Wenn Magda und Jowita tüchtig lernen und pflegen

Bildschirm und Cover von Family Busines

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(Berlin, JW) „Da müssen Sie noch tüchtig üben!“ sagt die 80jährige Anna zu Jowita. „Streng Dich doch ein bisschen an und sprech mal Deutsch, (…) ich sprech ja auch ganz langsames Deutsch“ bekommt Jowita ganz am Anfang ihrer Arbeit als Betreuerin für Anna gesagt, und weint danach. Für sie ist es ein Job, um endlich ein wenig mehr Geld zur Vollendung des eigenen Hauses zu verdienen, für den sie nach Deutschland gegangen ist.

Wie anders reagiert die quirlige Polin Magda, die wie Jowita eine alte Dame in Deutschland betreut und pflegt, auf die nicht minder angreifenden Kommentare der zu betreuenden Waltraud. Mit einer reflexhaften Konterstärke, die sie locker als Betreiberin einer Schule für Schlagfertigkeit qualifizieren würde, entgegnet sie jedem Angriff auf mindestens gleichem Niveau.

Der Unterschied zwischen Magda und Jowita: Magda ist Protagonistin einer Sitcom, hier also einer Situationskomödie im Set einer polnischen Pflege- beziehungsweise Betreuungskraft in Deutschland, die auf dem Fernsehsender RTL unter dem Titel „Magda macht das schon“ mit ziemlich großem Erfolg ausgestrahlt wird. Dass Magda von einer Österreicherin gespielt wird und einen ziemlich komisch klingenden polnischen Akzent hat, ist da nur ein weiterer Punkt, der den Abstand zwischen ihr und Jowita markiert. Jowita nämlich ist wirklich in der Situation, die bei Magda überspitzt gespielt wird, und sie wird im Dokumentarfilm „Family Business“ bei ihrer Arbeit gefilmt. Das Thema aber ist in der Sitcom-Serie ebenso wie in der Dokumentation hochrelevant: Es geht um die immer häufige vorkommende Situation, dass in Deutschland ältere Leute zu Hause von Betreuerinnen (und ganz selten auch Betreuern) aus Polen versorgt werden. Die demographische Entwicklung in Deutschland, die Kostenentwicklung im Pflegebereich, die Arbeitssituation vieler Kinder (wenn welche da sind) und nicht zuletzt die finanzielle Versorgung von alten Leuten in Deutschland ist ein Grund dafür, dass Pflege aus Polen für viele attraktiv ist.

Realität, Klischee und Zuspitzung

Aber zurück zu den beiden Produktionen zu diesem Thema: Jowita gibt im Dokumentarfilm in vielen Punkten eine fast perfekte Vorlage für eine Magda, die dies in Stereotype verpackt gnadenlos bis zum nächsten Lacher des Publikums übersteigert. In anderen Punkten gibt Jowita das genau Gegenteil ab. So tritt Jowita sehr empathisch und selbstreflektierend auf die nicht ganz einfache Anna zu, deeskaliert geschickt und schafft es trotzdem, auch gelegentlich eigene Positionen durchzusetzen. Zum Beispiel, wenn es um etwas Zeit für eine Zigarette geht. Im Grunde tut eine Magda am Donnerstagabend, wenn sie in der RTL-Sitcom auftritt, das Gleiche – offensiver natürlich, lauter – ohne Frage – und mit Hang zur Pointe. Was in einem lesenswerten Tagesspiegel-Interview mit dem Autor von „Magda macht das schon“, so heißt die RTL-Sitcom, treffend als „polnische Polly Patent“ bezeichnet wird, kann man auch bei Jowita finden: Gute und einfache Lösungen für scheinbar große und komplexe Probleme.

Wenigstens überspitzt RTL auch die Rolle der betreuten Person, im Dokumentarfilm Anna und bei RTL Waltraud, ebenso. Nur, dass im echten Leben Demenz eben nicht lustig ist, dafür aber Momente, in denen die demente Person am Klavier sitzt, um so berührender sind. Von dieser Differenziertheit ist eine Majors-Waltraud, die ihre Familie vom Bett aus schikaniert und kommandiert, weit entfernt. Mitleid kommt da wenig auf, im Dokumentarfilm schon. Denn Anna hat, neben manchmal scheinbar ungewollt bösen Kommentaren wie die zu Beginn genannten, auch sehr selbstkritische Momente und ist sympathisch, wenn sie zum Beispiel darüber nachdenkt, ob es gut oder schlecht ist, die Betreuerin zu mögen. Vor allem, weil sie weiß, dass die Betreuerinnen wechseln werden.

„Sie hat eine spitze Zunge, manchmal ist sie aggressiv, aber so schlimm ist es nicht“, so fasst Jowita ihre Erfahrungen mit Anna bei der Übergabe an eine neue Betreuerin. Und weist darauf hin, wie sie das morgendliche Schmandbrot für Anna genau zubereiten muss, damit es ihr schmeckt. Diese Worte würde eine Magda wohl nicht in den Mund nehmen, aber dennoch eine ähnliche Aussage tätigen: Indem sie mit noch spitzerer Zunge kontert und die Aggressivität ironisch abprallen lässt. Im echten Leben geht das aber in den seltensten Fällen, da solch ein Verhalten bei den meisten Menschen weitere Aggression befördert.

Dennoch: Im Grunde schafft die Komödie es, die sehr sorgfältige und wertungsfreie Darstellung der Dokumentation, auf vereinfachte Oberpunkte zu bringen: Zu lösende Probleme bei der Betreuung durch Betreuungspersonen aus dem Ausland und generelle Herausforderungen bei der Pflege alter und kranker Menschen. Nur, dass die Probleme nach Magdas Lösung nicht mehr wie Probleme erscheinen, in „Family Business“ hingegen als echte Schwierigkeiten erkennbar werden. Genau diese Erkennbarkeit der Schwierigkeiten macht die Dokumentation tiefgründig, wertvoll und lehrreich.

Erkenntnis oder Klamauk

Was aber ist nun besser: Der leichte Zugang über eine Sitcom oder eine glaubwürdige Schilderung dieses wichtigen Themas in einer Dokumentation? Es kommt drauf an: Wer ernsthaft in die Situation kommt, sich in der Familie oder selbst mit einer Pflegekraft aus dem Ausland zu beschäftigen, sollte sich unbedingt „Family Business“ anschauen. Der ausgezeichnete Dokumentarfilm (Filmpreis NRW 2016, Bester Dokumentarfilm) schafft es, auf unaufdringliche Weise, ohne Momente des Fremdschämens und ohne Anklagen den Protagonisten gegenüber darzustellen, wie der Ablauf einer solchen Pflegevariante ist und welche Klippen es dabei zu umschiffen gibt. Sehr genau wird deutlich, wie wichtig Respekt auf der menschlichen Ebene ist, aber es werden auch organisatorische Aspekte deutlich – etwa der Wechsel der Pflegekraft alle paar Monate. Aus eigener Erfahrung in der Familie und als Zivildienstleistender im Seniorenheim kann ich Zitate von Jowita wie „das hat mich psychisch geschlaucht“ uneingeschränkt nachvollziehen: Gerade für die betreuende Person ist die Situation besonders zu Beginn sehr belastend, vor allem, wenn die Rahmenbedingungen in Deutschland nicht stimmen.

Magda hingegen schafft das alles locker, scheinbar ohne psychischen Stress. Das ist unrealistisch, aber selbstverständlich dem Format der Komödie geschuldet. Dennoch hat auch sie ihre Berechtigung: Denn immerhin taucht der Aspekt des Respekts auch in dieser Serie auf, ein Gefälle zwischen den Angehörigen der Nationalitäten (wie ich es schon häufiger in Artikeln  kritisiert habe) ist hier höchstens in der Kleidung zu erkennen. Das mit der Kleidung musste wohl sein, weil es so lustig aussieht. Silberne Kleider etwa hat der Artikel „Billig und willig“ in der ZEIT schon aufs Korn genommen, daher gibt es von mir als nicht gerade versiertem Modeexperten hierzu auch keine weiteren Anmerkungen. Im Kampf gegen Stereotype und die generelle Bekanntmachung des Themas „Pflege aus dem Ausland“ hat auch die Komödie ihre absolute Berechtigung und trifft im Gegensatz zu früheren Ausgaben solcher Polen-Komödien überraschend gut den Punkt.

Kompliziertes Thema: Pflege aus Polen

Wer „Magda macht das schon“ gesehen hat, weiß schon einmal, dass es nicht einfach ist, neue „Familienangehörige“ mit in die Wohnung oder ins Haus aufzunehmen, wenn jemand aus dem Ausland zur Pflege kommt. Dass menschliche Konflikte, Sprachprobleme, Eigenheiten und auch manche historische Last hier wieder auftauchen kann, wird deutlich. Dass aber hinter der Situation, dass überhaupt jemand aus Polen (oder anderswo) für die Pflege für relativ wenig Geld bereit ist, hat eine ganz andere Problematik: Da ist nach wie vor das Einkommensgefälle, da ist die Akzeptanz der Pflege- und Betreuungsarbeit für Arbeitnehmer in Deutschland. Was dahinter steckt und wie schwierig es auch für die Betreuerinnen (und selten Betreuer) aus Polen ist, für mehrere Monate nicht daheim zu sein, zeigt „Family Business“. Dass es auch gut werden kann, muss gesagt sein und ist – bei bei Jowita am Filmende, als sie bei einer Familie in der Schweiz betreut – gar nicht so selten: Betreuerinnen, die ich kenne, hatten anfangs große Probleme mit der langen Abwesenheit und der Rund-um-die-Uhr-Präsenz für die zu betreuende Person. Einige von diesen sagen mir heute aber, dass es die schönste Aufgabe der Welt sei. Bei allen hat es lang gedauert.

Die großen Probleme liegen tiefer

Und noch mehr Probleme aber stecken hinter dem Themenkomplex: Wer kümmert sich um die alten Menschen in Polen, wo die demographische Entwicklung auch nicht gegenteilig zu der in Deutschland verläuft? Wieso ist die finanzielle Organisation einer Betreuung zu Hause in Deutschland sonst nicht möglich? Auch andere Modelle geraten beim Nachdenken über dieses Thema sofort in den Fokus: Wie wird das umgekehrt für die Menschen sein, die zur Pflege ins Ausland gehen? Übrigens haben in Polen auch schon die ersten Pflegeheime und Heime für betreutes Wohnen speziell für Deutsche eröffnet. Noch ein Thema – für einen Film?

„Magda macht das schon“ läuft bei RTL. Zurzeit Donnerstags. www.rtl.de/cms/sendungen/comedy/magda-macht-das-schon.html

Family Business ist ein Dokumentarfilm von Christiane Büchner. www.buechner-filmproduktion.de/family-business/articles/family-1.html

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