Verrannt? Das stille Ende der ‚Druck-Theorie‘ in der Smolensk-Tragödie

Sejm, polnisches Parlament mit Flaggen. Foto: Polen.pl (JW)

Im polnischen Parlament wird wieder heftig über das Unglück von Smolensk diskutiert. Foto: Polen.pl (JW)

(Toruń, JE) 16 Monate nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im russischen Smolensk und dem Tod von Lech Kaczyński, seiner Frau sowie allen anderen Mitgliedern der insgesamt 96 Personen umfassenden Katyń-Delegation sind die Polen weiter uneinig darüber, was damals wirklich geschah. Diesen Zustand konnte auch der letzte Woche veröffentlichte Untersuchungsbericht einer Kommission um Innenminister Jerzy Miller nicht beenden. Statt einer gemeinsamen Wahrheit gibt es weiterhin viele verschiedene Theorien und politischen Streit um die Ursachen der Katastrophe. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des neuen Berichtes kam einigermaßen überraschend: Der Absturz der Tupolew-154 war diesem zufolge nicht das Resultat eines erfolglosen Landeversuches bei miserablen äußeren Bedingungen. Dieser Version waren zunächst auch viele westliche Medien gefolgt. Sie implizierte in der Regel den Vorwurf an die Piloten, unverantwortlich gehandelt zu haben – schließlich ließ das Wetter offensichtlich keine sichere Landung zu – und führte gleichzeitig schnell zu der Annahme, Delegationsmitglieder – vermutlich gar Kaczyński selber – hätten Druck auf die Piloten ausgeübt, unter jeden Umständen zu landen.

Auch Polen.pl schloss sich dieser scheinbar plausiblen Schlussfolgerung an, mit Luftwaffenchef Blasik war ein Verantwortlicher rasch ausgemacht. Laut russischem Untersuchungsbericht war er kurz vor dem Crash im Cockpit der Maschine gewesen, wo er eigentlich nichts zu suchen hatte. Zu allem Überfluss wurde bei der Obduktion seiner Leiche angeblich Alkohol im Blut gefunden. Sowieso: Hatte er nicht die Crewmitglieder schon auf dem Rollfeld vor dem Start lautstark zurechtgewiesen, wie die Gazeta Wyborcza (GW) erfahren haben wollte? In der selben Zeitung ist jetzt zu lesen, dass die Piloten der Smolensk-Maschine gar nicht landen wollte, sondern lediglich auf Sichthöhe heruntergehen, um dann wieder aufzusteigen und eine weitere Runde über dem Flughafen zu drehen. Bei diesem Manöver unterliefen ihnen jedoch fatale Fehler (vor allem wurde die tatsächliche Flughöhe falsch eingeschätzt, siehe http://www.polen-pl.eu/verteidigunsminister-klich-geht/), die zusammen mit zum Teil fehlerhaften Informationen des Towers in Smolensk zu der Katastrophe führten. Das steht im Miller-Bericht. Die GW verabschiedete sich letztes Wochenende auf sechs Seiten still und heimlich von der ‚Theorie der erzwungenen Landung‘. Einigen dürfte es jetzt schwerfallen, zu akzeptieren, dass Blasik oder Kaczyński vielleicht doch nicht verantwortlich waren für das, was geschehen ist (auch wenn weiterhin unklar ist, welche Rolle Blasik im Cockpit gespielt hat) – dass die Piloten vielmehr falsche Entscheidungen getroffen haben, da sie sich auf falsche Informationen stützen, nicht aber, weil sie von Vorgesetzten unter Druck gesetzt wurden. Wenn man dem neuen Untersuchungsbericht Glauben schenkt – und was bleibt einem als Außenstehendem anderes übrig? – lässt sich die ‚Druck-Hypothese‘ nicht mehr ohne Weiteres aufrecht erhalten. In diesem Fall sollte man selbstkritisch genug sein, um zuzugeben, dass man sich wohl geirrt hat.

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