Virtuoses Spiel mit Klischees

Logo von Hochzeitspolka, Quelle: http://www.hochzeitspolka.x-verleih.de/(Berlin, JW) Irgendwie haben wir uns schon ein wenig geschämt, den Arbeitskollegen davon zu erzählen. Wir wussten ja nicht genau, was uns erwartet. Und der Titel klingt schon ziemlich nach bösem Klamauk für eine Nischen-Zielgruppe. Aber egal: Wir haben uns getraut. Sowohl den Kollegen davon zu erzählen, als auch im Kino den Film zu schauen. Es geht um Lars Jessens ‚Hochzeitspolka‚.

Denkt man bei der Filmbeschreibung noch, dass es sich um ein Spezial-Kinoprogramm für Polen-Freunde oder Freunde von Polen-Witzen oder auch Gegner als dessen handeln könnte, so geht es gleich ein bisschen anders los: Ganz nach Christian Ulmens Art wird die urdeutsche Spießigkeit der neunziger Jahre mit Schrankwand und Klinkerhäuschen im Norden Deutschlands zu Beginn aufs Wunderschönste inszeniert. Der innere Spießigkeitsverachter jubelt, doch kurz danach folgt schon der fiese Gegenangriff auf das eigene Gutmenschentum: Freut man sich schon darauf,  dass Polen nun automatisch als das Land der Herrlichkeit präsentiert werden müsste, weil das ja die logische Konsequenz einer klaren komödiantischen Schwarz-Weiß-Sicht sein müsste, so geht es auch hier nach hinten los. Auf einer Baustelle für ein kitschig-billiges Neureichenhaus residiert das angehende Ehepaar, das wenig mehr zu verbinden scheint als die einerseitige Vorliebe für lustige Grimassen und das anderseitige Schätzen des ansprechenden Äußeren.

So geht es auch weiter, das bei Ulmen beliebte ‚Fremdschämen‚ eingeschlossen: Ein Angriff nach dem anderen hagelt auf die beschauliche Welt der Deutsch-Polnischen Klischees. Manchmal zu einem spontanen Lachanfall motivierend, oft auch nachdenklich machend. Welche Rolle spielt die Generationenfrage im Deutsch-Polnisch Verhältnis? Hilft das Idealisieren des jeweils eigenen oder des jeweils anderen Landes wirklich, sich besser zu verstehen?

Dabei bleibt auch keine Klischee-Zielgruppe unverschont: Verkappte Nazis ebenso wenig wie unzuverlässige Handwerker. Übertriebene Polen-Fans (in herrlicher Rolle als Manni, Waldemar Kobus: Das dumpfe ‚die Polen sind ja so herzlich‘ perfekt gespielt) genau so wenig wie die die Klischees hegenden BMW-Fahrer. Wer hier nicht nachdenklich seine eigene Rolle reflektiert, ist selbst schuld. Und wer sich dabei nicht noch totlacht, noch mehr.

Uns hat es gefallen. Wir schämen uns auch gar nicht mehr. Nein, wir empfehlen den Film allen. Auch denen, die sich mit dem Deutsch-Polnischen Verhältnis noch nicht so beschäftigt haben. Und freuen uns immer wieder auf den Song der Toten Hosen – herrlich von der Band selbst übersetzt ins Polnische. Welcher Song? Lassen Sie sich überraschen!

Fazit: Jessen ist ein toller, liebevoll gemachter Film gelungen, der trotz überzeichneten Charakteren gerade die Feinheiten der menschlichen Vorurteile differenziert herausarbeitet. Und dabei noch herrlich lustig ist.

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