Verstanden: Warum die Bahn zwischen Berlin und Szczecin (Stettin) chancenlos ist

Zug Koleje Mazowieckie. Bahn. Regionalbahn. Photo: Polen.pl (BD) Mai 2012

Bahnfahren kann Spaß machen, wenn Verbindungen sinnvoll getaktet sind

(Berlin, JW) Man stelle sich vor, es gäbe vier Bahnverbindungen täglich tagsüber zwischen Berlin und Magdeburg. Oder zwischen München und Nürnberg, Hannover und Berlin oder Frankfurt und Mainz. Oder zwischen zwei anderen großen Städten. Und man stelle sich gleichzeitig vor, es gäbe zwischen diesen beiden Städten den Wunsch nach wirtschaftlichem, gesellschaftlichen und kulturellem Austausch. Also den Wunsch, dass zum Beispiel jemand aus Berlin auch einmal den Hannoveraner Weihnachtsmarkt besucht (dafür gibt es übrigens gerade eine Werbekampagne in Berlin), dass jemand aus Nürnberg auch mal in München ins Theater geht oder dass ein Leipziger Freizeitpark auch von Berlinern besucht wird (das gibt es übrigens tatsächlich). Klar: Mit zu wenigen Bahnverbindungen am Tag kann das nicht funktionieren. Jedenfalls nicht per Bahn.

So ist aber die Situation zwischen Szczecin (Stettin) und Berlin: Die ehemals Berlin engstverbundene Hafenstadt – zugegeben, das war vor dem Zweiten Weltkrieg- und Berlin sind heute per Bahn eher schlecht als recht verbunden. Schon häufig haben wir über die mangelnde Qualität, Geschwindigkeit und den Ausbau der Strecke berichtet. Siehe etwa am 12. Juni 2012 zum mentalen Problem in der Bahnverbindung, am 3. Juni 2012 zum Abstellgleis der Bahn im Norden, am 14. April 2012 zum politischen Gerangel im die Berlin-Stettiner Bahn, am 6. September 2011 über die Langsamkeit der Bahnen zwischen Polen und Deutschland oder am 25. Dezember 2010 über den Kampf einer Gemeinde um ihre Bahn – und in vielen weiteren Artikeln. Doch eines habe ich bei all diesen Artikeln immer übersehen: Es kann gar nicht funktionieren, wenn selbst bei einem schlechten baulichen Zustand der Bahnverbindung und unkomfortablen kleinen Zügen eine wichtige Grundlage für den Erfolg einer Bahn nicht gegeben ist: Eine regelmäßige Verbindung zu alltagstauglichen Zeiten. Und damit meine ich nicht regelmäßige acht Verbindungen pro Tag mit den Abendstunden im unklaren Takt, sondern eine ausreichende Anzahl von mindestens acht Verbindungen zu typischen Reisezeiten auch am Wochenende.

Wer will, könnte pendeln

Nun mag man einwenden, dass man durchaus häufiger zwischen Berlin und Stettin hin- und herfahren kann, auch am gleichen Tag. Das lässt sich überprüfen, indem man die Start- und Zielorte auf der Bahn-Internetseite eingibt. Doch dabei wird eines nicht deutlich: Die meisten Verbindungen sind alles andere als so direkt, wie es die Werbung verspricht (hier ein Beitrag zur Werbung des VBB (Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg)). Sie sind auch alles andere als günstig, wie es die VBB-Reklame verspricht. Der VBB ist namentlich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, und schon am Namen wird das Dilemma deutlich: Viele Bahnverbindungen zwischen der Metropole in Westpommern und Berlin touchieren durch das Umsteigen in Pasewalk ein weiteres Bundesland – und sind damit zum einen länger und zum anderen teurer. So bleibt einem Berliner, der in Stettin eines der großen Einkaufszentren oder Outlets, die neuen und gepanten kulturellen Angebote rund um Theater und Musik oder anderes besuchen möchte, nur das sklavische Festhalten an wenigen geeigneten Zügen am Tag. Oder er plant die Fahrt länger und teurer mit einem Umweg. Noch eine Alternative: Er wartet oder übernachtet.

Auch wer weiter reisen möchte, oder von einem anderen Ort in Polen über Stettin nach Berlin bahnfahren möchte, hat schlechte Karten. Anschlusszüge sind kaum getaktet. So warten Urlauber – wir nehmen das etwas abgedroschene Beispiel des Ostseeortes Kolobrzeg (Kolberg) – immer mindestens eine Stunde lang auf dem zugigen Stettiner Bahnhof. Hin und zurück. Immerhin gibt es da mittlerweile ein Café. Aber wem kann man da noch verdenken, dass er den eigenen PKW (wenn vorhanden) oder einen der Minibusse vom Typ ‚Berlineks‘ vorzieht. Mir scheint: So hat die Bahn keine Chance. Da kann die Strecke noch so gut ausgebaut werden: Es müssen zunächst überhaupt einmal Verbindungen zu brauchbaren Fahrtzeiten da sein.

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  1. Jens Hansel
  2. Jens Hansel

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