Umstrittene Polenfeindlichkeit

Perspektywa-Netzwerktagung in Stettin 2012. Foto: Polen.pl (JW)

Aufschlussreich: Perspektywa-Netzwerktagung in Stettin

(Szczecin, JW) Wer bei Autodiebstahl an Polen denkt, ist polenfeindlich. Und umgekehrt: Wer bei Polen an Autodiebstahl denkt, auch. So einfach und doch so schwer: Das ist ein Beispiel für den Versuch der Definition von Polenfeindlichkeit, die im Rahmen einer Tagung (der Netzwerktagung des Projekts Perspektywa aus Mecklenburg-Vorpommern) diskutiert wurde. Diese Veranstaltung fand am 30. November und 1. Dezember 2012 in Szczecin (Stettin) statt. Hier findet sich jedoch – ganz bewusst – kein Bericht von der Tagung, die im Übrigen samt Veranstaltungsort Bonhoeffer-Haus glatte vier hervorragende Bewertungssterne von mir erhält. Stattdessen geht es mir um die Aufbereitung und Interpretation der Diskussion, der Ideen und der Ansätze, die dort behandelt, entwickelt und weitergedacht wurden. Ganz besonders freue ich mich auf eine fortgesetzte Kontroverse in den Blog-Kommentaren oder sozialen Medien. Denn: Die Diskussion zu diesem Thema ist noch nicht zu Ende.

Grenzkriminalität gibt es nicht mehr – und was das mit Polenfeindlichkeit zu tun hat

Für die Definition von Polenfeindlichkeit treten wir noch einmal einen Schritt zurück und nehmen ein ganz anderes Beispiel: „Grenzkriminalität gibt es nicht mehr“, das ist eine auf der Tagung getroffene Feststellung. Dieser Aussage würden viele Bewohner der Grenzregion relativ rasch widersprechen, erleben sie doch Kriminalität am eigenen Leib, Auto und Haus. Doch tatsächlich: Die Grenzkriminalität als solche kann es dank fehlender Grenzanlagen nicht mehr geben, also beispielsweise die Kriminalitätsform der rechtswidrigen Verbringung von Waren über eine Grenze (Schmuggeln). Genau genommen müsste Kriminalität, die von Menschen in einem Land in einem nahen anderen Land verübt wird, als grenzüberschreitende oder grenzraumbezogene Kriminalität bezeichnet werden. So differenziert spricht am Stammtisch natürlich niemand, aber auch in der Politik zählen solche Erbsenzählungen wohl eher selten. Allerdings: Vergleichbare Spitzfindigkeiten werden beim Begriff der Polenfeindlichkeit wichtig. Feindlichkeit wird dabei als abwertende Haltung gegenüber anderen Gruppierungen bezeichnet, ergo bezeichnet Polenfeindlichkeit die Abwertung der Gruppe der Polen. Man gesteht also der anderen Gruppe weniger Rechte zu als sich selbst. Das bedeutet noch nicht, dass daraus auch Gastfeindlichkeit entstehen muss, oder gar Aggressionen gegenüber Polen. Das kann aber passieren und es passiert auch, vor allem in den grenznahen Provinz. Die Konsequenzen sind nicht nur eine schlechte Nachbarschaft, sondern auch ökonomische Nachteile für beide Seiten oder gesellschaftliche Rückschritte.

So kann man die Umstrittenheit des Begriffs durchaus nachvollziehen: Für viele ist Polenfeindlichkeit gleichbedeutend mit offen zur Schau getragener Aggressivität gegenüber Polen, die sich etwa unter rechtsgerichteten politischen Gruppierungen im Wahlkampf artikuliert. Wer so definiert, würde wahrscheinlich bei dem hier betrachteten Phänomen eher von Polengeringschätzung sprechen. Was aber am Ende auf das Gleiche hinausläuft. Ich bleibe daher beim Wort Polenfeindlichkeit.

Unangenehm stabil: Die Polenfeindlichkeit

Mindmap zur Polenfeindlichkeit. Quelle: Polen.pl (JW)

Entwurf einer Einordnung

Die These ist: Polenfeindlichkeit geht nicht zurück. Vor allem nicht in den grenznahen Regionen ‚auf dem Lande‘, wo sich das Projekt Perspektywa in den vergangenen Jahren betätigt hat. Zeichnet man sich einen Herleitungsbaum, so entsteht die Abwertung von Polen durch Deutsche auf Grundlage von drei Parametern: Gesellschaftlich-historische Prägungen, Unwissenheit und persönliche Nachteile aus Transformationsprozessen.

Dass sich Deutsche Polen weit verbreitet überlegen fühlen, zeigen Befragungen und geschichtliche Dokumente. Auch polenfreundliche Akteure im deutsch-polnischen Kontext können sich oft nicht von dieser Überheblichkeit frei machen. Das in Deutschland von Kindesbeinen auf gelernte ‚besser‘, ‚reicher‘ und ‚fleißiger‘ wird durch neuere Entwicklungen nicht überzeichnet. Selbst positive Konnotationen mit Polen sind oft davon geprägt: Etwa das Bild der ’schönen Polin‘, die Reflexion über die ‚ausgezeichneten handwerklichen Fähigkeit der Polen‘ oder das Lob der ‚guten polnischen Wurst‘. Damit handelt es sich nicht um ein Problem einer bildungsfernen Schicht, sondern die Ergebnisse dieses Überlegenheitsgefühls finden sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen, in allen Berufen, allen Altersklassen und natürlich auch in der Politik.

Belege aus der Wissenschaft sind bisher noch eher rar. Aber es gibt einige Indizien und erste Problemaufrisse. Zum Beispiel zeigen die Wahlkampfthemen der rechtsgerichteten Parteien, die mit Parolen gegen Polen Widerhall in den Medien und sogar den Wahlergebnissen finden, dass es mehr als nur Unsicherheit oder Vorbehalte gegenüber Menschen aus Polen gibt. Die Einstellungen der Menschen wurden in qualitativen Interviews im Perspektywa-Projekt betrachtet. So führten zwei am Projekt mitwirkende Autoren exemplarisch Interviews mit Menschen aus der Grenzregion, wobei in den Auswertungen zusätzlich zwischen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen differenziert wurde. Eine Repräsentativität kann man daraus nicht ableiten, jedoch zahlreiche Indizien und Argumentations- sowie Wahrnehmungsstränge. Dazu will ich hier nicht viel schreiben, sondern auf die im Projektrahmen erschienene Broschüre mit dem Titel ‚Probleme mit Polen? Polenbezogene Ressentiments in Mecklenburg-Vorpommern‚ hinweisen.

Immer gleiche Muster

Es sind wenige, immer wiederkehrende Muster der Ressentiments gegenüber Polen: Zum Beispiel das Bild der ‚gerissenen Geschäftemacher aus dem Osten‘ (sowohl positiv im Sinne des Pragmatismus wie auch negativ etwa als Profiteure von Sozialleistungen oder gewinnscheffelnden Handwerkern), ‚Polen als Diebe‘ oder ‚Polen als geeignet für minderwertige Arbeiten‘. Die These dazu: Es gibt zu wenige Stereotype, so dass sich die vorhandenen negativen Bilder immer weiter verfestigen. Der in den inhaltlich und formal hochwertigen Materialien von Perspektywa (als Methodenblätter zu beziehen) gezogene Vergleich zu Italien lässt das plausibel erscheinen. Das südliche Land kämpft mit ähnlich negativen Zuschreibungen in Bezug auf die Charaktere der Einwohner, hat aber dennoch ein erheblich besseres Image. Warum? Weil es noch viele weitere Stereotype zu Italien gibt, die sich aus jedem Besuch einer italienischen Eisdiele, einer Pizzeria und jedem Toskana-Urlaub speisen. Damit bekommt das einzelne Stereotyp weniger Gewicht und wird teilweise sogar gänzlich überstrahlt. Polen bietet offenbar weniger Auswahl an Stereotypen, was sich sowohl historisch, aus der Medienlandschaft und auch aus gezielt konstruierten Vorurteilen ergibt. So wurden viele Dinge jahrhundertelang von Machthabern oder gesellschaftlich einflussreichen Gruppen immer wieder nach Bedarf aus der Schublade geholt und durch beständiges Behaupten verfestigt; darüber gibt die Arbeit Niels Gatzkes (Link auf das Arbeitspapier) einen guten Überblick.

Fakten allein sind keine Lösung

Sicher: Viele der Stereotype und Klischees lassen sich zwar durch Fakten widerlegen, aber nicht alle. Und dazu kommt, dass natürlich auch oft ein wahrer Kern in der erst süßen und im Nachgeschmack sauren Frucht der Vorurteile steckt. Ein Vorurteil kann nur dann gezielt gefördert werden, wenn der Förderer wenigstens eine Handvoll Belege für deren Glaubwürdigkeit beisteuern kann. Allerdings entwickelt sich dies rasch auch auf Basis weniger Belege zu einem allgemeinen Glauben. So ist es eine unumstrittene Tatsache, wie vor allem von Manfred Mack vom Deutschen Polen Institut in Darmstadt betont wurde, dass es eine Zeitlang durch die Systemveränderungen in Polen auch einen Anstieg der Kriminalität gab. Kriminalität sei unter Bedingungen großer materieller Not in jedem Land unvermeidlich. Macks Beispiel: Selbst wenn ein Prozent der Menschen in Polen kriminell wären, wäre das noch lange kein Grund, dies den anderen 99 Prozent auch zu unterstellen. Ein ähnliches Phänomen der Übertragung von Einzelbeobachtungen auf eine nationale Gesellschaft ist im Übrigen gegenwärtig gegenüber den europäischen Krisenländern zu beobachten.

Allein jedoch mit den Fakten zu argumentieren (etwa: Autos werden oft nur durch Polen geschleust und nicht von Polen gestohlen, die Diebstahlsquote von PKWs in Westpommern beträgt 50 Prozent von der in Mecklenburg-Vorpommern – siehe beispielsweise in diesem Text zur Kriminalität in Polen bei Perspektywa) verhilft nur selten, effizient gegen die Vorurteile und damit gegen Polenfeindlichkeit anzugehen. Es finden sich immer Bereiche ohne Belege (zum Beispiel lassen alle ungeklärten Kriminalitätsvorfälle Raum für Spekulationen über die Herkunft der Täter, was von polenfeindlich eingestellten Menschen in schlüssiger Logik einseitig zu Lasten von Menschen aus Polen interpretiert wird) und darüber hinaus haben Stereotype immer eine emotionale Ebene. Gefühlen wie Neid oder Angst, jedoch auch eingegrenzten Sichtweisen wie die geringe Reflektionsfähigkeit von Fakten oder die Vereinfachung durch abgrenzende ‚Wir und die‘-Argumentationen sind faktenbasiert kaum beizubekommen.

Differenzierte Sicht durch persönliche Auseinandersetzung

Die differenzierte Sicht der Dinge ist nur durch die differenzierte und auch selbstbewusste Art des Umgangs mit den Ressentiments zu begegnen. Das zumindest ist eine weitere – für mich plausible – These. Auf die Autodiebstahlsdiskussion eben nicht mit rechtfertigenden Hinweisen auf andere Autoklauregionen zu antworten, ist ein Weg. Stattdessen die Existenz von Autodieben auch in Polen nicht in Frage zu stellen, aber zum einen die Relationen geradezurücken und zum anderen gleichzeitig die individuelle Auseinandersetzung zu ermöglichen, wäre die Fortsetzung des Weges. Wer sich nie mit dem Land Polen beschäftigt hat, es gar nie besucht hat oder kein Interesse dafür entwickelt, wird immer anfällig für stereotype Vereinfachungen sein – und im Falle Polens dann eben mit engen Stereotypen ein negatives Bild entwickeln. Wird es dagegen differenzierter (beispielsweise indem die innerpolnischen Unterschiede, andere Aspekte des Landes oder ähnliches behandelt werden), so hat es eine polenfeindliche Einstellung schwerer.

Warum beispielsweise gibt es keine Dänenfeindlichkeit oder Feindlichkeit gegenüber Niederländern in diesem gesellschaftsweiten Ausmaße? Dabei gibt es doch auch viele Grenzbewohner etwa im Westen Deutschlands an der Grenze zu den Niederlanden, die durchaus regelmäßig auf negativen gesellschaftlichen Aspekten des Nachbarlandes herumreiten? Ganz einfach: Weil viele andere Themen diese negativen Aspekte überlagern. Und so ist das despektierliche Bezeichnen des Nachbarn als ‚Windmühlendreher‘ oder ‚Gouda‘ dann weitaus weniger feindlich und eher neckisch gemeint im Vergleich zum ‚polnischen Triathlon‘. Nett ist es auch nicht, aber es hat einen weitaus engeren Radius.

Die Grundlagen für weniger Polenfeindlichkeit sind da

Basis ist das Interesse an Polen. Grafik: Polen.pl (JW)

Basis ist das Interesse an Polen

Und es ist ja nicht so, dass die Chancen für eine differenzierte Sichtweise nicht da sind: Immer mehr Bewohner der Grenzregionen fahren zum Einkaufen in Polen und bemerken den Wandel vom grauen Polenmarkt zum schicken Einkaufszentrum. Die – ebenso klischeehaften – Beteuerungen des ‚Wirtschaftswunders von der Weichsel‘ verwirren ebenso manchen Stereotypen-Pfleger beinahe ebenso wie Kleinigkeiten; zum Beispiel die bessere Bewertung Warschauer Hotels im Vergleich zu Hotels in deutschen Städten. Eine große Chance wurde sicher durch die langjährige Abschirmung des deutschen Arbeitsmarktes gegenüber Arbeitssuchenden aus Polen vertan. Der Grund: Damit wurde die ökonmisch unvermeidliche Entwicklung der Arbeitsmigration aus Polen ins Halblegale oder Illegale gedrängt, was wiederum auf alte Stereotype einzahlte und gleichzeitig echte Auseinandersetzungen verhinderte. Dass diese Chance vertan wurde, ist auch nicht etwa ein Ergebnis von rechtsgerichtetem Parteieinfluss, sondern wurde von den Volksparteien befördert. Was wiederum ein Zeichen für die weite gesellschaftliche Verbreitung der Polenfeindlichkeit nach vorliegender Definition ist.

Das nun aufkommende Poleninteresse – nicht nur durch den Fußball befördert – ist der beste Nährboden für die Verringerung von Polenfeindlichkeit, so lautet mein Fazit nach diesen Überlegungen. Viele Stereotype sind der nachrückenden Generation kaum mehr bekannt oder bekommen eine ganz neue Bedeutung. Die ‚polnische Wirtschaft‘ als Stereotyp-Ausprägung passt eben in ihren stereotypischen Bedeutung nicht mehr zur Wirtschaftsentwicklung des heutigen Polen und wird damit ganz anders wahrgenommen. Europa, mit allen Problemen und allen Vorteilen, ermöglicht ein Interesse für Polen, wie es vor Jahren noch undenkbar war: Durch studentischen Austausch, Sport- und Wirtschaftsbegegnung, durch europaweite Berichterstattung und gemeinsame Werte, Normen und Gesetze. Niemand muss dazu die Geschichte verdrehen, im Gegenteil: Geraderücken reicht, Aufklärung hilft und Begegnung fördert. Hält man sich daran, wird das Thema Polenfeindlichkeit vielleicht in ein oder zwei Generationen in ein ganz normales nachbarschaftliches, gegenseitiges und konstruktives Auseinandersetzen verwandelt sein. Und daran kann jeder arbeiten, nicht nur die ganz große Politik. Genau so, wie es Peer Steinbrück auch auf einem Podiumsgespräch am 2. Dezember in Berlin sagte: Selbstbewusste Staatsbürger können mit eigenen Aktivitäten gegen dumpfen Populismus gegen Europa und andere Länder viel tun. Ganz einfach, oder?

 

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