WAW? wiW!: Wohnen in Warschau (Teil 1)

Gelände der alten Wodkafabrik in Warschau-Praga. Foto: Polen.pl (JW)

Wohnen im Warschauer Stadtteil Praga wandelt sich

(Warschau, MM) Wie wohnt es sich so in Warschau? Ich habe bereits in einem Dutzend Wohnungen in Polen gewohnt. Die meisten davon waren wohl in Krakau, aber bereits drei in Warschau. Die erste ließ mich das lokale Flair von Praga kennen lernen, obwohl Andrzej Stasiuk sagen würde: eh, das ist doch Grochów! Oder ist es schon Gocław? Naja, jedenfalls ist allen klar, du bist entweder auf der linken Seite der Weichsel gelandet und somit hattest du Glück oder du hattest (halt) Pech bei der Wohnungssuche, oder dein Budget hat es die nicht erlaubt woanders hinzuziehen, und du bist in Praga gelandet.

Praga ist eigentlich alles was hinter der Weichsel liegt. Das heißt, alle werden dir sagen: „Du wirst dein Fahrrad morgen nicht mehr wiedersehen„, ja, du bist nun bei den etwas schlechter gestellten gelandet. Manche Punks erinnern sich an die alten Tage und zeigen dir schön restaurierte Altbauhäuser und meinen, da war mal eine meta. Jetzt würden wohl alle einfach Squat, also besetztes Haus, sagen. Meta ist da wo, alle Sport-Rennen zum Schluss kommen, das ist das Ziel. Nur weiß man, man erreicht sein eigenes ‚Ziel‘, wenn’s um die Standhaftigkeit den verschiedenen aufgenommenen Substanzen gegenüber geht, auch ziemlich schnell an diesen Orten – vielleicht hängt’s an der Auswahl der Getränke…

In Praga, aber in der echten – also meistens einfach Praga Północ (also Nord-Praga), da findet man noch die alten Häuser wie früher, mit den bekannten Marienaltaren in den Haushöfen. Leider verfallen die meisten. Jetzt zur Europa-Meisterschaft (wie man hier sagt: na euro), da ja das Stadion nicht weit von den ärmsten Kiezen von Praga entfernt ist, wollen die Mitglieder der Mieterschutzgesellschaft eine alternative Stadtrundfahrt, eigentlich eine Praga-Rundfahrt, anbieten, um den Leuten zu zeigen, wo das Geld eigentlich sinnvoller ausgegeben werden könnte. Warschau hat ja bereits ein Riesenstadion: das Stadion der Legia-Mannschaft. Was da natürlich herrscht, ist eine ‚Fußball-Fanatiker-aus-Polen-Club-Kultur‚, die wenig mit Sport, Team-Geist und Zusammensein zu tun hat. Und es wäre natürlich keine so große Protz-Investition gewesen, das Stadion einfach zu erneuern oder sogar auszubauen.

Viele meiner Freunde wohnen in Praga. Die Praga mit Bus oder Bahn zu erreichen, ist ein Albtraum. Nicht nur muss man meistens umsteigen, es passiert oft, dass die S-Bahn einfach ausfällt, dass viele Straßen einfach nicht genug beleuchtet sind. Und dann muss man auch aufpassen, dass man früh genug aufbricht, so dass man den Rückweg noch in dem normalen Bus einschlägt und nicht mit dem Nachtbus, der ewig bis ins Zentrum braucht, fahren muss.

Ich wohne nun seit fast einem halben Jahr in Mokotów, zuerst in der eigentlichen Schickeria-Siedlung (naja, nicht in dem Villa-Teil natürlich, da wohnt ein Freund von mir, der auf der Börse zockt), aber man merkt schon den Unterschied. Das Überraschendste für mich war: man merkt es an den Älteren. Es gibt ja dieses Kirchen-Ultra-Fan-Phänomen in Polen, die Omas in den Mohair-Mützchen, das sind die, die nie die Kirche kritisieren würden und dem rechtsradikalen Radiosender Radio Maria lauschen (es hört sich eher wie eine Revolutionsansage mit Gebete-Einlagen zur Kaschierung an). Man sagt meistens, das sind auch die ‚Verlierer des alten Systems‘: meistens schlecht oder gar nicht ausgebildet, keine Chancen auf einen Job, also haben sie mal eine Rente bekommen und dann ihre Pension. Die beträgt meistens nicht mal genug um Miete und Arznei-Mittel zu begleichen.

In Sadyba wohnen die älteren Leute, denen es aus welchem Grund auch immer, jedoch besser geht. Die sind auch aktiv – Nordic Walking, Sadyba-Club-Ausflüge, Picknick & BBQ und was nicht sonst. Da ist eine sehr starke Community vorherrschend, und wenn man die nicht unterstützt, ist man verloren und wird auch nicht respektiert.Kennst du den Namen des Hündchens des Nachbarn nicht, wirst du auch angekreischt, wenn dein Auto (insbesondere, wenn’s schon ein Umzugswagen ist) mal den Rasen streicht.

Die Nachbarschaft, in die ich jetzt gezogen bin, ist Sielce. Um ehrlich zu sein, hab ich mir noch keine Meinung über die Gegend gebildet. Es scheint ein Gemisch zu sein: die, die hier seit längerem wohnen und die neue mittlere Klasse. Man merkt’s an den Fenstern.

Wieso wohnen sie aber immer noch nebeneinander? …und wie schaffen die es, dass es friedlich bleibt?

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Jochen

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