Überlastete Arbeitsämter – Ein Blick hinter die Arbeitslosenstatistik

Krankenhaus Solec gesundheit Warschau Photo: Polen.pl (BD)

Arbeitsämter gewähren Krankenversicherung - ein Problem? Hier: Ein Krankenhaus in Warschau.

(Toruń, JE) Die offizielle Zahl von Arbeitslosen – so meldet das polnische Amt für Statistik (Główny Urząd Statystyczny) – lag in Polen Ende Juli 2011 bei 1.863.000 beziehungsweise 11,5 Prozent. Genauso viele Menschen sind damit ‚Kunden‘ der polnischen Arbeitsämter. Diese Personen haben jedoch nicht immer das selbe Anliegen und das macht die Sache für die Ämter kompliziert. Denn: Wie viele der fast 1,9 Millionen tatsächlich eine Arbeit suchen, ist schwer zu sagen. Nach einhelliger Meinung von Wissenschaftlern und Praktikern ist ein Teil der Betroffenen hauptsächlich beim Arbeitsamt registriert, um bestimmte Sozialleistungen beziehen zu können – zum Beispiel die kostenlose Krankenversicherung.

Reale und ‚Schein-Arbeitslose‘

Eine breit angelegte Untersuchung der ‚realen Erwerbstätigkeit‘ (BAEL) – durchgeführt vom Statistikamt GUS – ergab, dass viele gemeldete Arbeitslose in Wirklichkeit einer bezahlten (nicht angemeldeten) Beschäftigung nachgehen oder aber aktuell dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung stehen. In manchen Regionen könne man dieser Studie zufolge die offizielle Arbeitslosenrate durch zwei teilen, um auf den Anteil der tatsächlichen Erwerbslosen zu kommen. Dies gelte allerdings nicht für die Gruppe der jungen Menschen bis 25 Jahre – von ihnen sind, erfragt oder registriert, ca. 25 Prozent ohne Arbeit.

Unerwünschte Kunden

Wanda Adach, Direktorin des Warschauer Arbeitsamtes, würde die Kundschaft der ‚Scheinarbeitslosen‘ gerne loswerden. In der Gazeta Wyborcza spricht sie sich dafür aus, die Finanzierung der Krankenversicherung durch das Arbeitsamt abzuschaffen. Dann würden nur noch solche Klienten kommen, die wirklich Unterstützung bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt suchen. Auf den ersten Blick macht dieser Vorschlag Sinn. Heute sind die Arbeitsämter wenig effizient bei der Vermittlung, was auch mit der künstlichen Vergrößerung des Kundenstamms zu tun hat.

Arbeitsämter im Dilemma

Bei der direkten Vermittlung in Beschäftigung ist das Arbeitsamt immer von den Arbeitgebern bzw. deren Bereitschaft, freie Stellen zu melden, abhängig. Diese Bereitschaft sinkt, je mehr unwillige Kandidaten vom Arbeitsamt an die Firmen geschickt werden. Arbeitslose, die gezwungenermaßen zum Vorstellungsgespräch erscheinen, aber gar nicht eingestellt werden wollen, bedeuten für das Unternehmen schlicht vergeudete Zeit. Treten solche Fälle vermehrt auf, wird der Arbeitgeber beim nächsten Mal sein Personal ohne das Arbeitsamt suchen.

Aktivierung statt Verwaltung

Immer wichtiger ist für die Arbeitsämter heute die Aufgabe der ‚indirekten Vermittlung‘ bzw. ‚Aktivierung‘. Mit der Finanzierung und Durchführung von ‚Aktivierungsmaßnahmen‘ – Bewerbungstrainings, Praktika und Fortbildungen – können die Ämter Arbeitslose an den Arbeitsmarkt heranführen. Die Mittel dafür sind jedoch begrenzt und sollten möglichst zielgenau eingesetzt werden. Klar ist, ohne die Mitwirkung des Einzelnen können sie nicht wirken. Die Aktivierung von ‚Scheinarbeitslosen‘ ist verschenktes Geld.

Argumente wie diese sprechen für eine Reformierung der polnischen Arbeitsämter. Das Problem der ‚Scheinarbeitslosigkeit‘ würde auf diese Weise zwar nicht gelöst, ihre negativen Nebenwirkungen jedoch vermindert. Leicht dürfte es allerdings nicht werden, die Krankenversicherung für Hilfebedürftige komplett neu zu organisieren. Vieles spricht dafür, dass die polnischen Arbeitsämter ihre Kundschaft noch ein bisschen länger verwalten.

 

Zum Artikel über registrierte und ‚reale‘ Arbeitslosigkeit:

http://wyborcza.pl/1,75478,9703528,Kto_naprawde_nie_ma_pracy__czyli_mapa_bezrobocia.html

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Bartek
  2. Jochen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*