Warum lernst DU Polnisch? – Der Sommersprachkurs an der Universität Warschau

Eingang zur Universität Warschau an der Krakowskie Przedmieście (c) H. Fehlberg

Eingang zur Universität Warschau an der Krakowskie Przedmieście
(c) H. Fehlberg

(Bottmingen, HF) Die Frage nach der Motivation, die Sprache des östlichen Nachbarn Deutschlands zu lernen, kommt unter den Teilnehmenden an Polnisch-Sprachkursen gleich nach der Frage „Wie heisst du?“ Damit drückt sich ein wenig die Verwunderung darüber aus, dass es neben einem selbst noch mehr solche Menschen gibt, die sich an dieses intellektuelle Abenteuer wagen. Polnisch lernt man nicht mal eben so nebenbei. Die Motivation „dran“ zu bleiben ist nach Einschätzung des Autors für das Erreichen brauchbarer polnischer Sprachkenntnisse entscheidend.

 

Eine Teilnahme am Sommersprachkurs der Warschauer Universität (Uniwersytet Warszawski, UW) kann ein solcher Motivator sein. Am Polonicum der UW fand mit rund 200 Teilnehmenden im August dieses Jahres bereits der 58. Ferienkurs der polnischen Sprache und Kultur statt. Unter den Teilnehmenden gab es Repräsentanten fast aller Kontinente. Die Nachbarstaaten Polens waren besonders stark vertreten; aber es gab auch Sprachschüler aus dem Irak, Taiwan, USA, Kenia, Saudi Arabien oder Venezuela.

Nicht nur Studenten

Beginn der Stadtführung auf dem Campus der Universität (c) H. Fehlberg

Beginn der Stadtführung auf dem Campus der Universität
(c) H. Fehlberg

Wer war dieses Jahr dabei? Eine grosse Gruppe von Teilnehmenden stellten Studenten der Polonistik oder Slawistik sowie der Übersetzungswissenschaften dar, gefolgt von einer Gruppe junger Menschen, die einen polnischsprachigen Partner haben oder aber über polnische Wurzeln verfügen. Letztere haben von ihren Eltern bestens sprechen gelernt, benötigen aber noch grammatische Kenntnisse zum korrekten Schreiben. Auch in diesem Jahr waren wieder einige Teilnehmer dabei, die aus beruflichen Gründen die polnische Sprache beherrschen müssen oder wollen. Aber nur wenige lernen, wie der Autor, Polnisch aus reinem Interesse an Land und Leuten. Das Alter der Teilnehmer reichte von noch nicht volljährigen bis zu Rentnern, wobei die Mitte-Zwanzigjährigen bis Dreissigjährigen den Schwerpunkt darstellten.

Sprachkurs in der Warschauer Innenstadt

Campus der Universität Warschau (c) H. Fehlberg

Campus der Universität Warschau
(c) H. Fehlberg

Der Kurs findet während der vier Augustwochen in verschiedenen Gebäuden auf dem zentral gelegenen Campus der Universität an der Krakowskie Przedmieście statt. Ein Anmeldeformular dazu kann rund ein halbes Jahr vorher von der Kursseite des Polonicums heruntergeladen werden. Zahlreiche Studenten hatten über eigene universitäre Einrichtungen Stipendien erhalten. In diesem Jahr waren sie erstmals in speziellen Kursgruppen zusammengefasst. Dies war nach Ansicht des Autors schade; denn eine gute Mischung von Polonistik-Studenten mit anderen hebt das Niveau der gesamten Gruppe. Aber neue staatliche Vorschriften forderten um die Stipendiaten einen Wettbewerb zwischen den Universitäten und so wurden für das Gewinnen der Ausschreibung für sie (zum Nachteil der zahlenden Nichtstipendiaten) besonders vorteilhafte Bedingungen geschaffen.

Kleiner Einstufungstest zu Beginn

Einführungsveranstaltung Sommersprachkurs in der Alten Bibliothek (c) H. Fehlberg

Einführungsveranstaltung Sommersprachkurs in der Alten Bibliothek (c) H. Fehlberg

Nach einem kurzen schriftlichen und mündlichen Einstufungstest am Samstag vor Kursbeginn wurden die Teilnehmenden erstmals in sechs (Stipendiaten) und 18 (zahlende Teilnehmer) Kursgruppen eingeteilt. Aufgrund der grossen Anzahl von Teilnehmern gab es für „blutige“ Anfänger bis ins höchste Niveau Kursgruppen. Dies ist insbesondere für Fortgeschrittene wichtig, da sich häufig an privaten Sprachschulen in Polen nur noch wenige Fortgeschrittene anmelden, so dass dort entweder solche Gruppen nicht zustande kommen oder diese so heterogen sind, dass sich der Unterricht schwierig gestaltet.

Am Sonntag fand dann eine Stadtführung statt, wo eine erste Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen bestand. Die meisten der Kursteilnehmenden wohnten, anders als der Autor, gemeinsam im Studentenwohnheim am Rande der Innenstadt.

Vormittags Sprache

Sprachkurs in kleinen Gruppen (c) H. Fehlberg

Sprachkurs in kleinen Gruppen
(c) H. Fehlberg

Der Sprachunterricht fand montags bis freitags von neun Uhr morgens bis halb eins in nur mässig zum Gruppenunterricht geeigneten Räumen statt. Nachdem sich im Vorjahr noch zwei Sprachlehrer im Tagesrhythmus miteinander abwechselten, um für personelle Dynamik zu sorgen, war dieses Jahr jeder Gruppe eine Lehrkraft fest zugeordnet. Der Unterricht richtete sich erfreulicherweise stark nach den Bedürfnissen und dem Kenntnisstand der Gruppe.
In besonders fortgeschrittenen Gruppen, die die Grammatik bereits einmal (grob) durchquert hatten, wurden dann spezielle Aspekte (z.B. die in der polnischen Sprache besonders komplizierten Zahlen und Bewegungsverben) behandelt, vor allem aber wurde viel diskutiert. In diesen Gruppen wurde nicht mehr mit einem Lehrbuch gearbeitet, sondern mit mehr oder weniger aktuellen Photokopien aus Zeitschriften oder Zeitungen. Die didaktische Erfahrung der vom Autor erlebten Lehrkraft war hervorragend.

Nachmittags Kultur

Backstunde:  Toruńskie Pierniki (Thorner Lebkuchen) (c) H. Fehlberg

Backstunde: Toruńskie Pierniki (Thorner Lebkuchen)
(c) H. Fehlberg

Nach einer eineinhalbstündigen Mittagspause, die von den Studierenden im Universitätscafé oder in den umliegenden Cafés, Restaurants oder Bar Mlecznys (Geheimtipp für eine gute private Kantine mit polnischen, täglich wechselnden günstigen Speisen: 1. Untergeschoss des Geschäftshauses in der ul. Mikołaja Kopernika 36/40) verbracht wird, gab es dann für eineinhalb Stunden Vorlesungen zur polnischen Kultur.

Das jeweilige Vorlesungsprogramm für den gesamten Kurs wird am ersten Unterrichtstag im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung als Heft abgegeben. Die Form der Vermittlung nimmt auf die drei Kenntnisniveaus A, B und C (Europäischer Referenzrahmen) Rücksicht. Für die Anfängergruppen auf Niveau A sind die Vorlesungen in englischer Sprache, für die anderen auf Polnisch. In diesem Jahr gab es auf dem Niveau B und C beispielsweise Vorlesungen zum polnischen Theater (Tadeusz Różewicz, Tadeusz Kantor), zum Jugendslang mit Übungen, zu polnischem Hip-Hop und der politischen Verortung der Musiker, zu ausgewählten Aspekten der polnischen Geschichte (Staatsgründung, Solidarność) und zur Religion (Katholizismus und Judentum in Polen). Ein sehr interessantes Programm!

Aktuelle Kinofilme im Programm

Eine halbe Stunde nach Vorlesungsende fanden in der alten Bibliothek dann zwei- bis dreimal wöchentlich Filmnachmittage mit aktuellen polnischen Spielfilmen (englische Untertitel) statt (z.B. Bajbi blues, 2012; Róża, 2012; Pokłosie, 2012). So konnte man fast jeden Tag mit Unterricht und Hausaufgaben verbringen. Der Autor hat die Zeit aber auch genutzt, um die aufregende Stadt Warschau besser kennenzulernen – und um Artikel für Polen.pl zu schreiben 😉

Ein persönliches Fazit

Eine Polonaise (poloneza) zum Kursabschluss von den Teilnehmenden getanzt (c) H. Fehlberg

Eine Polonaise (polonez) zum Kursabschluss von den Teilnehmenden getanzt (c) H. Fehlberg

Alles in allem kann der Besuch dieses Sommerkurses an der Uni Warschau trotz kleiner Schwächen (die wohl jeder Kurs an den verschiedenen Universitäten hat), nur wärmstens empfohlen werden.

Ähnlich aufgebaut sind übrigens auch die vom Autor besuchten Sommersprachkurse an den Universitäten in Lublin (Marie Curie-Sklodowska-Universität)  und Toruń (Nikolaus-Kopernikus-Universität), wobei aus Sicht der Erfahrung der Lehrkräfte, von der räumlichen Ausstattung her und aufgrund der anderen Zusammensetzung der Teilnehmer (zumeist aus den östlichen Nachbarländern Polens und aus Kasachstan, wenige Westeuropäer), der Kurs in Lublin eine besondere Erwähnung verdient.

Wie heisst es so schön? Język – to klucz do serca ludzi oder auf Deutsch: Die Sprache ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen. Also: Ran an die Sprache!

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  1. Ronald Schulze
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