Was Johannes Paul II. mit der Europäische Integration zu tun hat. Eine Sommerschule zwischen christlichem Erbe, polnischer Kultur und Führungsseminar

(Pforzheim, JW) Die Europäische Union befindet sich derzeit in einer großen Krise und eine Lösung ist vorerst nicht in Sicht. Was kann eigentlich Mittel- und Osteuropa zur Krisenbewältigung beitragen? Das Centrum Myśli Jana Pawła II (frei übersetzt: Zentrum für das intellektuelle Erbe Johannes Paul II.) in Warschau sieht einen Lösungsweg in der Besinnung auf die Revolutionen in Mittel- und Osteuropa, wie die der Solidarność, die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei und zuletzt den Maidan. In einer Sommerschule im Juli/August 2017 wird das Thema vertieft und insbesondere nach Persönlichkeiten aus Ost und West gefragt, die die neuere Geschichte Europas geprägt haben. Doch wie passen der polnische Papst und die Geschichte der europäischen Integration zusammen? Hatte Johannes Paul II. etwas zum Thema Europa zu sagen? Was für deutsche oder westeuropäische Ohren zunächst seltsam klingt, erläutert Michał Łuczewski im Interview mit Polen.pl. Er ist stellvertretender Direktor des Zentrums und hat die Sommerschule mitkonzipiert. Das Interview führte Jutta Wiedmann.

“Integral Leadership – from personal growth to European renewal.” lautet der Titel eurer Sommerschule: Was bedeutet denn „Integral Leadership“ und was hat das mit Johannes Paul II. zu tun?

Die Sommerschule veranstalten wir in diesem Jahr bereits zum siebten Mal. Wenn wir mit unseren Studierenden in Wadowice (dem Geburtsort des polnischen Papstes, Anmerkung der Redaktion) unterwegs sind, sind sie immer verwundert, dass Johannes Paul II. aus einer solch – wie kann man das elegant ausdrücken? – bescheidenen, unscheinbaren Ortschaft stammt. Dieser Mensch kam aus dem Nichts, es gab niemanden im Hintergrund, keine Familie mit Tradition, kein familiäres Vermögen, kein Stipendium. Aufgewachsen ist er in der Hölle des Krieges, währenddessen er seinen Vater, Freunde und Vorbilder verlor. Alles in seinem Leben verdankte er sich selbst, schuf er selbst und dies auf höchster, globaler Ebene. Es ist ihm gelungen, aus seinem Leben ein Kunstwerk zu machen und das Schicksal des 20. Jahrhunderts zu bestimmen.

Dieser Mensch aus dem Nichts war der erste globale religiöse „Leader“, und vielleicht sogar der erste globale „Leader“ überhaupt. Ein solches Leben erscheint uns verrückt und geheimnisvoll – deshalb möchten wir es kennenlernen und für uns entschlüsseln. Ich habe bereits erwähnt, dass Johannes Paul II. alles selbständig erreicht hat. Aber das ist nur die Oberfläche, die Sichtweise von außen. Wenn wir Johannes Paul II. verstehen wollen, müssen wir das von innen heraus tun. Dann begreifen wir, dass er beständig über sich selbst hinausgewachsen ist. Er schuf Beziehungen zu anderen – Beziehungen, die das ganze Leben andauerten. Er schuf Beziehungen mit der Welt und mit der Natur (während seiner Bergtouren). Und letztendlich schuf er eine Beziehung mit sich selbst – mit seinem eigenen Gewissen. Für ihn war aber die Beziehung zu Gott immer am wichtigsten. Jedes Mal ist es für mich ein großes Abenteuer, diesen Menschen zu verstehen, denn dann beginne ich zu begreifen, worauf nicht nur das Führen von Menschen beruht, sondern auch Menschlichkeit. Gemeinsam mit anderen aus Mittel- und Osteuropa, mit Martin Luteran aus der Slowakei, Oleh Kindiy aus der Ukraine und Teresa Mazan aus Polen haben wir ein Modell des integrierten Führens formuliert, wie wir es bei Karol Wojtyla vorgefunden haben: Ein Modell der Schaffung einer Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu einer übernatürlichen Ordnung. Ein Modell, das wir auch bei uns und unseren Studentinnen und Studenten entdecken möchten.

Was hatte Johannes Paul II. zu Europa zu sagen?

Johannes Paul II. sah die europäische Integration als Tatsache an. Wir leben in einem Europa – Menschen aus Ost und West und aus der Mitte. Wir können durch eiserne Vorhänge, Grenzen, Barrieren und Vorurteile getrennt sein, aber wir sind Europäer. Der wirtschaftliche und politische Integrationsprozess war für ihn lediglich ein verspätetes Zeichen dessen, dass die Europäer über eine gemeinsame Kultur verfügen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Papst uns Polen sehr nahegelegt hat, der EU beizutreten. Seine Haltung dazu hatte außerdem entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis des Referendums zum Beitritt. Johannes Paul II. war deshalb so optimistisch dem europäischen Projekt gegenüber eingestellt, weil seiner Meinung nach Europa auf einer sicheren Basis steht: dem Christentum. Der Ursprung der europäischen Kultur war für ihn das Christentum. Es war die Grundlage des Entstehungsprozesses der europäischen Integration, repräsentiert durch gläubige Menschen: Konrad Adenauer, Robert Schuman – und auch – einige Jahre später – durch Johannes Paul II., der für uns einer der Väter der europäischen Einigung ist.

Die Sommerschule richtet sich ja an Teilnehmer aus Mittel- und Osteuropa. Was können deutsche Teilnehmer lernen, welche Erkenntnisse können sie mitnehmen?

Zum einen: Die Deutschen sind auch aus Mitteleuropa, also sollten sie nicht fehlen! Aus meiner Heimatstadt – Poznań – hat man es näher nach Berlin als nach Warschau. Deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen während der Sommerschule ein Land kennen, das einerseits so nah ist und gleichzeitig so weit weg, ein Land, über das man viel lesen kann, aber selten Gelegenheit hat, es zu erfahren. Ich kann das aus eigener Überzeugung sagen, da ich viele Jahre in Deutschland verbracht habe und da meine Schwester dort für immer leben wird. Deutschland ist für mich nah, aber gleichzeitig weit weg. Unsere Geschichte zeigt, dass wir zu fast allem einen anderen Zugang haben: zum Begriff der Nation, zur Religion, zum Begriff der Gemeinschaft, zu Autoritäten. Es mag sein, dass wir Europa unterschiedlich sehen, aber es geht uns gut in Europa. In Deutschland hat mich die unaufhörliche Überwindung der Vergangenheit fasziniert und ich denke, dass auch die die unaufhörliche Rückkehr zur Vergangenheit in Polen die Deutschen faszinieren könnte.

Während der Sommerschule ist es außerdem möglich, die schönsten Orte Polens kennenzulernen: Krakau, das großartige Kloster in Tyniec sowie Kalwaria Zebrzydowska und Lanckorona, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Diese materiellen Zeichen einer großen Vergangenheit umfassen gleichzeitig ein großes geistiges und religiöses Erbe – eine lebendige christliche Kultur, die man im Westen, sogar im so nahen bzw. so weit entfernten Deutschland, nur schwer erfahren kann.

Und was macht das Centrum Myśli Jana Pawła II noch, abgesehen davon, dass es Sommerschulen organisiert?

Was machen wir eigentlich nicht? Mit einem solchen Namensgeber müssen wir beinahe alles machen, denn auch Johannes Paul II. befasste sich mit fast allem. Das Centrum Myśli JPII ist eine kulturelle Institution der Stadt Warschau, wir sind eine kommunale Einrichtung. Wir wollen Warschau den Geist zurückgeben, den Johannes Paul II. der Stadt gab. Im vergangenen Jahr organisierten wir den Warschauer Teil des Weltjugendtags – während eines Moments verwandelten wir Warschau in eine völlig neue Stadt. Unsere Ausstellung, in der JPII die Geschichte Polens erzählte, besichtigten über 100 000 Menschen. Abgesehen von spektakulären Events vergeben wir jährlich ca. 1000 Stipendien an Schüler und an Studenten. Es handelt sich um das größte Stipendienprogramm in Polen. Wir organisieren außerdem das interdisziplinäre Festival „Nowe Epifanie“, zu dem wir auch Künstler einladen, denen Johannes Paul II. sehr fremd ist. Wir haben einen Chor, ein Freiwilligenprogramm, eigene Forschungsprogramme. Abgesehen von der Sommerschule bieten wir einen Online-Intensivkurs zur Lehre Johannes Paul II. an: http://jp2online.pl/ Daran nehmen Studierende aus der ganzen Welt teil.

Neugierig geworden? Mehr Informationen zur Sommerschule „Integral Leadership – from personal growth to European renewal” gibt es hier. Wer noch unter 35 ist, sollte sich die Chance nicht entgehen lassen und sich um die Teilnahme bewerben. Bewerbungsschluss ist der 17. Juni 2017. 

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