Warschaus Museums-Wahrzeichen

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Foto: Polen.pl (AS)

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Foto: Polen.pl (AS)

(Berlin, AS) Museen können Berühmtheit erlangen. Ob das Guggenheim in Bilbao oder das Jüdische Museum in Berlin – insbesondere die Museumsarchitektur übt eine außergewöhnliche Anziehungskraft auf Besucher aus. So auch in Warschau, wo das Museum der Geschichte der polnischen Juden seit einigen Monaten geöffnet ist. Bisher ohne Ausstellung, doch bereits jetzt voller Leute. Polen.pl berichtete darüber im März.

„Von außen kann man nichts lesen, man muss erst reingehen. Erst wenn man drinnen war, hat man einen Eindruck bekommen.“, sagt Mirka, eine Besucherin aus Berlin, die gerade aus dem Haus herauskommt. Tatsächlich. Steht man draußen auf dem Platz vor dem Museum, lässt der gläserne Kubus keinen Blick nach Innen zu. Von einigen Warschauern scherzhaft als „Tortenschachtel“ bezeichnet, wirkt das Gebäude von außen sparsam, eine schlichte geometrische Form – die Überraschung folgt im Inneren.

Gemeinsame Geschichte

In Muranów – dem Viertel, das auf den Ruinen des Ghettos in den 1950er Jahren wieder erbaut wurde, ein Stadtteil in dem einst jüdisches Leben blühte und in dem während des Zweiten Weltkrieges die deutschen Besatzungsbehörden das Ghetto errichten ließen – steht heute das Museum der Geschichte der polnischen Juden, direkt gegenüber dem berühmten Denkmal der Helden des Ghettos. Jahrzehntelang stand das Denkmal allein auf dem Platz an der Ulica Zamenhofa. Es wurde 1948 zum fünften Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto eingeweiht und ist seitdem ein zentraler Ort für die alljährlichen Gedenkfeierlichkeiten. Als sich dieses Jahr der Ausbruch des Aufstandes am 19. April zum 70. mal jährte, wurde in unmittelbarer Nähe das Museum der Geschichte der polnischen Juden nach fast fünfjähriger Bauzeit eröffnet.

Haupteingang in das Museum mit Blick auf das Denkmal der Helden des Ghettos. Foto: Rafał Grunt

Haupteingang in das Museum mit Blick auf das Denkmal der Helden des Ghettos. Foto: Rafał Grunt

Polen beheimatete über Jahrhunderte die größte jüdische Gemeinde der Welt. Tausend Jahre jüdische Geschichte hinterließen ihre Spuren in der Kultur, in der Sprache. Man muss sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen: tausend Jahre. Heute eher monokulturell geprägt, war Polen einmal ein multikulturelles Land. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Polen etwa 3,3 Millionen Juden. Allein in Warschau bildeten sie ein Drittel der Bevölkerung. Im Holocaust verloren über 90 Prozent der polnischen Juden ihr Leben, die Überlebenden emigrierten zum größten Teil nach dem Krieg, viele wegen Verfolgungen. Es blieben nur wenige. Diesen Bruch in der jüdisch-polnischen Geschichte verarbeiteten die beiden finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma im Museumsgebäude, das von einem symbolischen Riss durchzogen wird.

Architekturmetaphern

Innen teilt sich das Museum und die Teile werden über eine Brücke miteinander verbunden. Für die einen symbolisiert es das Meer, durch das Moses die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft führte, für die anderen stehen die zwei Bereiche für die Vergangenheit und die Zukunft. Die Interpretation bleibt hier frei. Für die sandfarbenen und geschwungenen Betonwände in der Eingangshalle ließen sich die Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma jedoch von der Landschaft Israels inspirieren.

"Das größte Fenster Warschaus" in der Eingangshalle des Museums. Foto: Rafał Grunt

„Das größte Fenster Warschaus“ in der Eingangshalle des Museums. Foto: Rafał Grunt

Viel Tageslicht erhellt das Museum. Durch die Glasfassade blickt man auf einer Seite auf einen Park, der vor dem Bau fast den gesamten Platz des heutigen Museumsgebäudes einnahm. Die äußere Glasfassade weckt besondere Aufmerksamkeit. Auf den senkrecht montierten Glasplatten sieht man lateinische und hebräische Schriftzeichen, die zu einem Muster angeordnet das Wort „po-lin“ ergeben, was im Hebräischen „Hier nächtige!“, „Hier sollst du ruhen!“ oder auch „Polen“ bedeutet. Damit wird Bezug auf eine Legende zu ersten jüdischen Siedlungen auf polnischen Gebiet genommen. Die Legende, die in unterschiedlichen Variationen wiedergegeben wird, erzählt von jüdischen Flüchtlingen, die im Mittelalter aus Westeuropa vertrieben wurden und auf ihrer Flucht in Richtung Osten das Zeichen „po-lin“ in Form eines Vogelgesangs oder einer Inschrift in einer Baumrinde erhielten.

Blick in die Vergangenheit

Die Legende wird man in Zukunft gleich zu Beginn der geplanten Dauerausstellung zu hören bekommen. Die insgesamt acht Galerien, einzelne thematische Abschnitte der zukünftigen Dauerausstellung des Museums, sind eine Reise in die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden, von den ersten Siedlungen bis heute. Die Ausstellung, die zwei Stockwerke unter der Erde einnehmen wird, soll im Frühjahr kommenden Jahres eröffnet werden. Etwa 250 Exponate sind für die Präsentation vorgesehen, den größten Teil nehmen multimediale Installationen ein.

Die gläserne Fassade mit der Aufschrift "po-lin". Foto: Polen.pl (AS)

Die gläserne Fassade mit der Aufschrift „po-lin“. Foto: Polen.pl (AS)

So wird man zum Beispiel ein typisches Städtchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert besichtigen können. Herzstück wird dort das rekonstruierte Dach einer Holzsynagoge. Es ist eine fast originalgetreue Replik einer Synagogendecke des jüdischen Gotteshauses von Gwoźdź. Als Vorlage für die Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges zerstörten Synagoge, dienten der US-amerikanischen Firma Handshouse Studios Fotografien und Zeichnungen. Fast zwei Jahre dauerten die Rekonstruktionsarbeiten, die mit originaler Bautechnik ausgeführt wurden.

Insgesamt konnten 30 Millionen Euro Spendengelder aus aller Welt für die Ausstellung eingeworben werden, für deren inhaltliche Ausarbeitung ein internationales Team von über 120 Historikern und Museumswissenschaftlern unter der Leitung der New Yorker Professorin Barbara Kirshenblatt-Gimblett verantwortlich ist. Die Gestaltung übernehmen die Ausstellungsdesigner der polnischen Firma Nizio Design und der britischen Firma Event Communications.

Nützliche Informationen:
Das Museum ist von Mittwoch bis Montag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dienstags ist das Haus geschlossen. Für die Besichtigung des Gebäudes im Erdgeschoss wird kein Eintritt erhoben, für Besichtigungen mit einem Referenten, den Besuch einer Sonderausstellung und anderen Angeboten, wird je nach Auswahl ein kleiner Beitrag verlangt. Darüber hinaus organisiert das Museum Konzerte, Workshops, Debatten, Film- und Theatervorführungen.

Informationen zur Architekturreise 2013:
Industrielle Hinterlassenschaften, Spuren der Moderne, eine Werft und ein neues Museum – das sind die vier Themen der Artikelreihe Polen-Architekturreise 2013. Auf einer Tour quer durch Polen blieb ich an vier Stationen etwas länger stehen und traf Menschen, die mit mir ihre Zeit und ihr Wissen teilten. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken, ebenso beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, das die Recherchereise unterstützte. Weitere Informationen unter agnieszka@polen.pl.

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