Viertelfinal-Fete in Danzig

EM-Spiel im Danziger Stadion 22. Juni 2012. Foto: Polen.pl (MH)

Ein tolles Viertelfinale in Danzig

(Berlin, JW) Eine tolle Stimmung in Gdańsk (Danzig): Vor und, das will betont sein, nach dem Ergebnis des Viertelfinal-Spiels zwischen Deutschland und Griechenland. Wir waren dabei, und berichten hier. Nun: Kein Geheimnis ist, dass die deutsche Mannschaft in der schönen Ostseemetropole nach einem spannenden Spiel mit einem 4:2 gewonnen hat. Was aber rundherum passierte, das schaffte es vielfach nicht in die Medien. Schade eigentlich, dass das schon das letzte EM-Spiel im Turnier in Danzig war, denn die Stadt bietet eine schlichtweg perfekte Kulisse für solch ein Match.

Fahrt mehr Berlin-Gdynia-Express!

Zugzielanzeiger im Berliner Hauptbahnhof: Berlin-Gdynia-Express nach Danzig. Foto: Polen.pl (JW)

Ein tolles Angebot: Der Berlin-Gdynia-Express

Unsere Anreise mit dem Berlin-Gdynia-Express war auch für uns Premiere. Knapp sieben Stunden nach Abfahrt in Berlin waren wir mit dem seit Juni eingerichteten Direktzug unterwegs. Bei ziemlich hohem Komfort: Viel Platz in den Zugabteilen, Klimaanlage, Laptop-Anschlüsse im Zug und leckere Speisen aus dem WARS-Speisewagen. Es gab nur eine Sache, die uns beunruhigte: Trotz EM-Viertelfinalvortag war der Zug halb leer. Unsere Aufforderung: Leute, fahrt mehr mit diesem Zug nach Danzig. Er bietet ein tolles Angebot, ein tolles Reiseziel und einen fairen. Preis. Es wäre doch schade, wenn die Verbindung im Dezember wieder einschlafen würde.

Okay, es gab noch vier Dinge, die uns beunruhigten, auf dieser Zugfahrt: Genau genommen keine Dinge, sondern die vier ‚Helden‘ im Nachbarabteil, die sich nach zunehmend gesteigertem Alkoholkonsum von ursprünglichen Fußballliedern zu rechtsradikalem Liedgut mit hohem Lautstärkepegel verstiegen, und dies alles gegen Ende der Reise mit einem kollektiven Übergeben in den Zugflur begossen. Nun könnte man dieses negativ eindrückliche Verhalten auf die klassische ‚Idiotenquote‘ unter nachwachsenden Halbwüchsigen schieben, aber: Gerade in einem Zug nach Danzig könnte ein klein wenig Geschichtsbewusstsein nicht schaden.

Regen und gute Laune

Fussball-EM 2012: Verkauf von Souvenirs. Foto: Polen.pl (JW)

Fußball-Devotionalien aller Art sind zu haben

80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit laut Online-Wetterbericht. 100 Prozent Regen laut Körpergefühl: Das war die Wettersituation vor dem Spiel am Freitag. Trotzdem begeisterte die Stimmung in der Stadt: Griechische und deutsche Fans prägten die Szene, aber auch zahlreiche polnische beflaggte Fußballfreunde passierten die Innenstadt. Völlig friedlich, in toller Atmosphäre. Viele trugen sowohl deutsche wie polnische Flaggen auf die Wange gemalt, einige mischten sogar alle drei Flaggen. Die Straßenverkäufer machten mit Misch-Schals ‚Griechenland-Deutschland‘ allerdings wohl den kleinsten Teil ihres Umsatzes, der Renner waren – was Wunder – Deutschland-beschriftete Regenjacken. Weitere Diskussionen in den Einkaufszentren und Restaurants der Stadt beschäftigten sich mit der Bierqualität in Deutschland, Polen und Griechenland, der Spielbesetzung (nachdem Löw’s Aufstellung vorzeitig bekannt wurde) und den Schwarzmarktpreisen der Viertelfinal-Tickets. Bis zu 500 Euro wurden für die Tickets bezahlt. Eine vielfältige An- und Verkaufslandschaft konnte in der Stadt und auf dem Weg zum Stadion beobachtet werden.

Auf zum Spiel

Das Danziger Stadion am Abend (PGE-Arena). Foto: Polen.pl (JW)

Eindrucksvoll: Das Danziger Stadion am Abend

Perfekt organisiert war dann – ein wenig anders als die Ticketinformationspolitik – die Anfahrt zum Stadion. Die Stadt Danzig hatte sämtliche Straßenbahnlinien umgestellt: Alle, wirklich fast alle Tram-Linien fuhren zum Stadion. Damit war die Anfahrt ziemlich entspannt, vor allem aufgrund der vielen bestens gelaunten Fans aller Seiten. Jeder, der sich nicht schnell genug wehrte, bekam eine Griechenland- oder Deutschlandfahne auf die Wange gemalt.

Zweifelhaft fanden einige Tram-Mitfahrer allerdings – gerade am Spielort Danzig – Fangesänge wie „Hurra, die Deutschen sind wieder da“ oder solche, die das Wort „Sieg“ exzessiv verwendeten. Auch ‚Kapitäns-Armbinden‘ in Schwarz-Rot-Gold waren beliebt, obwohl die Nähe zu nationalsozialistischen Devotionalien offensichtlich scheint. De facto störte sich aber niemand lautstark daran. Die Toleranz der Einwohner gegenüber den Fans war geradezu bewundernswert: Obwohl die Rauch- und Trinkverbote geradezu geplant – oder mangels Sprach- oder Symbolkenntnissen – von den Fans ignoriert wurden, obwohl die Lautstärke die Arbeitsschutznormen von Tram-Fahrern sicherlich überschritt und obwohl man bestimmt die Stirn runzeln kann über Fans, die auf Deutsch „Alter, mach mal eine Bahn bei‘ brüllen: Alle blieben nicht nur ruhig, sondern feierten mit.

Traum-Abschluss für die deutschen Fans

Abendliches Feiern in Danzig bei der EM 2012. Foto: Polen.pl (JW)

Friedliche und unwiderbringliche Stimmung in Danzig nach dem EM-Viertelfinale

Das Ergebnis war natürlich ein Traum für die deutschen Fans: Das Spiel begeisterte, die Stimmung ebenso. Aber auch das Aufklaren des Wetters und das anschließende Feiern in der Stadt sorgte für glücklich-glänzende Gesichter. Glänzend auch deswegen, weil die oder der eine oder andere das eine Bier mehr trank oder den einen oder anderen Tanz mehr machte. Klar, am kommenden Tag traf man den einen oder anderen verkaterten deutschen Fan, mancher hatte auch Kamera oder Portemonnaie ‚verlegt‘. Das war aber nichts gegen die Situation mancher Griechen, die nicht nur bei der Rückfahrt lange zwischen feiernden Fans aus Deutschland stehen mussten, sondern sogar am Bahnhof noch Döner Kebap ‚auf die Schnelle‘ essen wollten: Und das, obwohl endlich zu Döner durchgerungen, nicht konnten, weil der Bus zum Flughafen kurzfristig losfahren wollte. Dennoch: Feindseligkeiten oder Streitigkeiten konnten wir nicht beobachten. Für uns war es einfach nur schön!

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Jens
  2. Linus

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*