“, hört man meistens, „Ach, die da, in Warschau, die denken sich, die sind besser“. Als ich noch vor ein paar Jahren ziemlich oft meine Freunde hier besucht habe, also als ich hier noch nicht gelebt habe, habe ich mir immer gedacht: „Hey, die Warschauer sind gar nicht eingebildet und arrogant wie man sagt, sie sind viel natürlicher und viel offener „neuen“ gegenüber als ich das sonst wo in Polen erlebt habe.“

Warschau ist auch ein bisschen wie Berlin. Es gibt eine florierende Kultur-Szene, viele Geschäfte und kleine Läden sind Eigenbetriebe, es gibt viele kleine kulturelle Eigeninitiativen (z.B. Bęc Zmiana) es lebt noch hier und da das alte Handwerk, es gibt sehr viele Theater, jetzt auch viele Privattheater der bekanntesten Schauspieler (Polonia oder Kamienica, Och-teatr usw.), die meisten NGOs sitzen hier und die meisten Firmen haben hier ihren Hauptsitz – woran auch Kritik geübt wird, dass nämlich, ungleich Deutschland, alles zentralisiert in Warschau platziert ist und man immer hierher kommen muss um was zu erledigen. So kennt man hier auch die Leute aus meiner kleinen Heimat, Oberschlesien, die angeblich nur um zu demonstrieren kommen, konkret: „es kommen die Bergleute Autoreifen verbrennen“. Und dazu auch professionell organisiert und mit Touri-Programm oben drauf.

Eine der polnischen ziemlich bekannten Folk-Bands hat sich den Namen Kapela ze wsi Warszawa gegeben, auf Deutsch; Band aus dem Dorf Warschau. Warschau ist auch ein bisschen ein Dorf – historisch gesehen, sind die ersten Warschauer nach dem Krieg vom Lande hierher gezogen. Die echten Warschauer sind entweder sehr arm, die kommunalen Wohnungen im Stadtzentrum sind sog. Armutszonen – da können sich an die 80% der Leute nicht mal ihre Miete leisten oder stinkereich („und dann sind da noch die Zicken von der Kulturszene“ sagt eine der Kuratorinnen, echte Warschauerin). Die armen leben dafür in größeren und zentral gelegenen Wohnungen, die, wie meine Mutter sagt, „ganz Polen gebaut hat“, also die in den 50er Jahren gebauten Wohnungen im sowjetischen Stil, die man immer noch südlich des Pałac Kultury i Nauki sehen kann. Welche die Staatsverschuldung angekurbelt haben und eine Riesenbelastung nach der Wende waren. Die Stinkereichen leisten sich Wohnungen zu luxemburgischen Preisen pro Quadratmeter.

Es gibt da noch den Erz-konflikt zwischen Krakau und Warschau. Und ich wusste nie warum. Jetzt weiß ich, es gibt einen Erz-konflikt zwischen Krakau und dem Rest des Landes. In Krakau habe ich studiert und gearbeitet und außer vielen korporacje (meistens Outsourcing-Großunternehmen) – Krakau ist da immer noch der Sieger mit den meisten Investitionen solcher Unternehmen, obwohl Wrocław und Warschau um den Titel jetzt auch wetteifern, kann man dort das beäugen, was es da auch schon vor ein paar hundert Jahren gab. Das schlimmste ist, finde ich, dass die Leute auch immer noch dieselben sind. Wie? Na, das sind einfach die Urenkel der Krakauer von damals, das werden die euch schon klarmachen.

In Warschau kommt jeder nicht aus Warschau. Und das macht die Stadt aus. Hier fragt keiner woher man kommt, man ist was man arbeitet. Oder eher wie lange am Tag. Ein Bekannter von mir meinte, „ach, die in Krakau, die arbeiten doch immer nur ihre 8 Stunden, sind um 16:00 Uhr frei, wer kann das schon?“.

Warschau hat letztens auch einen zweiten Flughafen bekommen, Modlin – da starten und landen die Billigfluglinien, ein Geheimnis für die meisten, wie man dort hinkommt. Zum Hauptflughafen kommt man aber auch nur mit dem Bus, die erste Bahnlinie ist da vor einer Woche hingefahren. Warschau mit seinen 1.3 Mio Einwohnern (oder auch vielen mehr – die wenigsten melden sich hier an), hat nur eine U-Bahn-Linie, und zwar eine ziemlich kurze, die zweite wird nun gerade zum Euro 2012 gebaut und wird mal wieder, wie es nur in Polen möglich ist, eine Rekordsumme kosten. Anscheinend gehen die Polen davon aus, dass man im Ausland genug als Billigarbeitskraft ausgenutzt wird, und sich hierzulande mal richtig austoben kann.

Kein Fazit. Es folgen – heitere und mürrige in Stimmung, Postkarten aus Warschau.

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Nauke
  2. Jochen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*