Vor dem Winterschlaf – Polens öffentliche Fahrradverleihe ziehen Bilanz

Veturilo-Terminal in Warschau

Veturilo-Terminal in Warschau, (c) Hartmut Ziesing

(Warschau/Krakau, HZ) „Warschau in der Fahrrad-Championsleague“ – so bilanziert der Betreiber des öffentlichen Fahrrad-Verleihsystems Veturilo in der polnischen Hauptstadt, Nextbike Polska, am Ende der Saison das Jahr 2014. Den Bewohnern und Besuchern Warschaus stehen seit nunmehr drei Jahren (Polen.pl berichtete zum Start 2012) automatische Fahrradstationen im gesamten Stadtgebiet zur Verfügung, mit deren Rädern man Staus und überfüllte Straßenbahnen sportlich umfahren kann.

Vier Millionen Ausleihen, 290.000 Benutzer und über 200 Verleihstellen – nach Angaben des Betreibers bedeutet das Platz 7 unter allen europäischen Fahrrad-Sharingsystemen. 1,8 Millionen Mal wurde in dieser Saison zwischen dem 1. März und dem 30. November ein Fahrrad aus den automatischen Stationen entnommen.

Durchschnittlich bewegte sich der Nutzer damit 25 Minuten durch die Stadt und legte dabei 1,7 Kilometer zurück. Der aktivste Fahrer war dabei über 1.100 Mal per Veturilo-Zweirad unterwegs, so Nextbike Polska.

Auch für Besucher und ausländische Gäste

Die Benutzung ist einfach: Nach der einmaligen Registrierung per Internet kann an jeder Ausleihstation rund um die Uhr ein Fahrrad entliehen werden. Voraussetzung dafür ist ein Mobiltelefon, mit dessen Nummer sich der Benutzer identifiziert. Die Sicherheit wird über eine PIN gewährleistet. Für eine Leihe ist ein minimales Guthaben auf dem Nutzerkonto in Höhe von 10 Zloty (ca. 2,40 Euro) erforderlich. Das Guthaben kann per Banküberweisung oder per Kreditkarte bezahlt werden. Dadurch steht das Warschauer System auch Besuchern aus der ganzen Welt offen.

Um ein Fahrrad zu entleihen gibt der Nutzer seine Zugangsdaten in das Terminal der Station ein und wählt ein Fahrrad aus. Wenn er das minimale Guthaben auf seinem Konto hat, wird dieses Fahrrad aus seinem Magnetschloss-Ständer freigegeben und der Leihende bekommt am Terminal eine Nummer für das am Rad befestigte Zahlenschloss mitgeteilt, damit es auch unterwegs sicher abgestellt werden kann.

Nach der Nutzung kann das Fahrrad an jeder beliebigen Station zurückgegeben werden. Die Rückgabe ist denkbar einfach – das Rad muss nur in ein freies Schloss geschoben werden und ein Piepton quittiert den Erhalt. Ist kein Schloss frei, so kann das Fahrrad auch mit dem Zahlenschloss an die Station angeschlossen werden. In diesem Fall erfolgt die Rückgabe über das Terminal. Da neben Polnisch auch Englisch und Deutsch zur Verfügung stehen, ist dies kein Problem

20 Minuten umsonst

Veturilo-Fahrrad in Warschau, (c) Hartmut Ziesing

Veturilo-Fahrrad in Warschau, (c) Hartmut Ziesing

Je kürzer desto günstiger – dies ist die Maxime bei den Preisen. Die Fahrräder sollen so viel wie möglich rollen und so wenig wie möglich durch einen Nutzer blockiert sein. Besonders attraktiv ist, dass die ersten 20 Minuten kostenfrei sind – das Fahrradsystem ist mit öffentlichen Mitteln errichtet worden. Bis zur vollen ersten Stunde ist danach nur 1 Zloty (ca. 0,24 €) fällig. Anschließend wird es teurer: 3 bzw. 5 Zloty für die zweite und dritte Stunde, ab der vierten Stunde sind 7 Zloty (ca. 1,70 Euro) zu bezahlen. Nach 12 Stunden Ausleihe wird eine Art Strafgebühr von 200 Zloty (knapp 50 Euro) fällig – eine Dauerausleihe über längere Zeit soll so verhindert werden.

Respekt der Autofahrer wächst

Ein geübter Fahrer sollte jede Station im Stadtgebiet in einer Stunde erreicht haben. Dazu trägt auch bei, dass das Fahrradwegnetz in Warschau in den vergangenen Jahren ausgebaut wurde – bereits 400 km Radweg stehen zur Verfügung. Die soeben wiedergewählte Stadtpräsidentin von Warschau Hanna Gronkiewicz-Waltz kündigte weitere über 100 km an, die mit Mitteln der EU an den Haupt-Verkehrsachsen entstehen sollen. Da viele polnische Autofahrer in den vergangenen Jahren selbst das Fahrradfahren begonnen haben, nimmt auch der Grad der Rücksichtnahme gegenüber Radfahrern im Straßenverkehr zu. Dennoch verbreitet der Betreiber von Veturilo auch kleine Filme, die das richtige Verhalten im Straßenverkehr zeigen. Die Erfahrung – auch des Autors – zeigt, dass bei selbstsicherem und regelkonformem Fahren die Gefährdung sinkt. Umsicht bleibt im Auto-dominierten Polen natürlich weiter geboten.

Platte Reifen – fehlende Räder

Zu den Hauptproblemen von Veturilo zählen technisch nicht funktionsfähige Räder: platte Reifen, abgesprungene Ketten, defekte Schaltungen. Obwohl es sich um robuste (Damen)-Räder mit einfacher und pflegeleichter Ausstattung handelt, müssen die Zweiräder fortlaufend gewartet werden. An stark frequentierten Stationen fehlen zu Stosszeiten zudem verfügbare Räder – der Betreiber muss dann Räder per Transporter umplatzieren. Das größte Anfangsproblem – der Diebstahl von Rädern, die in die Weichsel geworfen wurden – hat sich offenbar inzwischen gelegt.

Nicht ohne Probleme ist auch die Telefon-Applikation, die alle Standorte und – zumindest theoretisch – die Zahl der jeweils freien Räder anzeigt. Zumindest letzteres funktioniert in der Praxis nicht zuverlässig. Praktisch jedoch, dass Nutzungsdauer und Schlossnummer per App kontrolliert werden können.

Krakau hinkt hinterher

Auch der Betreiber des Fahrradverleih-Systems KMK Bike in Krakau bilanziert seine diesjährige Saison: An immerhin 33 Stationen im Stadtgebiet stehen hier rund 300 Räder zur Verfügung. 300.000 mal wurde 2014 ein Fahrrad ausgeliehen.
Im Unterschied zu Warschau beschränkt sich das Netz der Stationen auf den Innenstadtbereich und ermöglicht den Fahrern nur einen kleineren Radius. Doch selbst im Stadtzentrum gibt es noch größere Lücken: So findet man weder in Bahnhofsnähe noch im nördlichen Bereich der Altstadt eine Station, was die Mobilität einschränkt.

Unverständlicherweise ist das Krakauer System nicht für ausländische Touristen der Stadt zugänglich – zumindest wenn diese nicht Polnisch sprechen und kein polnisches Bankkonto besitzen. Die Webseite steht nur in polnischer Sprache zur Verfügung und eine Bezahlung mit Kredit- oder Bankkarte ist bislang nicht möglich. Dies ist bedauerlich, da angesichts von nahezu 10 Millionen Besuchern pro Jahr und kurzen Distanzen zwischen den wichtigen Sehenswürdigkeiten in der mittelalterlichen Altstadt und den umliegenden Vierteln das Zweirad gerade für Touristen ein attraktives Fortbewegungsmittel ist.

Trotz Anlaufschwierigkeiten: Schnelle und gesunde Alternative auch unter dem Wawel

Fahrrad-Sharing Terminal in Warschau, (c) Hartmut Ziesing

Fahrrad-Sharing Terminal in Warschau, (c) Hartmut Ziesing

Obwohl es sich in der südpolnischen Stadt um das technisch nahezu identische System der Leipziger Firma Nextbike handelt, gab es zu Beginn der diesjährigen Saison erhebliche Verzögerungen durch einen ausschreibungsbedingten Betreiberwechsel und damit verbundene Startschwierigkeiten. Bis zum Saisonende war die Software der Terminals sehr störanfällig und führte häufig dazu, dass die Nutzer ohne Fahrrad stehen blieben.

Leider sind auch – trotz der gleichen technischen Basis – die Benutzerkonten von Krakau und Warschau nicht kompatibel. So kann zwar die gleiche Mobilnummer verwendet werden, es ist jedoch zu empfehlen, zwei Benutzerkonten mit verschiedenen PINs anzulegen, da sonst der Zugang nicht funktioniert. Die Telefonhotlines in beiden Städten sind zwar gut erreichbar, aber diesen Umstand kann man sich ersparen.

Dennoch: Auch in Krakau ist das Fahrrad eine unschlagbar schnelle und gesunde Alternative zu Auto, Bahn und Bus.

Jetzt ist beim Fahrradsharing erst einmal Winterschlaf angesagt. Wer Lust am Radfahren in Warschau oder Krakau bekommen hat – nun heißt es nur noch warten bis zum Saisonbeginn am 1. März.

Weitere Informationen:
Warschau: http://de.veturilo.waw.pl/
(Polnisch, Englisch, Deutsch, Russisch)
Krakau: https://kmkbike.pl/
(nur Polnisch)

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