Umstrittene Geschichten über die Warschauer Juden – Agata Tuszyńska über ihre Biografie von Isaac Bashevis Singer

Agata Tuszyńska im buchIbund, Foto: Maria Kossak

Agata Tuszyńska im buchIbund, Foto: Maria Kossak.

(Berlin, JP) Fiktion, Erinnerungen und eine Prise Autobiografisches: Der polnisch-jüdische  Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer zeichnete in seinen Werken ein umstrittenes Bild der jüdischen Welt im Vorkriegspolen. Agata Tuszyńska setzte sich intensiv mit Singer, seinem Werk, seinen Kritikern und polnisch-jüdischen Stereotypen auseinander. Jüngst sprach sie darüber mit Marcin Piekoszewski und Lothar Quinkenstein in der deutsch-polnischen Buchhandlung buchIbund in Berlin-Neukölln.

Er galt als „jüdischer Don Juan“ – wer ihn sah, konnte sich kaum vorstellen, warum. Er war mager, hatte wässrig blaue Augen, leicht rotes Haar und war nie gut angezogen. Trotzdem sahen Frauen in ihm etwas Besonderes. Vielleicht lag es an seinen Intellekt, vielleicht an seinem Humor? Isaac Bashevis Singer warb nie aktiv um Frauen. Doch obwohl er auf Einladungen und teure Geschenke verzichtete, spekulierten die Kaffeegäste beim Bund der Jüdischen Journalisten und Literaten in Warschau des öfteren über seine Eroberungen.

Trotz der vielen unterschiedlichen Frauen in seinem Leben, entwickelt Singer gerade zu einer Spielgefährtin aus Kindertagen eine besondere Beziehung: Sosza, ein kleines Mädchen aus der Warschauer Krochmalna-Strasse. Ihren Namen trägt einer von Singers schönsten Romanen. Sie werde Isaac Bashevis heiraten, wenn sie erwachsen sind, soll Sosza versprochen haben. Für Singer wurde die Sosza wohl zum Symbol für das Leben, das er zurückließ, als er 1935 in die USA auswanderte.

Fremdenführer durch die Welt der polnischen Juden

Agata Tuszyńska, eine der bekanntesten polnischen Biografinnen der Gegenwart, feierte mit ihrem Portrait von Isaac Bashevis Singer ihr Debüt. Der jüdisch-polnisch-amerikanische Schriftsteller habe eine besondere Rolle in ihrem Leben gespielt, sagt Tuszyńska. Als sie 19 Jahre alt ist, offenbart ihr die Mutter ihre jüdische Herkunft und ihre Kindheitserinnerungen aus dem Warschauer Ghetto. Für Tuszyńska beginnt eine längere Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität und der jüdischen Kultur an sich, die plötzlich Teil ihrer Familiengeschichte geworden ist. Singer war damit ihr erster  „Fremdenführer“ durch die Welt der polnischen Juden vor dem Zweiten Weltkrieg, gibt die Biografin zu. Es gelang ihr aber nicht mehr, den Menschen zu treffen, der vermeintlich alles über die polnischen Juden wusste. Denn als sich Tuszyńska 1991 auf ihre für September geplante Reise in die USA vorbereitet, stirbt Singer – im Juli 1991.  Tuszyńska muss die Pläne für ihr Buchprojekt umwerfen.

Die Krochmalna-Straße als Mittelpunkt von Singers literarischer Landkarte

Aber so einfach gebe ich nicht auf„, lacht Agata Tuszyńska. Aus verschiedenen Puzzleteilen setzt sie das Leben von Singer im Nachhinein zusammen: Sie spricht mit Weggefährten des Autors, besucht Orte, die mit Singer und seiner Familie verbunden sind, fragt ehemalige Nachbarn aus. Als Quelle dienen außerdem immer wieder Singers Werke, die den Leser in das jüdische Warschau vor dem Zweiten Weltkrieg entführen.

Schauplatz vieler seiner Geschichten ist die Krochmalna-Straße, in der Singer selbst einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Auf Reisen soll der alternde Singer gern die Entfernung seines aktuellen Aufenthaltsorts von ihr bestimmt haben. Sie wird für ihn zu einem magischen Ort. Doch als der kleine Singer in der Krochmalna-Straße lebte, wohnten hier vor allem arme Juden. Neben rechtschaffenen Handwerkern gingen Diebe und Prostituierte ihrem Tagwerk nach. Singer schrieb über diese Strasse, als hätte es dort nur Diebe und Prostituierte gegeben. Das brachte ihm den Vorwurf ein, das Bild der polnischen Juden literarisch zu verfälschen und den Antisemiten in die Hände zu spielen.

„Jüdische Klosettliteratur“

Agata Tuszyńska mit Marcin Piekoszewski und Lothar Quinkenstein, Foto: Maria Kossak

Agata Tuszyńska mit Marcin Piekoszewski und Lothar Quinkenstein, Foto: Maria Kossak.

Agata Tuszyńska erzählt von ihren ersten Versuchen, mit anderen jüdischen Schriftstellern über Isaac Bashevis Singer zu sprechen. Diese laufen ins Leere, denn niemand ist bereit, sich wohlwollend über Singer zu äussern. Schließlich ändert die Biografin ihre Strategie: Sie bittet die Kollegen Singers um ein Gespräch über ihre eigenen Bücher, die Welt der polnischen Juden vor den Zweiten Weltkrieg und ihr Verhältnis zu anderen jüdischen Schriftstellern. Als sie dann schließlich nach Singer fragt, schlägt ihr eine Welle der Ablehnung gegen dessen „antisemitische Klosettpornografie“ entgegen.
Dass tatsächlich aus Singers Feder Schund- und Sensationsliterateratur mit viel Erotik entstammte, liegt an den Voraussetzungen ihrer Entstehung. In den USA finanzierte der polnisch-jüdische Auswanderer seinen Lebensunterhalt mit Serienromanen für die jüdische Presse. Diese Zeitungsromane produzierte er für andere – meist weniger gebildete – osteuropäische Immigranten in den jüdischen Gemeinden. Erst die englischen Übersetzungen seiner Romanausgaben überarbeitete er für nichtjüdische Leser. Das brachte ihm 1978 den Literaturnobelpreis ein.

Isaac Bashevis Singer – zeitlebens Skeptiker und Individualist

Singer verfasste seine Texte ausschließlich auf jiddisch – in der Sprache seiner Vorfahren. Zeitlebens blieb er skeptisch gegenüber den unter osteuropäischen Juden verbreiteten Denkrichtungen seiner Zeit, wie dem Zionismus, dem Kommunismus oder Forderungen nach der Assimilitation an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft. Ihn dürften die Gegensätze in seinem Elternhaus geprägt haben. Vater Pinchos Menachem Zynger war ein orthodoxer chassidischer Rabbi, die Mutter Betsheva kam aus einer liberalen Tradition des Judentums. Statt auf Mystik und Torastudium setzt Betsheva auf den Verstand und liest weltliche Bücher.

Singer, der fünf Brüder und eine Schwester hatte, orientiert sich vor allem am älteren Bruder Izrael Joshua. Der bricht als Erster aus der engen orthodoxen Welt des Vaters aus. Noch als bereits beide Söhne – Izrael Joshua und Isaac Bashevis – als Schriftsteller arbeiten, schämt sich der Vater für ihren unkoscheren Beruf. Auf Nachfragen soll er geantwortet haben, seine Söhne würden Bücher verkaufen.

Die Erinnerung als eigentliche Hauptperson

Die Arbeit an seiner Biografie hat ihre Beziehung zu Singer verändert, räumt Agata Tuszyńska ein. Singer sei ein Meister der romantischen Erzählung. Das reale Liebesleben des Schriftstellers zeige aber, wie grausam und rücksichtslos er gegenüber seinen Partnerinnen sein konnte. Als Singer 1935 mit 31 Jahren in die USA auswandert, lässt er seine damalige Lebensgefährtin und den gemeinsamen Sohn zurück. „Früher erschien mir Singer als der Mensch, dem ich meine ganze Geschichte erzählen würde. Als ich meine Arbeit an dem Buch beendet hatte, war das anders“, sagt die Biografin.

Tuszyńskas kritischere Beziehung zu Singer ist nur ein Ergebnis ihrer Arbeit am Buch. Ein Kapitel handelt von den schwierigen polnisch-jüdischen Beziehungen. Dafür befragte die Biografin  nichtjüdische Zeitzeugen, ihre Kinder und Kindeskinder dazu, was sie über ihre früheren jüdischen Mitbürger denken. Außerdem geht es ihrer Biografie Singers um die Erinnerung an sich. Sie sei die eigentliche Hauptfigur in vielen ihrer Bücher, sagt Tuszyńska.

 

Wer neugierig auf weitere Biografien und Biografiebesprechungen geworden ist, kann eben solche bis zum November 2014 in der Reihe „Biografien, Biografien!“ in der deutsch-polnischen Buchhandlung buchIbund in Berlin-Neukölln erleben. Eingeladen sind unter anderem Artur Domosławski („Ryszard Kapuściński. Leben und Wahrheit eines „Jahrhundertreporters“sowie Anna Bikont und Joanna Szczęsna, die über ihre gemeinem Biografie von Wisława Szymborska sprechen werden. Der buchIbund und die Mitveranstalter von Trialog e.V. und AgitPolska möchten nicht nur das Leben bekannter Persönlichkeiten und die Motivation der Autoren näher beleuchten. Diskussionsgegenstand soll auch die literarische Gattung der Biografie an sich sein, zum Beispiel als „intellektuelle Biografie, Familienbiografie oder Biografie eines Ortes“. Nähere Informationen finden sich hier: http://buchbund.de/zwei-neue-gespraechsreihen-im-buchbund-ab-april-2014/

 

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  1. Pole

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