Von Warschau nach Brüssel

Europäische Flaggen. Quelle: http://ec.europa.eu/avservices/download/photo_download_en.cfm?id=219323

Polens Premier wird Nachfolger des Belgiers van Rompuy. Foto: ec.europa.eu

(Berlin, JE) Polens Premier Donald Tusk wird Präsident des Europäischen Rates. Ein bedeutender Moment für das relativ junge EU-Mitglied, scheint es. Doch während aus vielen anderen europäischen Ländern äußerst positive Reaktionen auf diese Personalentscheidung kommen, sind die Polen selber eher verhalten. Die Diskrepanz zwischen der Außenwahrnehmung Tusks und seiner Regierung sowie der Stimmung in der polnischen Bevölkerung ist in diesen Tagen überdeutlich geworden.

Sie offenbart sich vor allem in der Interpretation der wirtschaftlichen Lage des Landes. In den Köpfen der Nicht-Polen hat sich das Bild der „grünen Insel Polen“ festgesetzt: Alle EU-Länder schlittern in die (Euro-)Krise, nur Polen bleibt eine stabile Festung des wirtschaftlichen Wachstums. Generell wird Deutschlands östlicher Nachbar gerne als ein Musterbeispiel der positiven Entwicklung postsozialistischer Staaten gesehen – sehr zum Erstaunen vieler Polen, die weiterhin von Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen betroffen sind. Ihre Sicht der Dinge ist eine ganz andere: Tusk ist für sie der Schuldige einer ökonomischen Stagnation auf niedrigem Niveau und verantwortlich für eine Politik, die auf Kosten der kommenden Generationen geht.

Doch auch unter den Unzufriedenen gibt es manche, die sich von der Wahl Tusks ein größeres Gewicht Polens in der Europäischen Politik erhoffen – gerade in Zeiten, in denen sich vielen Menschen im Land durch Putins Russland bedroht fühlen. Andere Stimmen werten die Personalie als Zeichen der Anerkennung und des Respekts gegenüber Polen: Witold Gadomski schreibt in der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass Helmut Kohl zu Beginn der 1990er Jahre polnische Politiker in die europäischen Salons eingeführt und sie dabei wie Schüler behandelt habe, die Beziehungen zwischen Merkel und Tusk jedoch seien heute komplett anders. Seine Hoffnung: „Dass an der Spitze des Europäischen Rates ein Pole steht, erhöht das Sicherheitsniveau unseres Landes“.

Nach sieben Jahren an der Regierung sind viele Polen Donald Tusk überdrüssig geworden, doch in Europa freuen sich die Menschen auf ihn als Nachfolger des Belgiers van Rompuy. Keine schlechte Ausgangssituation für den Wechsel des gebürtigen Danzigers von Warschau nach Brüssel.

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