Von Bernstein und Weidenkörben. Die Stadien zur EM 2012

PGE Arena Gdansk. Foto Michael Reisch

PGE Arena Gdansk. Foto Michael Reisch

(Köln, MST) „Bernstein und Weidenkorb – die Fußballstadien zur EM 2012“ titelte die Veranstaltung am vergangenen Donnerstag im Museum für angewandte Kunst (MAKK) in Köln. Im Zuge des Architekturjahres 2012 präsentierte das MAKK in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut Düsseldorf die aktuellen architektonischen Perlen Polens: die Stadien zur EM 2012. Eingeladen war jeweils ein Vertreter der verantwortlichen Architekturbüros, zum einen Dipl.-Ing. Architekt Wojtek Grabianowski von RKW Architektur+Städtebau und Dipl.-Ing. Architekt Zbigniew Pszczulny von JSK Architekten.

Das Bernstein-Stadion in Gdańsk

Den Anfang machte Herr Wojtek Grabianowski und eröffnete die Präsentation mit dem Stadion in Gdańsk (Danzig). Bereits im Jahr 1999 plante das Architekturbüro RKW einen modernen Bürokomplex in das Danziger Stadtbild zu integrieren, damals aber schlug die Kooperation noch fehl. Im Jahr 2007 nahm das Büro an der Ausschreibung für den Bau des Stadions teil – und gewann. Mit nur 18 Tagen Verspätung in der Fertigstellung und dem Einhalten des Budgets von 193 Millionen Euro bekam Gdańsk (Danzig) sein neues Wahrzeichen.

Noch bis 2014 trägt das Gebäude den Namen PEG-Arena, denn das Namensrecht hatte sich das polnische Energieunternehmen bereits im Vornherein gesichert. Von der Bevölkerung selbst aber wird der Bau liebevoll „Bernstein-Arena“ genannt. 18.000 Polycarbonplatten in den Farben Gold, Braun und Messing imitieren den Schimmer des Bernsteins. Die Konstruktion selbst ist an den Schiffsbau angelehnt. Dem Architekturbüro RKW war es wichtig, sich am „stadtkulturellen Drehbuch“ der Metropole an der Ostsee zu orientieren. Gdańsk (Danzig) als alte Handelsstadt am Meer und der Bernstein waren Charakteristika, die in den Bau mit einflossen. Das fertige Stadion hat Platz für 44.000 Fans.

Nach der EM sollen das Stadion und der Raum um den Bau als Erholungsgebiet genutzt werden. Grünflächen sollen entstehen, Sanatorien, die an um den Bernstein liegende Kieselsteine erinnern sollen, vollenden das durchdachte Konzept des Architekturbüros RKW.

Der Weidenkorb in Warszawa

Nationalstadion in Warschau. Foto Architekturbüro J.S.K (21)

Nationalstadion in Warschau. Foto Architekturbüro J.S.K (21)

Den zweiten Vortrag hielt Herr Pszczulny. Anders als in Gdańsk (Danzig), wo sich das Stadion am Stadtrand befindet, integriert sich das Bauwerk in Warszawa (Warschau) nicht nur mitten in das Stadtbild, sondern auch in die Geschichte. Während die anfänglichen Pläne noch vorsahen, dass der Bau neben dem alten Stadion Dziesieciolecia entstehen sollte, beschloss man schließlich, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Gefertigt aus den Trümmern der Nachkriegszeit, wäre das Abreißen des alten Stadions wohl eine schmerzhafte Erfahrung für die Warschauer gewesen. Inzwischen, mit wenigen Monaten Verspätung, thront das neue Bauwerk auf den alten Fundamenten und hat Platz für 45.000 Zuschauer. Die Form erinnert an einen traditionellen Weidenkorb, die farbliche Gestaltung ist angelehnt an die Nationalfarben. Das Dach ist der Konstruktion eines Rads nachempfunden. In etwa 30 Meter Höhe schwebt die Spindel über dem Spielfeld. Der integrierte Mechanismus sorgt für die Möglichkeit, das Dach nach Belieben zu öffnen oder zu schließen; ähnlich wie beim Frankfurter Stadion.

Lange wurde das ursprüngliche Leichtathletikfeld als Marktplatz für allerlei Händler genutzt. Selbst in Reiseführern wurde dieses Ereignis als sehenswert und einzigartig angepriesen. Inzwischen aber steht das Stadion an seinem Platz als erster Teil einer städtebaulichen Neuerung. Nach der EM wird das Bauwerk dann gänzlich als Multifunktionshalle genutzt. Um den Bau herum sollen Grünanlagen gepflanzt werden und neue Gebäudekomplexe entstehen. Praga, ein Stadtteil in Warszawa (Warschau), der bisher vor allem Wohnraum für die ärmere Bevölkerungsschicht bietet, soll dann neu erschlossen werden.

Die Stadien in Wrocław und Poznań

Auch für den Bau des Stadions in Wrocław (Breslau) war das Architekturbüro JKS verantwortlich. Das Team überzeugte mit einer dynamischen, jungen und offenen Idee und orientiert sich somit am Image der niederschlesischen Metropole. Die Form erinnert an ein chinesischen Lampion. Dank der drei leicht gegen die Horizontale geneigten Stahlreifen und der transparent wirkenden Außengestaltung kommt das Stadion seinem Vorbild sehr nahe. Bei Nacht erstrahlt das Bauwerk mit Hilfe von zahlreichen Dioden in den Farben azurblau, smaragdgrün und blutrot.

Während Gdańsk (Danzig), Warszawa (Warschau) und Wrocław (Breslau) jeweils ein ganz neues bis fast ganz neues Stadion erhielten, wurde die Arena in Poznań (Posen) nur vergrößert. Fasste zu Beginn das Stadion des Vereins „Lech Poznan“ nur 27.500 Sitze, können nun insgesamt 45.500 Fans während der EM 2012 mitfiebern. Unter der Leitung des dort ansässigen Planungsbüros Modern Construction Systems wurde ein Teil der Tribünen abgerissen und neue erbaut. Des Weiteren umfasst nun ein modernes Membran-Dach das Stadion und auch Lichteffekte, ähnlich wie in Wrocław (Breslau) sind möglich. Und auch ein historisches Highlight wurde entdeckt. Denn während der Bauarbeiten fand man einen Festungsbunker aus dem 19. Jahrhundert. Geschützt unter dem Prädikat „Denkmalschutz“ gehört der Bunker nun fest zum Stadion und kann in Zukunft auch besichtigt werden.

Quellen: Lesser, Gabriele: Lampion, Bernstein und Nationalstolz. Die neuen polnischen Stadien zur Euro 2012, in: Deutsche Bauzeitung. Zeitschrift für Architektur und Bauingenieure, Heft 03/2012, S.10-13.

Video zum Stadion in Danzig.

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Comments
  1. Anonymous-Slask
  2. Ingolf Teufel

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