Weibskram. Gesellschaftskritik vom Feinsten

Sylwia Chutni, Weibskram. Rezension Bild: Polen.pl (MST)

Sylwia Chutni, Weibskram. Rezension Bild: Polen.pl (MST)

(Köln, MST) Ein Buch, das sich morgens um 7.00 Uhr in der Straßenbahn nicht einfach lesen lässt. Mania schneidet sich erneut mit der zerbrochenen Glasflasche die Pulsadern auf, Marysia spuckt Rotz auf das Frühstücksbrot der Eltern, Maria geht in den Keller um zu sterben. Nur Marian erträgt stumm und schweigend das Getuschel der anderen über sein Leben als Junggeselle – mit 56!

Sylwia Chutnik

Sylwia Chutnik (*1979) studierte Kulturwissenschaften und Gender-Studies in Warschau. Ihr Debütroman Weibskram erhielt im Jahr 2008 die Auszeichnung “Paszport polytiki”. Ein Jahr später 2009 war das Buch neben 19 anderen Werken weiterer Autoren für den wichtigsten polnischen Literaturpreis “NIKE” nominiert. Frau Chutnik zeichnet sich aus durch ihre Arbeit als Gründerin und Leiterin der Vereinigung “MaMa”. Sie setzt sich ein für die Rechte der Mütter in Polen.

Wer die scharfe Gesellschaftskritikerin und ihr Werk Weibskram näher kennenlernen möchte, hat dazu am Sonntag, den 18. März 2012 die Möglichkeit. Im Rahmen der lit.Cologne präsentiert sie ihr Buch im Klaus-von-Bismarck-Saal am Wallrafplatz in Köln.

Mania, Maria, Marian und Marysia

Weibskram beginnt auf einem der zahlreichen Märkte in Polen. Hier findet man alles und nichts. Der Leser steht mitten im Raum und sieht Gemüse- und Fleischauslagen. Findet hier alte Buntstifte zu Spitzenpreisen. Am Rande des Geschehen lagert der Abschaum. Die Business-Königinnen. Wir kennen sie alle. Dicke Weiber die den Müll der anderen auf schnoddrigem Decken ausbreiten und illegal verkaufen. Frau Chutnik nimmt den Leser mit nach Ochota, einem Stadtteil in Warschau. Hier leben Mania, Maria, Marian und Marysia. Eigentlich alles ein und die selbe Person? Über den Figuren schwebt die hl. Gottesmutter Maria. Die Patronin der Charaktere und omnipräsent wie die katholische Kirche im Land. Sie wird angerufen bei Problemen und Schwierigkeiten, denn die Gebete der polnischen Frauen haben schon so manches bezwungen.

Der Körper der Frau

Mania beginnt mit 15 unbeholfen ihrer Mutter am Stand Töpfe zu verkaufen. Das Mädchen träumt von Seidenstoffen und einer Kutsche. Ein Prinzessin müsste man sein, doch nur der Kater lässt sich ab und an beherrschen. Mania, eigentlich Maria Kretańska, heiratet bald aus Zufall und wird bald darauf wieder verlassen. Sie bleibt zurück verwahrlost und verwirrt. Frau Chutnik beschreibt die Figur schonungslos. Während die junge Frau zu Beginn noch im Putzen der elterlichen Lösung Sinn findet, denn das erfüllt die polnische Frau, versackt der Körper bald in Gestank, Schmuddeligkeit und zahlreichen Wunden. Denn nur noch der Schmerz kann die Figur an eine einstige Gefühlswelt erinnern. Die Autorin greift hier das Körpergefühl der Frau an und die Art und Weise, wie sie darüber innerhalb der Gesellschaft wahrgenommen wird. Getreu dem Motto: ein Frau ohne Körper ist tot. So eine Frau lebt nicht.

Ich bin lästig im Alter

Als nächstes fällt der Blick des Lesers mitten rein in ein Wartezimmer. Ein alter Mensch nach dem anderen wartet auf die fünfzehn Minuten Aufmerksamkeit des Arztes. Und wehe die alte Oma oder der alte Opa will sich vordrängen. Anstellen ist die höchste aller Tugenden in dieser traurigen Gesellschaft. Frau Chutnik nimmt auch bei dieser Beschreibung kein Blatt vor den Mund. Erbarmungslos räumt sie auf und spricht Dinge an, die weh tun – aber wahr sind. Kein Platz mehr für alternde Menschen in unserer Umwelt, sie sind den Jungen zunehmend eine Last. Ich war lästig, habe die Hilfe der Familie angenommen. Ich bin nicht gestorben. Habe Rente bekommen. Ich nehme den Jungen die Luft zum Atmen. Auch Maria Wachelberska sitzt hier und wartet. Und auch Sie könnte viele Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg erzählen, wie die anderen. Aber die Figur schweigt lieber, denn die Erinnerungen schmerzen ihre Seele bis jetzt. Sie wartet lieber auf den Tod. In der Erzählung um die Figur Maria Wachelberska zieht es einen Zusammen. Frau Chutnik erzählt auf eindringliche Art und Weise, aber nie deskriptiv. Dafür bleibt ihr in ihrem Manifest keine Zeit.

Schwulig

Der Blick des Leser fällt erneut auf eine weitere Figur der Opaczewska Straße in Ochota. Der alleinstehende Herr Marian. Besonders schön ist hier, wie es Frau Chutnik gelingt eine Kulisse des Getuschels hinter dem Rücken Herr Marians zu inszenieren. Der nette Nachbar Herr Marian ist ein Problemfall innerhalb der Nachbarschaft. Er ist zwar handwerklich begabt, hilft bei verstopften Rohen und repariert Küchengeräte, ist also ein richtiger Kerl. Auf der anderen Seite kann er aber auch wahnsinnig gut backen. Plätzchen, Kuchen und viele andere Köstlichkeiten zaubert er in seiner Küche. Das ist doch auch irgendwie weibisch? Viele haben eine Vermutung, keiner spricht sie aus. Aber Herr Marian und auch der Leser spüren den Druck und die Bedrohung der Blick. Denn er ist ein Mann. Er ist ein Weibsmann.

Wer kämpft hat noch nicht verloren

Die letzte Figur schließlich gibt Hoffnung. Marysia ist elf und lebt gemeinsam mit den anderen Figuren im gleichen Haus. Das Mädchen ist zuckersüß und wird von ihren Eltern Prinzessin genannt. Nachts aber schleicht sie sich heimlich raus und randaliert voller Wut. Zugegeben das Kind hat recht radikale Gedanken für eine Elfjährige, aber vielleicht ist das das Alter in dem noch nicht alles zu spät ist? Man muss Randale machen. Die Schrauben in den Zahnrädchen lösen. Man muss kämpfen. Gegen wen oder was – nicht wichtig, sich einfach losreißen und die Marysia sein, die man dann gerade sein möchte. Manchmal ist die Figur einfach nur verzogen, aber im Vergleich zu Mania, Maria und Marian verkriecht sie sich nicht in ihrem Inneren. Sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf und zeigt ihrer Umwelt, wie verhasst sie ihr ist. Selbst, wenn sie über Leichen gehen muss.

Kritik

Der Titel Weibskram und auch die Figur der Sylwia Chutnik als Kämpferin für die Rechte der Mütter in Polen, sollten nicht abschrecken. Denn in diesem Buch geht es nicht nur um Frauen und ihre Wehwehchen. Ihr Debütroman liest sich viel mehr, wie ein Manifest. Dinge, die ich der Gesellschaft um mich herum schon immer mal sagen wollte. Das tut sie gründlich und es macht Spaß, das zu lesen. Einmal mag sich der Leser ekeln, mal ist er traurig, dann muss er wieder lachen. Das Publikum findet sich in den Figuren wieder, natürlich auch in der Rolle des tuschelnden Nachbarn.

Etwas verwunderlich ist die Übersetzung des Titels. Für meinen Teil bedeutet kieszonkowy atlas kobiet mehr so was wie Taschenbuch der Weiblichkeit bzw. der Frauen? Dabei ist ja der atlas auch unser Atlas. Die Sache ist also nicht mit einem Taschenbuch erledigt. Die Problematik ist noch viel weiter zu fassen. Schließlich provoziert das Zusammenspiel jedes Einzelnen innerhalb der Gesellschaft ein weites Spektrum an Missständen. Es geht also nicht nur um Frauen, sondern auch darum, wie man mit Werten innerhalb seiner Umwelt umgeht unabhängig welches Geschlecht man für sich bestimmt.

Der Debütroman Frau Chutniks ist zu empfehlen. Zahlreiche Motive mussten hier unerwähnt bleiben. Es gilt sie selbst zu entdecken.

Vliegen Verlag, Berlin
2012
ISBN-978-3-9813392-2-2
Taschenbuch, 191 Seiten, 12,90 Euro
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  2. Magdalena

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