Wenn Kreuze spalten

Anstoß des neuerlichen Streits: das Holzkreuz im polnischen Parlament.

(Toruń, JE) Das Kreuz als religiöses Symbol hat in Polen nach wie vor die Kraft, starke Emotionen auszulösen. Rufen wir uns noch einmal die heftigen Auseinandersetzungen des letzten Sommers zwischen den so genannten Verteidigern und Gegnern des Kreuzes ins Gedächtnis. Sicher, es ging nicht um irgendein Kreuz – Gegenstand des Streits war das Holzkreuz, das Pfadfinder unmittelbar im Anschluss an die Flugzeugkatastrophe von Smolensk in Gedenken an den verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński vor dessen ehemaligen Amtssitz, dem Präsidentenpalast in der Warschauer Innenstadt, aufstellten.

Ein Generationenkonflikt

Als dieses Kreuz nach mehreren Monaten an dieser exponierten Stelle in eine nahegelegene Kirche verfrachtet werden sollte, kam es zunächst zu wütenden Protesten der Kreuz-Verteidiger, in erster Linie ältere und religiöse Personen, Anhänger der Kaczyńskis und ihrer PiS-Partei. Dass diese es wiederum schafften, den ‚Umzug‘ des Kreuzes monatelang zu verhindern, empörte viele, größtenteils junge, Menschen liberaler Gesinnung. Das Kreuz vor dem Präsidentenpalast war für sie nicht akzeptabel, symbolisierte es doch längst mehr als nur Trauer und Gedenken an die Verstorbenen. Das einst ohne böse Hintergedanken dort abgestellte Kreuz hatte innerhalb kürzester Zeit einen in der polnischen Gesellschaft schwelenden Konflikt an die Oberfläche befördert, der zwischen den Lagern so emotional wie nur wenige andere ausgetragen wird.

Es ging zum Höhepunkt des Kreuzstreits um nicht weniger als die Frage, wie viel politischen und gesellschaftlichen Einfluss die katholische Kirche im heutigen Polen besitzen sollte. Nicht wenige Gegner sahen damals durch das Holzkreuz vor dem Sitz des Präsidenten die Trennung von Staat und Kirche gefährdet. Die Heftigkeit ihrer Reaktion zeigte zugleich, wie wichtig ihnen dieses Gut ist und für wie fragil sie es erachten.

Politisierung des Kreuzes

Kehren wir zurück in die Gegenwart: Es ist kein Zufall, dass Janusz Palikot, der politische Shootingstar des Augenblicks, sozusagen als erste Amtshandlung einen Brief an den Sejm-Marschall schickte, in dem er die Entfernung des Kreuzes aus dem Plenarsaal des polnischen Parlaments forderte. Das Thema ‚Begrenzung des Einflusses der Kirche‘ hat seine Wähler mobilisiert und ist ohne Frage wesentlich für den Wahlerfolg der Palikot-Bewegung verantwortlich. Im Wahlkampf hatten Aktivisten seiner Bewegung im Stettiner Stadtamt einen Davidstern neben das dort wie in allen anderen öffentlichen Behörden vorhandene Kreuz gehängt, um dann – nachdem Mitarbeiter des Amtes diesen entfernten – auch das Holzkreuz abzunehmen. Das Signal konnte klarer nicht sein – Palikot nimmt es mit der Kirche auf. In seinen Wahlspots kritisierte er die pauschale staatliche Finanzierung der Kirche und forderte stattdessen eine Kirchensteuer nach deutschem Vorbild.

Auch wenn, wie Adam Szostkiewicz in der Polityka schreibt, Palikot bei der derzeitigen politischen Kräftelage wenig Chancen hat, Projekte wie etwa die Entfernung des Kreuzes aus öffentlichen Gebäuden durchzusetzen (wozu im Übrigen auch die polnische Verfassung beiträgt, die die exponierte Stellung der katholischen Kirche garantiert), bleibt er der große Gewinner des Kreuzstreits vom vergangenen Jahr. Palikot, der damals gegen die Kreuzverteidiger und ihre politischen Verbündeten vor Gericht klagte, profitierte dabei auch von der abwartenden Haltung der anderen liberalen Parteien. Weder PO, noch SLD stellte sich so entschieden gegen den politisch-religiösen Komplex aus PiS und Radio Maryja wie die Ruch Palikota.

Weltliches oder katholisches Polen?

Das Kreuz im Sejm wird vorerst hängen bleiben, darin sind sich die verbliebenen Parteien einig. Der Konflikt ist damit nicht gelöst. Das sieht auch Szostkiewicz so und schlägt vor: „Wir sollten einen Audit zu den Beziehungen zwischen Staat und Kirche durchführen, möglichst ruhig und sachlich diskutieren, was sich in diesem Bereich über mehr als 20 Jahre bewährt hat, und was verändert werden muss. Die Erscheinung der Palikot-Bewegung ist in diesem Sinne ein willkommener Druckfaktor“.

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  1. Jochen

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